Verändern und neu gestalten

Wenn Philosophie eine Welt voll Möglichkeiten schafft

Schulen der Philosophie haben in der Geschichte schon vielfach wirkkräftige Beiträge in die Gesellschaft eingebracht. Ist das auch heute möglich? Abenteuer Philosophie fragte bei Carlos Adelantado nach. Er berichtet von seinen Erfahrungen in einer modernen Schule der Philosophie – in Neue Akropolis – deren internationaler Direktor er derzeit ist.

Hier können Sie das Video des Interviews abrufen.

Was sind die grössten Herausforderungen unserer Zeit für eine Schule der Philosophie allgemein und für Neue Akropolis im Speziellen?

Auf philosophischer Ebene besteht das Hauptziel darin, die zeitlose Bedeutung des Begriffs „Philosophie“ wiederzugewinnen.

Heute ist es ein Wort, das unterbewertet und in der Schublade dessen ruht, was auch ein bisschen lästig ist und gerne vergessen wird. Es ist jedoch ganz natürlich, dass wir uns nach dem Warum von Dingen fragen, die uns widerfahren.

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Philosophie ein notwendiges Instrument, um der Existenz einen kohärenten Sinn zu geben und sich des Protagonismus bewusst zu werden, den jeder Mensch in seinem eigenen Leben übernehmen kann.

Ich hoffe auch, dass die Brüderlichkeit im täglichen Leben Einzug hält und zu einer sichtbaren Realität wird.

Mögen wir das, was uns verbindet, immer mehr schätzen als das, was uns scheinbar trennt, und möge es uns gelingen, über die oberflächliche und ständig wechselnde Betrachtung von Menschen und Ereignissen hinauszugehen.

Die Philosophie lehrt uns, je stärker wir das Wesentliche innerlich wahrnehmen, desto besser erkennen wir, was „brüderlich“ bedeutet.

Wir bemühen uns, die Kultur in der Gesellschaft präsenter zu machen.

Ich beziehe mich nicht nur auf kulturelle Aktivitäten, sondern darauf, dass die Kultur wirklich dazu dient, die Menschen zu vereinen und unterschiedliche Mentalitäten zu verstehen, sodass sie eine Rolle bei der Bewusstseinsbildung und der Öffnung der Herzen spielt.

Leider bin ich davon überzeugt, dass einige der intoleranten und aggressiven Haltungen gegenüber bestimmten Menschen oder Bevölkerungsgruppen auf einen Mangel an Kultur zurückzuführen sind, der durch die Unkenntnis anderer Ausdrucksmöglichkeiten menschlichen Handelns verursacht ist.

Beim Volontariat zielt unsere Arbeit nicht nur auf den selbstlosen Einsatz für einen guten Zweck, sondern ebenso auf die innere Entwicklung jedes freiwilligen Helfers. Jede Anstrengung, jeder Dienst zum Wohle der anderen kann dazu führen, den Sinn des Lebens bewusster zu verstehen; und gleichzeitig wachsen eine Reihe von inneren Kräften wie der Wert der Solidarität, das Selbstwertgefühl, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, das Mitgefühl… und viele andere. Vor allem aber steigert es das Gefühl der Freiheit und die Willensstärke.

Mein grosser Wunsch ist also, dass die Aktionen des Volontariats nicht nur gut und nützlich sind, sondern dass die Volontäre ihre Verbindung zum Leben stärken können.

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Schulen in diesen schwierigen Zeiten der letzten Jahre weltweit gemacht?

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass eine praktische Philosophie hilft, Ängste und Unsicherheiten zu überwinden.

Wir sehen immer mehr Menschen zu uns kommen, die ein grösseres Interesse und ein echtes Anliegen haben, das Leben und den Menschen zu verstehen. Es ist, als ob die Spiegel der Realität in tausend Stücke zerbrochen wären und man plötzlich entweder nichts mehr sieht oder eine andere Realität (Anm. der Redaktion: als etwa vor Corona) wahrnimmt. Auf jeden Fall ist das ein Motor, der uns zur Selbsterkenntnis antreibt.

Wir haben gesehen, wie nützlich die neuen Technologien sind, die es uns ermöglicht haben, unsere Arbeit trotz aller Schwierigkeiten fortzusetzen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Qualität des persönlichen Kontakts durch nichts zu ersetzen ist. Nicht umsonst fand Philosophie in der Antike immer in Schulen, in Gruppen statt, wo der Dialog als pädagogisches Mittel von grundlegender Bedeutung war und die Herausforderung, ein harmonisches Zusammenleben zu erreichen, von allen angenommen wurde.

Die Besonderheit der Philosophie Ihrer Schule liegt wohl darin, dass Sie keine Scheu vor esoterischen Themen haben, ohne dadurch aber das Niveau der Philosophie zu verlieren.

Der Begriff „esoterisch“ bedeutet „im Innersten“. Es wird als das Verborgene, das Innere verstanden, während das Exoterische das Äussere ist.

Wir verstehen also unter Esoterik das Innere, das Wesen der Dinge, das, was unserem Blick verborgen, aber wesentlich ist.

Alle Dinge und Lebewesen haben einen äusseren, sichtbaren Teil und einen inneren Teil, der ihre Grundlage ist. Ein Gebäude hat zum Beispiel Wände, Türen und Fenster, die sichtbar sind. Das wäre das Exoterische. Aber es hat auch ein Gerüst aus Säulen, Balken und Schmiedeeisen, das sein Skelett ist, das, was es trägt, das Esoterische. Und das ist im Prinzip nicht sichtbar.

Die Menschen vollziehen täglich Handlungen, die scheinbar einen praktischen Grund haben, aber hinter unserer äusseren Haltung stehen die wahren Motoren unseres Handelns. Diese Motoren, die metaphysischer Art sind (in dem Sinne, dass sie über das Physische hinausgehen), machen den esoterischen Teil des Menschen aus.

Deshalb sprechen wir von der Philosophie der Ursachen, auch Natur- oder esoterische Philosophie genannt, weil wir daran interessiert sind, das Warum der Dinge und ihre verborgenen Ursachen zu verstehen. Diese können wir durch den Verstand oder die Intuition wahrnehmen, wenn wir eine grössere Fähigkeit und Sensibilität entwickeln, die uns umgebenden Elemente miteinander in Beziehung zu setzen und zu integrieren.

Sie geben der Philosophie des Ostens und des Westens den gleichen Wert. Warum?

Warum nicht? Wir können nicht darauf beharren, das philosophische Erbe dessen, was wir Osten nennen, von Völkern wie den Indern, Japanern, Tibetern, Chinesen und anderen zu leugnen. Aber wir vergessen auch nicht den Beitrag der westlichen Philosophie. Das Problem ist, dass es immer noch eine Menge latenten Rassismus gibt, und zwar nicht nur im physischen Kontext. Eitelkeit und intellektueller Rassismus sind viel schlimmer als physischer Rassismus, und noch schlimmer sind Stolz und geistiger Rassismus, wenn man glaubt, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein.

Aus philosophischer Sicht: Welchen grundlegenden Fehler orten Sie heute in der Welt?

Meiner Meinung nach besteht der grösste Fehler darin, die Mittel mit den Zielen zu verwechseln.

Ein deutliches Beispiel ist die Wirtschaft. Die Wirtschaft sollte als nützliches und notwendiges Mittel für die Schaffung und Erhaltung von Strukturen betrachtet werden, aber niemals als Selbstzweck.

Sie soll dazu dienen, die Bildungschancen zu verbessern und dafür zu sorgen, dass mehr Menschen in der Welt Bildung erhalten; die Belastung durch schwere, mechanische und sich wiederholende Arbeiten zu verringern; den Menschen Entwicklungsmöglichkeiten in allen Bereichen zu bieten.

Das Streben nach Besitz, nach Anhäufung von Gütern schadet den anderen, fördert übermässigen Wettbewerb und die Ausbeutung anderer, um mehr Profit zu machen. Das ist aus menschlicher Sicht und aus der Perspektive einer besseren Zukunft schädlich.

Auch wenn die Wirtschaft gegenwärtig den Kurs der Menschheit lenkt und bestimmt, glauben wir nicht, dass sie die einzige Kraft für den Fortschritt der Völker und Individuen ist.

Was ist Ihre Meinung zum Materialismus?

Lange Zeit war dies die vorherrschende Vorstellung in der Welt. Und er hat sich als Idee in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung und leider auch in der Moral durchgesetzt. Er ist in das Herz unserer Häuser und in die Gehirne der Menschen vorgedrungen. Die materialistische Mentalität beherrscht das Leben der überwiegenden Mehrheit der Menschen auf unserem Planeten.

Ist das gut oder schlecht? Sicherlich ist dies eine Erfahrung, die die Menschheit als Ganzes machen muss. Vielleicht muss der Weg des Materialismus ausgeschöpft werden, damit andere Aspekte der menschlichen Existenz an Wert gewinnen.

Im Moment sehen wir, wie die materialistischen Wissenschaftler mit ihrer grössten Herausforderung konfrontiert sind: zu klären, wie das Bewusstsein aus der zufälligen Evolution der Materie entstanden ist. Wir wissen eine Menge über das Verhalten der Materie, aber wir wissen nichts über das Warum.

Auch Bildung, Politik und Wirtschaft, die auf Materialismus basieren, sind mehr oder weniger gescheitert. Die Menschen sind im Allgemeinen nicht glücklicher, obwohl sie mehr materiellen Besitz und mehr Annehmlichkeiten haben (in manchen Gegenden der Welt viel mehr als in anderen). Zugegebenermassen ist es nicht gelungen, den Hunger, die Armut und die enorme Ungleichheit auf unserem Planeten zu beseitigen.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der fühlt, dass sein Leben keinen Sinn hat?

Der erste Ratschlag ist: sich selbst Fragen stellen lernen. Wenn man dann in der Lage ist, Fragen zu stellen, aber keine Antworten findet, sucht man vielleicht nicht effektiv oder an der richtigen Stelle.

Man muss mehr in sich selbst suchen und nicht im Aussen, da es Antworten gibt, die nicht von der äusseren Welt kommen können. Man sollte versuchen, die Werte, die man in sich trägt, wahrzunehmen und zu entwickeln. Dann wird man auf natürliche Weise die Verbindungspunkte mit dem Leben finden.

Denn es gibt noch eine andere, nicht weniger wichtige Frage: Wenn das Leben einen Sinn hat (und wir nehmen an, dass es einen hat), wie kann man diesen Sinn des Lebens wahrnehmen? Mit welchen Sinnen? Es ist offensichtlich, dass wir latente Kräfte entwickeln müssen wie zum Beispiel die Fähigkeit, den Sinn des Lebens zu erkennen.

Und worin liegt unsere wahre Stärke?

Zweifellos in der Entwicklung des Bewusstseins (als Ziel) und in der Erziehung (als Mittel zur Erreichung dieses Ziels).

Professor Jorge Angel Livraga, der Initiator unserer Schule der Philosophie, lehrte von Anfang an, dass Erziehung mithilfe von Kultur die menschliche Entwicklung beschleunigt und dadurch Veränderung ermöglicht. Er wies darauf hin, dass es bei Erziehung nicht darum geht, die Natur zu verdrehen oder zu zwingen, sondern sie von ihren instinkthaften Zwängen und der seelischen und geistigen Enge zu befreien, die sie gefangen hält und Leiden verursacht.

Dies ist möglich, da jeder Mensch mit bestimmten Potenzialen und latenten Fähigkeiten geboren wird, die sich bei guter Erziehung entwickeln können.

Professor Livraga betonte, dass wahre Pädagogik darin besteht, zu informieren, ohne zu täuschen, zu lehren, ohne zu politisieren und zu erziehen, ohne zu deformieren, mit dem Ziel eines bewussten, glücklichen und engagierten Menschen, der seine Hände, sein Herz und seinen Verstand zu gebrauchen weiss.

Und vielleicht kann auch ein höheres Element als das rein mentale verwirklicht werden, wie z. B. die Vorstellungskraft und die Intuition, um die Welt zu erkennen, in der die grossen Ideale, die archetypischen Ideen, die reinsten Träume leben.

Was hat Ihre Schule der Philosophie bisher erreicht und was möchte sie noch erreichen?

Von allen Erfolgen und Errungenschaften, die sich in den 65 Jahren des Bestehens angesammelt haben, möchte ich hervorheben, dass es uns gelungen ist, Zusammenleben und Brüderlichkeit für Tausende von jungen Menschen auf fünf Kontinenten Wirklichkeit werden zu lassen. In Neue Akropolis sind Menschen aller ethnischen Herkunft, verschiedener Kulturen und religiöser Überzeugungen und sozialer Hintergründe vertreten. Für uns steht das Mensch-Sein weit über allen anderen trennenden Aspekten.

Unsere Tätigkeiten vermitteln Wissen mit einem eklektischen (vergleichenden) und undogmatischen Ansatz und es wurde ihnen in vielen Ländern das „öffentlichen Interesse“ zuerkannt.

Was müssen wir erreichen?

Wir müssen den geeigneten Weg finden, damit Philosophie richtig verstanden wird, dass sie in viel mehr Herzen vibriert, damit diejenigen, die sie suchen, sie auch finden können.

Was wollen Sie uns zum Abschluss noch mitgeben?

In der Philosophie geht es darum, eine wahre Beziehung zwischen unserem objektiven Wissen von der Welt und der Subjektivität unseres inneren Selbst herzustellen (das nicht weniger real ist, sondern eher eine „andere Realität“).

Unsere Schulen sind daher ein äusseres und inneres Experimentierfeld, das die Möglichkeit zur Verbesserung bietet – individuell und kollektiv. Sie sind eine Welt voll von Möglichkeiten, genau wie das Leben selbst. Das ist gelebte Philosophie.

 
Wenn du dich für Themen wie praktische Philosophie interessierst, bietet die Schule der Philosophie Neue Akropolis diverse Veranstaltungen zur Vertiefung an, z.B. mit dem Kurs Abenteuer Philosophie; informieren Sie sich an unseren Standorten Zürich und Basel.