Minimalismus und stoische Philosophie als Lebensstil
10.000 Dinge besitzt ein Europäer im Schnitt. Und 60.000 Gedanken schiessen täglich durch unseren Kopf. Wie viel davon ist wirklich nützlich? Wie können wir Unnötiges entrümpeln? Die stoische Philosophie und der moderne Trend des Minimalismus liefern Antworten für fünf konkrete Lebensbereiche.
Minimalismus kommt aus der Kunst. Der heutige Begriff stammt von der Kunstrichtung aus den 1960ern, die sich auf wenige Farben und Formen beschränkte. Die Idee jedoch, sich auf das Wesentliche zu beschränken, taucht in vielen Zeiten und Kulturen auf, vor allem als Gegenbewegung in Zeiten des Überflusses.
Das antike Griechenland liefert mit Diogenes als wohl bekanntesten Vertreter der Kyniker ein prägnantes Beispiel. Von ihm wird berichtet, dass er neben seinem Fass, in dem er hauste, nur einen Mantel, einen Stock und eine Schüssel besessen habe. Dennoch soll er ein glücklicher und angesehener Mann gewesen sein.
Halte nie einen für glücklich, der von äusseren Dingen abhängig ist.
In gemässigter Form findet man die Idee der Beschränkung auf das Wesentliche bei den römischen Stoikern wie Epiktet oder Seneca. In Indien taucht die Idee der Reduktion bei den Asketen auf und in Amerika im 19. Jahrhundert rund um Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson. Auch heute findet man wieder viele Menschen, die sich bewusst auf wenige Besitztümer beschränken. Im Internet kursieren unzählige Videos dazu, wie man mit nur 100 Dingen auskommt. Einige Minimalisten treiben es noch weiter ins Extrem wie beispielsweise der 33-jährige Schweizer Geschäftsmann Cedric Waldburger, der – obwohl ein reicher Mann – angeblich nur 55 Dinge besitzt.
Philosophischer Hintergrund
Letztlich sind sich die meisten Philosophen darin einig, dass wir alle nach Glück streben. Aber was macht glücklich?
Laut den Stoikern sind es die eigenen Gedanken, die Einstellung zum Leben, die glücklich oder unglücklich machen. Immer dann, wenn wir unser Glück auf vergängliche Dinge bauen, werden wir früher oder später leiden. Sei es, weil immer neue Wünsche und Sehnsüchte auftauchen, wir nie genug haben oder weil uns das Leben auch Dinge wieder wegnimmt. Der Stoiker Seneca sagt: „Halte nie einen für glücklich, der von äusseren Dingen abhängig ist“.
Der römische Stoiker Epiktet, der den Grossteil seines Lebens als Sklave verbracht hat und dennoch als sehr glücklicher Mensch galt, gibt das folgende Beispiel: Stellen Sie sich vor, das Leben wäre eine Reise. Sie begeben sich in eine Herberge und benützen alle Dinge, die Ihnen zur Verfügung stehen: das Zimmer, das Bett, den Schrank … Aber irgendwann ziehen Sie weiter. Es ist klar, dass Sie alles zurücklassen müssen. Nun übertragen Sie diese Situation auf Ihr Leben: Ihr Leben ist wie eine Etappe auf einer Reise. Alles, was Sie haben, müssen Sie irgendwann zurücklassen. Je mehr Sie Ihr Glück von Ihrem Besitz abhängig machen, umso schwerer wird Ihnen das Zurücklassen fallen, wenn Ihre Reise zu Ende geht. Epiktet sagt: „Bedenke bei allem, was du hast immer, dass es dir nur geliehen ist“. Auf einer Reise ist leichtes Gepäck meist vorteilhafter …
Fünf Tipps, um das Leben und die Gedanken zu entrümpeln:
1. Kleiderschrank
Kleiderschränke nehmen einen grossen Teil unseres Schlafzimmers ein. Die wenigsten tragen regelmässig alles, was im Schrank ist. Vieles haben wir ganz vergessen und kaufen dann oft unnötig neue Dinge. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was Sie alles haben.
Kleiderschrank-Challenge: Räumen Sie Ihren Kleiderschrank ganz aus und sehen Sie sich jedes einzelne Kleidungsstück an. Dann teilen Sie diese in drei Stapel:
- Stapel: „Behalte ich“
- Stapel: „Bin mir nicht sicher“
- Stapel: „Altkleidercontainer“
Den dritten Stapel können Sie gleich zum Altkleidercontainer bringen. Die ersten beiden Stapel räumen Sie wieder ein, aber in einer speziellen Art und Weise: Alle Kleiderbügel so, dass die Haken in die gleiche Richtung schauen. Und das gestapelte Gewand ebenso in eine Richtung geordnet. Jedes Mal, wenn Sie nun etwas herausnehmen und wieder hineingeben, drehen Sie den Kleiderbügel um und auch das gestapelte Gewand. Somit werden Sie im Lauf der Zeit erkennen, was Sie wirklich regelmässig tragen und was unbenutzt im Schrank liegt. Nach spätestens einem Jahr können Sie alles Unbenutzte entsorgen.
2. Social Media
Laut der aktuellen Jugendstudie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Deutschland wird „Digital Detox“ immer mehr ein Thema: Circa 40 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen weltweit sagen laut dieser Studie: „I am addicted to social media“ und 28 Prozent der jungen Deutschen haben schon mehrmals erfolglos versucht, ihre Online-Präsenz einzuschränken.
Social Media Challenge: Definieren Sie jeden Tag eine gewisse Zeit, die Sie in den Social Media verbringen, beispielsweise eine Stunde. Bevor Sie ein neues Video oder einen Post ansehen, stellen Sie sich die Frage: Warum schaue ich mir das an? Ist der Inhalt gut für mich? Regt er zum Denken an oder inspiriert er? Oder ist es reine Neugierde oder Sensationslust, Zeitvertreib? Gerade die vielen Beiträge, die unrealistische Schönheitsideale zeigen, führen eher zu Neid oder mangelndem Selbstbewusstsein, als dass sie nützlich wären … Dann geht es ans Ausmisten: Melden Sie sich von jenen Kanälen ab, die Ihnen nicht guttun, Sie nicht wirklich interessieren oder inspirieren.
3. Badezimmer
Das Badezimmer birgt ein sehr grosses Potenzial für Unordnung. Viele angebrauchte Pflegeprodukte und Duschgels werden zu Staubfängern in den Schränken … Dort können Sie viel Platz, Zeit und Verpackungsmüll sparen, wenn Sie sich der Dinge bewusst werden, die Sie wirklich brauchen.
Aufbrauch-Challenge im Badezimmer: Gehen Sie vor wie beim Kleiderschrank. Nehmen Sie alles heraus und schauen Sie sich alle Produkte an: Welche Stoffe beinhalten sie und sind sie überhaupt gut für den Körper? Das ist leicht zu überprüfen mit Apps wie Codecheck oder ToxFox. Und dann stellen Sie sich die Frage: Was brauche ich wirklich? Ungesunde Produkte werden eliminiert, der Rest wird aufgebraucht, bevor Sie etwas nachkaufen! Und beim Nachkaufen gibt es eine grosse Möglichkeit, der Umwelt etwas Gutes zu tun, wie mit Festseifen und wiederverwendbaren Abschminktüchern. Auf YouTube gibt es viele Videos zu diesem Thema …
4. Konsumverhalten
Für viele ist Shopping ein Hobby geworden und sie geben einen grossen Teil ihres Geldes für Kleidung aus. Um möglichst viel kaufen zu können, greifen sie zu Fast Fashion. Der Begriff leitet sich von Fast Food ab, mit dem dieses Konsumverhalten sehr gut verglichen werden kann: Qualitativ schlechte Ware, die zu Dumpingpreisen angeboten wird und Mensch und Umwelt schadet. Für ein 10 Euro-T-Shirt in Österreich bekommt die Näherin in Bangladesch gerade einmal 19 Cent und dieses T-Shirt benötigt in der Herstellung ungefähr 2700 Liter Wasser.
Konsum-Challenge: Bevor Sie etwas kaufen, stellen Sie sich die Fragen: Brauche ich das wirklich? Aber auch Fragen wie: Wurden die Menschen, die daran gearbeitet haben, fair bezahlt? Sind die Inhaltsstoffe und die Verpackung schädlich für die Umwelt? Wie viele Ressourcen wurden verbraucht? Second Hand ist hier eine günstige und umweltfreundliche Möglichkeit. Nicht nur für Kleidung, sondern auch für Haushaltsgeräte. Mit jedem Kauf beziehen Sie Stellung und entscheiden, welche Firmen Sie unterstützen wollen und welche nicht.
Eine gute Übung ist, das aufzuschreiben, was Sie kaufen wollen. Lassen Sie nun ein paar Tage oder eine Woche vergehen. Entscheiden Sie sich erst dann zum Kauf, wenn Sie die Produkte dann immer noch haben wollen.
5. Gedanken entrümpeln
Wie kann man unnütze Gedanken entrümpeln?
Ähnlich wie bei den anderen Dingen: Der erste Schritt ist das Erkennen: Ist dieser Gedanke hilfreich? Oder saugt er nur Energie und kostet Zeit … Um das zu unterscheiden, ist folgende Idee vom Stoiker Epiktet hilfreich: „Es gibt Dinge, die in meiner Macht liegen und solche, die nicht in meiner Macht liegen. In meiner Macht liegen mein Denken, mein Handeln, mein Verlangen und mein Meiden. Also alles in mir. Nicht in meiner Macht liegt alles andere, alles ausserhalb von mir“.
Also andere Menschen, Ereignisse, das eigene Aussehen und gewisse körperliche Eigenschaften. Auch das Vergangene, ob ich arm oder reich geboren bin, wer meine Eltern sind und das, was ich mir von der Zukunft wünsche … Wie oft kreisen unsere Gedanken um Dinge, die nicht in unserer Macht liegen und somit unnötig sind, ja oft sogar destruktiv? Wenn man das erkannt hat, kommt der zweite Schritt: Solche Gedanken loslassen und die eigene Konzentration auf das richten, was in der eigenen Macht steht. Das ist natürlich nicht so leicht. Die folgende Übung kann helfen:
Gedanken-Challenge: Nehmen Sie ein Blatt Papier: Zeichnen Sie darauf zwei Kreise ineinander. In den äusseren Kreis schreiben Sie ein Problem oder ein Thema, um das Ihre Gedanken oft kreisen. In den inneren Kreis das, was Sie selbst zur Lösung beitragen können, um das Problem zu lösen. Oder welche Eigenschaft bzw. Tugend Sie angesichts dieses Problems in sich stärken oder erproben wollen. Sei es den Humor, die Gelassenheit, die Initiative, die Geduld etc. Den äusseren Kreis können Sie nun wegschneiden und im zeremoniellen Sinne verbrennen. Den inneren können Sie behalten und an einen gut sichtbaren Ort kleben, damit Sie sich immer wieder an diese Idee erinnern.
Viel Freude mit diesen Anregungen! Minimalismus und Verzicht müssen nichts Negatives, kein Mangel sein, sondern sind im richtigen Sinne verstanden ein grosser Gewinn an Freiheit, Würde und Selbstverantwortung!

