Drei Lehrer des Lebens

Wie sie sich unterscheiden und worin sie übereinstimmen

Beginnen wir mit einem Paukenschlag: Keiner der drei kann seine historische Existenz zweifelsfrei beweisen. Weder Siddhartha, der Prinz eines unbedeutenden Fürstentums am Fusse des Himalaya (vermutlich 560 bis 480 v. u. Z.), noch der Athener Bürger Sokrates ohne Amt und politische Würde (ca. 470 bis 399 v. u. Z.) und schon gar nicht der Zimmermannssohn Jesus, mit dem unsere Zeitrechnung beginnt, waren für ihre Zeitgenossen so wichtig, dass man ihnen Münzen geprägt oder Statuen aufgestellt hätte.

Am besten ist es noch um Sokrates bestellt. 423 wurde Aristophanes‚ Komödie „Die Wolken“ in Athen uraufgeführt. Darin zeichnet der Dichter das Zerrbild eines Sokrates, der mit dem Philosophen, wie wir ihn kennen oder zu kennen meinen, wenig bis nichts gemein hat. Über Jesus findet sich bei dem jüdischen Historiker Flavius Josephus des 1. Jh. ein kurzer Eintrag, aber ob man sich darauf verlassen kann, ist ungewiss. Über den zukünftigen Buddha – nichts.

Die Quellenlage der Lehren

Das Erste, was wir von dem Buddha erfahren, sind die sog. Felsedikte des Kaisers Ashoka, der im 3. Jh. v. u. Z. die ganze nördliche Hälfte Indiens beherrschte. Nachdem er zum Buddhismus übergetreten war, liess er in seinem Reich ein paar Grundzüge des Dharma, also der Lehre des Buddha, auf Säulen und Felswänden verewigen, so die Aufforderung zu einem friedfertigen Leben und die Versicherung, dass auch er, der Kaiser, sich darum bemühe. Das erste und zugleich wichtigste umfassende schriftliche Zeugnis von Buddhas Lehre ist der sog. Pali-Kanon aus dem 1. Jh. v. u. Z. (Pali war eine nordindische Sprache). Und was war in der Zwischenzeit?

Die Lehrmeinung besagt, dass die vom Buddha begründete Mönchsgemeinschaft ungefähr ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ein erstes, und weitere fünfzig Jahre später ein zweites Konzil abhielt, und dass dabei festgelegt wurde, was von der Lehre des Buddha überliefert werden sollte. Und dann wurde auswendig gelernt… Was uns Heutigen schier unglaublich erscheint, war damals nichts Ungewöhnliches. Die dabei verwendeten Mnemotechniken, also Erinnerungsstützen wie z. B. Wiederholungen, sind dem schriftlichen Text noch heute anzumerken.

Sokrates seinerseits hatte nur einen genialen Schüler: Platon. Der wiederum hat seinen Meister so sehr verehrt, dass er ihn in den meisten seiner Schriften selbst sprechen lässt. Das macht es schwer, herauszufinden, was von Sokrates und was von Platon ist, aber man kann das heute mit wissenschaftlichen Methoden feststellen. Wichtig ist für uns hier nur: Was wir von Sokrates wissen, wissen wir hauptsächlich von Platon und Xenophon, einem weiteren, nicht ganz so nahen Schüler.

Und wie sieht es bei Jesus aus? Das erste der drei synoptischen Evangelien (synoptisch [aus dem Griechischen: zusammenschauen], weil sie miteinander verglichen werden können) ist von Markus um das Jahr 70, dann schrieb Matthäus eines um das Jahr 80 und Lukas sein Evangelium ein weiteres Jahrzehnt später. Das Johannesevangelium nimmt eine Sonderstellung ein und entstand Anfang des 2. Jh. Das ist die Ausgangslage.

Charismatische Persönlichkeiten im Umbruch

Die religiös absolut Unmusikalischen und die Wissenschaftsdogmatiker geben zu, dass es noch viel grössere Schwierigkeiten bereiten würde, zu beweisen, dass unsere drei Meister nicht gelebt hätten, als von ihrem Erdenwandel auszugehen. Tatsächlich bestreitet das heutzutage niemand mehr ernsthaft. Alle anderen ziehen daraus den Schluss, dass jeder der drei eine so charismatische Persönlichkeit und ihr Wirken und ihre Taten von einer solchen Überzeugungskraft gewesen sein müssen, dass sie, jeder auf seine Weise, ein geistiges Erdbeben auslöste, dessen Auswirkungen wie die Wellen eines Tsunamis durch die Zeiten bis an die Gestade unserer Epoche schlagen.

Das ist umso erstaunlicher, als sie in ihrer Zeit und in ihrer Kultur keine Ausnahmen waren. Als Prinz Siddhartha seinen Palast verliess und „in die Hauslosigkeit ging„, also erst ein Asket und nach seiner Erleuchtung als Buddha („der Erwachte“) ein Wandermönch wurde, war er einer unter vielen, die durch Indien zogen. Sokrates, den wir zwar als Vater der westlichen Philosophie verehren, war aber nicht der erste Philosoph – vor ihm gab es die Vorsokratiker und zu seinen Lebzeiten auch nicht der einzige. Damals waren die Sophisten gerade sehr in Mode. Aristophanes hat Sokrates in der bereits erwähnten Komödie dazu gerechnet, was eine Art Rufmord war. Und Jesus, der palästinensische Wanderprediger, war nur einer der von der römischen Besatzungsmacht so gefürchteten „Aufrührer“, von denen es im Land wimmelte. Das hatten die drei nämlich auch gemein: Sie lebten jeweils in einer Zeit des Umbruchs.

Als der Buddha erschien, war die Zeit reif, den vedischen Ritualglauben über Bord zu werfen. Sokrates sagte:

„Es ist ja schön und gut, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die Welt nun aus Feuer, Wasser oder sonst was entstanden ist (das waren die Fragen der Vorsokratiker), viel wichtiger aber ist es zu wissen, wie ich mein Leben führen soll.“

Jesus wiederum verkündete das Reich Gottes. Der Weg, so die einhellige Meinung aller drei Meister, führt nicht über die möglichst genaue Einhaltung der überkommenen rituellen Vorschriften.

Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ – Jesus

Und der Buddha: „Sei dir selbst eine Insel, sei dir selbst eine Leuchte.“ Sokrates vergleicht sich selbst mit einer (Vieh-)Bremse, die den Gesprächspartner so lange sticht, bis der selbst zu denken anfängt, und das ganze Gebäude seiner vorgefassten Meinungen zum Einsturz kommt.

Einer von vielen, und doch ganz besonders

Alle drei waren viel unterwegs, zu Fuss natürlich. Sokrates, den sich ein Leben ausserhalb von Athen nicht vorstellen konnte, ging jeden Tag in den Strassen und auf den Plätzen seiner Stadt auf Stimmenfang. Jesus zog für ein bzw. drei Jahre (das ist unklar) durch sein heimatliches Palästina, predigte, heilte Kranke, tat Wunder. Der Champion unter den Wanderern war der Buddha, der nach seiner Erleuchtung noch fünfzig Jahre predigend durch Nordindien zog und den Sangha, die Gemeinschaft der Übenden, etablierte. Dass man bei einem Wanderleben und das gilt nun wieder für alle drei keine Reichtümer anhäufen kann und auch nicht will, versteht sich von selbst. Das Sein hat Priorität vor dem Haben.

Meister des Sterbens

Wenn uns die Philosophie und die Religion nicht nur zu leben, sondern auch zu sterben lehren, dann sind unsere drei Lehrer auch hierin Meister. Der Buddha wurde achtzig Jahre alt. Ob er eines natürlichen Todes starb, ist nicht ganz klar, denn er hatte als Einziger eine Speise zu sich genommen, die ihm nicht bekommen war. Wie dem auch sei, er wusste um seinen bevorstehenden Tod, sein „Parinirvana„, d.h., er würde den Kreislauf der Wiedergeburten endgültig verlassen. Er gab seine letzten Anweisungen, legte sich auf die rechte Seite und verschied. Sein Tod stand im Einklang mit seinem Leben und seinen Lehren, die u.a. besagen, dass alles, was entstanden ist, auch wieder vergeht, so auch der Körper des Buddhas.

Auch Jesu Tod war eine Konsequenz seines Lebens. Er hätte zurückrudern oder nur im Kreis seiner Getreuen das sagen können, was ihm am Herzen lag; er hätte vor allem fliehen können. Dann wäre ihm der schmähliche Tod der Kreuzigung (ca. 33 u. Z.) erspart geblieben. Und auch Sokrates hätte fliehen können, nachdem er 399 v. u. Z. dazu verurteilt worden war, den Schierlingsbecher zu trinken. Seine Freunde hatten die Flucht sogar schon vorbereitet, aber Sokrates fand, dass das im Widerspruch zu allem stehen würde, was er gelehrt hatte. Nachzulesen ist das in Platons „Kriton„. Und überhaupt: „Wer weiss, wer den besseren Teil erwählt hat, ihr oder ich?“, sagt Sokrates zu den Freunden, mit denen er die letzten Stunden verbringt.

Der Tod war für keinen von ihnen die ultimative Katastrophe, als die wir ihn meistens ansehen. Und er war schon gar kein Ende. Ob Nirwana oder Reich Gottes die Vorstellungen gehen hier wie auch bei Sokrates auseinander – die Reise geht weiter. Auch Sokrates, den wir heute vor allem als rationalen Denker sehen, starb mit dem Blick nach vorn. Über seinen Todestag wissen wir sehr gut Bescheid. Erwähnt seien die Werke „Phaidon„, der die Gespräche wiedergibt, die vom Tod und von der Unsterblichkeit der Seele handeln, und die „Apologie„, wo Platon die Verteidigungsrede des Sokrates vor seinen Richtern wiedergibt. Xenophon hat ebenfalls eine „Apologie“ geschrieben.

Die Liebe bei Buddha, Sokrates und Jesus

Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass diese drei Meister des Lebens dasselbe gelehrt hätten. Ist es nicht eher so, dass sie sich über die Zeiten und die Räume hinweg gegenseitig spiegeln? Einander Fragen und Antworten zuwerfen? Oder, wenn wir sie, wie hier, zusammenbringen – entsteht dann nicht in der leeren Mitte zwischen ihnen eine Ahnung, ein tieferes Verständnis von Wahrheit, als es sich in Worte fassen lässt?

Am Beispiel der Liebe soll das verdeutlicht werden. Sokrates nennt sie Eros und sagt: Sie ist eine Kraft, die dir zeigt, wo dir etwas fehlt. Sie „zieht“ dich „hinan“ (bei Sokrates und den Griechen ist das nicht unbedingt das Weibliche wie bei Goethe). So kommst du z.B. von der Schönheit der Körper zu der Schönheit des Geistes und schliesslich zu der Schönheit an sich. Wenn du die absolute Schönheit einmal gesehen hast, dann siehst du die Schönheit überall. Und so geht es auch mit dem Guten und dem Wahren. Eros ist der Ansporn.

Die Liebe, die Jesus vermittelte, wird auch mit einem griechischen Wort benannt: agapé. Das ist die Liebe als uneigennütziges Geschenk. Sie geht von Gott aus, und da wir „vollkommen sein sollen, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt. 5,48), sind die Jünger Jesu aufgefordert, es auch zu versuchen. Denn diese Liebe, die nichts mit den Schmetterlingen im Bauch zu tun hat, als die wir sie so oft missverstehen, kann man lernen, so wie man die Geduld, die Grosszügigkeit oder die Mässigung lernen kann. So abgedroschen das für uns heute klingt, so revolutionär war es damals, ja, es war empörend. Denn diese Liebe gilt nicht nur den Familienangehörigen oder dem Clan, sondern allen Menschen, sogar den Feinden.

Buddha wollte das Glück aller lebenden Wesen und geht damit noch einen Schritt über unsere beiden anderen Meister hinaus, die prinzipiell alle Menschen ansprechen, aber eben nur die Menschen. Die Buddhisten sprechen nicht von Liebe, sondern von wohlwollender Zuwendung (maitrî) und Mitgefühl (karunâ).

Das lebendige Wort

Um ihre Botschaft zu vermitteln, setzten alle drei auf das Wort, und zwar auf das lebendige Wort. Hier schliesst sich der Kreis zu unseren ursprünglichen Überlegungen. Keiner von ihnen hat auch nur eine Zeile schriftlich niedergelegt, im Falle Jesu sind seine Worte und Taten sogar nur in griechischer Übersetzung erhalten. Was auf den ersten Blick wie ein Manko aussehen mag, erscheint mir als das grösste Geschenk, das sie uns machen konnten. Die Wahrheit ist lebendig und wenn sie sich auch immer gleichbleibt, so ist sie doch immer neu. „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. (Korintherbrief 2,6).

Der Verzicht darauf, die Lehre schriftlich festzulegen, war sicherlich in allen drei Fällen ein bewusster, bedeutet er doch nichts weniger als ein Verzicht, Prinzipien oder Gesetze für alle Zeiten festzuschreiben. Die Lehren des Buddha, Sokrates und Jesus befreien zur Freiheit.

Literaturhinweis

  • Frédéric Lenoir: „Sokrates, Jesus, Buddha: Die Lebenslehrer„, Piper TB
  • Karl Jaspers: „Die maßgebenden Menschen: Sokrates, Buddha, Konfuzius, Jesus„, Piper TB
  • Thich Nhat Hanh: „Jesus und Buddha – Ein Dialog der Liebe„, Herder TB

Von Sophie von Allersleben – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

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