„Alles weltliche Treiben ist letztlich doch unbefriedigend und endet unweigerlich im Leiden; was man erworben hat, geht wieder verloren; was man aufgebaut hat, geht wieder entzwei; jede Begegnung endet in Trennung, und auf die Geburt folgt (irgendwann) der Tod. Wer das erkannt hat, sollte das Ungeborene suchen.“ – Milarepa

Wie pessimistisch und weltfern klingen diese Worte. Wo wir doch das Leben lieben mit seinen sinnlichen Genüssen, den Schönheiten der Natur und der Kunst und den Momenten voller Nähe und tiefem Verständnis für unsere Mitmenschen. Mit vollkommener Präsenz der Seele jeden Moment der Gegenwart auskosten – das ist Lebenskunst. Und trotzdem: Allzu rasch ist die Befriedigung vorbei, die Freude, die Harmonie. Alles vergeht und wir schliesslich auch – bzw. unser Körper. Nicht umsonst ist jene Weisheitslehre, die sich mit der Vergänglichkeit und der Überwindung des Leids beschäftigt, im Westen immer populärer. Mitten in den Überfluss des europäischen Lebensstandards flackern schockierende Bilder von Gewalt, Elend, Umweltkatastrophen über die Bildschirme; wir können uns dem Leid nicht verschliessen.

Der ursprüngliche Mahayana-Buddhismus, eher Philosophie als Religion, gibt dem Leid einen besonderen Stellenwert bei der Weisheitssuche. Die vier erhabenen Wahrheiten lehren, dass wir das Haften (nicht den Genuss selbst!) an vergänglichen Dingen aufgeben müssen, um schliesslich Glück und Frieden zu erfahren. Leiden schafft Bewusstsein und rüttelt auf. Besonders in Extremsituationen. Da brüllt es uns an und fragt: wozu?! Darauf eine Antwort zu finden ist lebenswichtig. Vor Kurzem las ich das Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen des jüdischen Psychiaters Viktor Frankl. Er überlebte das KZ, weil er verstand, dass diese Erfahrung für ihn sinnvoll sei. In seinem Buch schildert er, wie er und seine Mithäftlinge – plötzlich Familie, Beruf und Status entrissen – darum rangen, mit dem Lagerleben fertig zu werden: die körperlichen Strapazen durch Kälte, Hunger und Misshandlung, die Verhöhnung durch die Lageraufsicht, die immer gegenwärtige Todesangst angesichts Epidemien und Vernichtungsmaschinerie.

Viktor Frankls Erkenntnis im Konzentrationslager

Er fand einen Trick, der ihm das Leben rettete: Er sah sich plötzlich selber in einem hell erleuchteten, grossen, schönen und warmen Vortragssaal am Rednerpult stehen, vor ihm ein interessiert lauschendes Publikum in gemütlichen Polstersitzen. Er war im Begriff einen Vortrag zu halten unter dem Titel „Psychotherapeutische Erfahrungen im Konzentrationslager“ (diese Vision wurde Wirklichkeit bei einem Kongress in Amsterdam 1953).

Etwas Entscheidendes war geschehen: Durch diesen „Trick“ distanzierte er sich von dem Leid, er nahm eine Metaebene der Selbstbeobachtung ein. Er erkannte eine Instanz in sich jenseits der sorgenvollen Gedanken und Gefühle. Ein Sein, das ihm niemand nehmen konnte. Und das niemals vergehen würde. Niemand konnte ihm die Freiheit nehmen, selbst zu entscheiden, wie er auf äussere Umstände reagieren wollte. Aus diesem „Trick“ entstanden später zentrale Elemente seiner Logotherapie, nämlich die „Selbsttranszendenz“ und die „Selbstdistanzierung„. Ersteres meint den hohen ethischen Wert der Hingabe an eine Aufgabe oder Person, Letzteres das humorvolle Absehen von sich selbst.

Frankl erkannte, dass es darauf ankam, auf eine Zukunft hin ausgerichtet zu sein. Diese gibt uns den Sinn und das Lebensziel. Er machte aus seiner KZ-Haft ein psychologisches Experiment unter dem Motto Nietzsches:

„Wer ein Warum zum Leben hat, kann jedes Wie ertragen.“

Die Formung des Lebens durch das Schicksal

„Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Sie alle lassen sich vom Leben nicht abtrennen, ohne dessen Sinn nachgerade zu zerstören. Not und Tod, das Schicksal und das Leiden vom Leben abzulösen, hiesse dem Leben die Gestalt, die Form nehmen. Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weissglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.“ – Viktor Frankl in: „Ärztliche Seelsorge“

Wer von seinen Mithäftlingen keinen Sinn mehr sah, sich auf keine Zukunft ausrichtete und sich entmutigt fallen liess, war anfällig für Infektionen. Denn negative, mutlose Gedanken setzen das Immunsystem des Organismus herab und so haben Hoffnungs- und Mutlosigkeit tödliche Auswirkungen. Eine zweite entscheidende Erkenntnis kam ihm, als seine Kameraden resigniert sagten: „Ich habe ja vom Leben nichts mehr zu erwarten„. Denn da wurde ihm klar: Es kommt nicht darauf an, was wir vom Leben erwarten, sondern was das Leben von uns erwartet. Nicht wir dürfen dem Leben Fragen stellen, sondern es befragt uns. Täglich und stündlich, in jedem Augenblick. Das ist eine radikale Umkehr. Das Leben befragt uns auch und vor allem durch das Leid.

Man kann im Leid glücklich sein, wenn man es als Lehrer betrachtet und wenn man sich selbst darin beobachten kann. Zu reflektieren, welche Bedeutung Kündigung, Mobbing, Scheidung, Tod eines Angehörigen oder aber ein Lottogewinn, ein beruflicher Erfolg, eine neue Liebe haben. Wozu schickt mir das Leben dies? Welche Frage stellt es mir damit? Welche Probe muss ich bestehen? Welches Haften muss ich aufgeben? Wie reagiere ich? Fühle ich mich für meine Handlungen verantwortlich oder empfinde ich mich als Opfer von äusseren Umständen oder anderen Menschen? Wer im KZ so dachte, starb früher, so einfach war das.

Frankl stellte fest, dass oft die äusserlich Schmächtigen, wenig Robusten überlebten. Ihnen hätte man auf den ersten Blick weniger Chancen eingeräumt. Doch sie verfügten über innere Kraft: ihre Hoffnungen, Visionen, philosophische Gedanken und spirituelle Überzeugungen, ihren Glauben

Philosophische Lebenskunst

Rilke, der von frühester Kindheit an leidvollen Erfahrungen ausgesetzt war, seufzte einmal auf: „Wie viel ist aufzuleiden!“ Wie man von „aufarbeiten“ spricht, so spricht hier Rilke von „aufleiden„… Das Leben ist Leiden – sagt Buddha. Und trotzdem lächelt er friedvoll und leuchtet von innen her

Macht Leiden Sinn? Ja, wenn man diesen Sinn versteht. Dies ist philosophische Lebenskunst und darf nicht aufgeschoben werden, wie uns die Geschichte über einen persischen König zeigt, der seinen Studienfreund bat, eine Weltgeschichte zu schreiben, damit er daraus die Lehren ziehen und zu einem weisen Herrscher werden könnte. Sofort machte sich der Freund an die Arbeit, befragte viele Gelehrte und weise Menschen, bis er nach fünf Jahren dem König 36 Bände vorlegte. 36 Bände, rief der König aus, wie soll ich je Zeit finden, sie zu lesen? Bitte bringe mir eine Zusammenfassung des Werks. Nach zwei Jahren kehrte der Freund mit zehn Bänden in den Palast zurück. Doch auch sie waren dem König zu umfangreich. Diesmal dauerte es drei Jahre, bis die gesamte Weltgeschichte auf ein Buch gekürzt war. Wieder war der König unzufrieden und forderte einen Text, den er an einem Abend lesen kann. Als auch das geschafft war und der Freund zum Palast zurückkehrte, fand er den König sterbenskrank in seinem Bett vor. Nun, flüsterte der im Sterben liegende König, die Geschichte der Menschheit? Ihr Verfasser blickte ihm fest in die Augen. Und kurz bevor der König den letzten Atemzug tat, sprach er: Sie leidet, Majestät.

Von Gudrun Gutdeutsch – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

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