Die afrikanische Philosophie des Ubuntu
Wie erklärt man eine Philosophie, die nicht in einem westlichen Lehrbuch zu finden ist? Die im Gegenteil mich und mein Umfeld geprägt hat? Diese Philosophie wird gelebt – in dem Land, in dem ich geboren wurde.
Das Vermitteln der Philosophie, die unseren Kontext prägt, ist eine wichtige Aufgabe für jeden von uns. Es hilft uns, unsere bewussten und unbewussten (Vor)urteile zu verstehen. In Zeiten, in denen Bürgerrechtsbewegungen den Anstoss zur Formulierung und Konkretisierung unserer Gedanken geben, wird dies zu einer Aufgabe, zu der wir alle aufgefordert sind. So entsteht die Notwendigkeit, die Welt aus verschiedenen soziopolitischen Zusammenhängen zu verstehen. Die Welt auch einmal aus einer afrikanischen Perspektive zu betrachten. Die Philosophie von Ubuntu wird dann offensichtlich und zeigt, wie das südliche Afrika das Wir, die Welt, das Universum und den Kosmos verstanden hat und immer noch versteht.
Die Philosophie von Ubuntu verbreitete sich vom südlichen Afrika entlang des Nilmeridians nach Nordafrika, wo sie in der Philosophie von Ma’at ihre Entsprechung fand. Ubuntu wird allgemein als eine Philosophie der Menschlichkeit oder der Wechselbeziehung und Verbundenheit verstanden. Sie lautet: „Ich bin, weil du bist, ich bin, weil wir sind“. In der Zulu-Sprache bedeutet das Sprichwort „Umuntu Ngumuntu Ngabantu“: „Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen“.
Im Kemet, im alten Ägypten kannte man das Konzept des NTR (auch Neter genannt). Es bezog sich auf das „Alles, was ist“, das heisst, das undefinierte, formlose Nichts, das gleichzeitig der Ursprung aller irdischen Objekte ist. Die lateinischen Wörter „natura“, „neutral“, „eternitus“ und damit „Natur“ leiten sich vom Begriff Neter ab. Von NTR geht die Ntu aus, die verursachende, dynamische Lebenskraft oder Macht, die die gesamte Schöpfung auf der Erde und im Universum verantwortet. Ntu ist der Geist oder das Wesen, der beziehungsweise das durch alles in einer miteinander verbundenen, zusammenhängenden und voneinander abhängigen Weise fliesst.
Wenn man also die Philosophie von Ubuntu anerkennt, heisst es auch:
„Ich bin, weil wir sind, wir sind, weil ich bin, ich bin, weil es ist, ich bin, weil sie sind.“
Das Verständnis von Ubuntu ist viel komplexer als bloss eine Wechselbeziehung oder Verflechtung von einem Menschen zum oder mit anderen. Ntu manifestiert sich in der Proto-Bantu-Sprache in vier Formen. Zu den Prinzipien, die dem Ubuntu zugrunde liegen, gehören:
- Mu-Ntu (Plural Ba-Ntu), d. h. Person oder „vernünftiges Wesen“, der menschliche Aspekt von Ubuntu;
- Ki-Ntu (Plural Bi-Ntu), ein lebloses Ding, auf das Mu-Ntu einwirkt;
- Ha-Ntu, das Konzept von Zeit und Raum; und
- Ku-Ntu, das Prinzip einer Modalität – etwas Immaterielles, das wir fühlen oder spüren, obwohl wir es nicht berühren oder aufheben können. All dies sind Aspekte von Ntu. Wenn man also Ubuntu als die Spitze einer Pyramide versteht, dann bilden Ba-Ntu, Ki-Ntu, Ha-Ntu und Ku-Ntu die vier Ecken der Basis der Pyramide.
Aus der Ubuntu-Perspektive betrachtet bedeutet es, ein vernünftiges Wesen zu sein, oder das, was ein Mu-Ntu ausmacht, wenn man alle vier verschiedenen Formen des Denkens anwendet: Segregation (Trennung), Kongregation (Verbindung), Analyse und Synthese. Alle vier gipfeln dann in Umsicht. In der Segregation sieht man die äusseren Unterschiede in dem, was innerlich ähnlich sein kann; in der Kongregation die äusseren Ähnlichkeiten in dem, was innerlich unterschiedlich sein kann; in der Analyse die inneren Unterschiede in dem, was äusserlich ähnlich sein kann und in der Synthese die inneren Ähnlichkeiten in dem, was äusserlich ähnlich sein kann.
Die Vision all dieser Denkweisen ist die „Umsicht“, die die Spitze der Pyramide bildet. Man erhält also eine allumfassende Sicht – eine Schau –, nachdem man diese vier Denkformen angewandt hat.
Mu-Ntu
Die Ntu manifestiert sich in Menschen – in vernunftbegabten Wesen – und dies schliesst die Lebenden, die Ungeborenen und die Vorfahren mit ein. Es gibt ein Kontinuum zwischen denen, die früher lebten, denen, die jetzt hier sind, und denen, die in der Zukunft kommen werden. Dazu gehören auch Gottheiten und archetypische Energien wie Oshun und Maat. All das sind Aspekte von Mu-Ntu – es sind Wege, auf denen sich Ntu als Mu-Ntu manifestiert. Ein nicht-menschlicher Aspekt der Natur (NTR), der ebenfalls in diese Kategorie fällt, sind Bäume. Während ein Baum scheinbar ein unvernünftiges Wesen ist, verleiht ihm das Kontinuum zwischen den Wurzeln, dem Stamm und den Ästen aus einer Bantu-Perspektive einen transzendenten Charakter. Es ist ein Kontinuum zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, innen und aussen, unten und oben. Eine Kraft, die mit Intelligenz ausgestattet ist. Die Tatsache, dass sie die Unterwelt unter der Erdoberfläche mit den himmlischen Reichen der Sonne und des Himmels verbindet, ist eine Metapher für ihre Fähigkeit, als Medium für verschiedene Bereiche des Seins zu fungieren. Es sind also die Bäume, mittels derer die Vorfahren in der afrikanischen Kosmologie reisen.
Ki-Ntu
Ki-Ntu ist ein Ding oder ein unvernünftiges Wesen. Zu dieser Kategorie gehören Kräfte wie Pflanzen, Tiere, Mineralien und Gegenstände des gewöhnlichen Gebrauchs, die nicht auf sich selbst, auf die jedoch Mu-Ntu oder Ba-Ntu einwirken können. Sie umfasst sogar Gegenstände, die aus anderen Ki-Ntu hervorgegangen sind wie zum Beispiel Autos.
Ha-Ntu
Hantu bedeutet Ort und Zeit, es lokalisiert jedes Ereignis und jede Bewegung in Raum und Zeit. Alle Dinge haben ein „Wo“ und ein „Wann“ – man drückt damit die Einheit von Raum und Zeit aus. Im südlichen Afrika gibt es Ortsnamen, die oft mit Präfixen wie „Ga“ oder „Ha“ versehen sind (z. B. Ga-Modjadji, Ha-Maduwa) als Hinweis auf das Konzept des Ha-Ntu. Diese Namensgebung bezieht sich auf die Zeit in der Geschichte, als eine bestimmte Gruppe von Menschen (Mu-Ntu/Ba-Ntu) an diesem bestimmten Ort ankam und sich dort niederliess, um Hüter des Ortes zu werden. Dieses Konzept verbindet Zeit und Raum zu einem Kontinuum. Ubuntu ist ein Ort, eine Zeit und eine Bewegung und umfasst die Zyklen von Körper und Natur sowie die solaren, stellaren und galaktischen Zyklen. Die alten afrikanischen Astronomen gingen nach innen, um zu studieren, was draussen war.
Nicht-Trennung und das Prinzip „wie oben, so unten“ sind grundlegende Prinzipien des Ubuntu. Ubuntu ist also eine Quantenwissenschaft.
Ku-Ntu
Ku-Ntu ist eine Modalität – etwas, das wir nicht berühren, jedoch als Individuum oder Kollektiv wahrnehmen können. Es umfasst Modalitäten wie Schönheit oder Angst.
Innerhalb der Ubuntu-Kosmologie ist das Individuum eine unteilbare Modalität. Ich existiere also in meinem umsichtigen Selbst, aber mein umsichtiges Selbst existiert, weil Sie sind und alles, was ist, ist. Es gibt eine unteilbare Dualität, individuell und kollektiv.
Dies ist der Beginn des Verständnisses von Ubuntu. Aber erst wenn jemand all dies verkörpert und lebt, können wir sagen: „Dieser Mensch hat Ubuntu“. Es ist die Art und Weise, wie man mit sich selbst, mit anderen, mit seiner Umgebung, mit Zeit und Raum interagiert – und dies in einer Einheit, in der Interaktion mit dem Ganzen sieht.
Ubuntu bedeutet, ein Teil – nicht getrennt – von der Natur zu sein, nämlich alles, was ist.
Von Rutendo Ngara und Menaka Jayakody – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
Literaturhinweis:
- AMEN, Ra Un Nefer: Metu Neter, The great oracle of Tehuti and the Egyptian system of spiritual cultivation, vol. 1, New York, NY: Khami Media Trans Visions Inc. ,1990
- JAHN, Janheinz: Muntu: African culture and the Western world. New York, NY: Grove Press, 1961
- KAGAME, Alexis: The Bantu concept of space-time (J.P. Martinon, Trans.). Referent auf der UNESCO-Konferenz „Die Entwicklung der Philosophie in der heutigen Welt: Zeit und Geschichte in den Weltkulturen“, Paris, 1970
- NGARA, Rutendo: Multiple Voices, Multiple Paths: Towards Dialogue between Western and Indigenous Medical Knowledge Systems’, in Handbook of Research on Theoretical Perspectives on Indigenous Knowledge Systems in Developing Countries, Hershey, PA: IGI-Global, 2017
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