In der Welt der Archetypen gibt es eine ideale Schönheit, die man schwer mit Worten ausdrücken kann, da sie jenseits der dürftigen Begriffswelt der Menschen liegt. Den Menschen gelingt es jedoch, etwas von dieser idealen Schönheit einzufangen, und sie versuchen, sie mit Hilfe der Materie zu reproduzieren. Diese materielle Umsetzung einer idealen Schönheit bezeichnen wir als Kunst.

Die zwei Faktoren der Kunst

Damit Kunst entstehen kann, sind also zwei Faktoren unabdingbar: eine höhere Schönheit sowie die zu ihrer Umsetzung notwendige Materie. Die Gesetze der Kunst jedoch entspringen nicht der Materie, sondern der ideellen Welt, in der die Schönheit ihre Heimstatt hat. Einzig und allein die Materie kann der künstlerischen Inspiration Grenzen setzen. Deshalb können keineswegs alle so genannten Künstler tatsächlich als solche bezeichnet werden. Wir können nicht jene, die die Materie benutzen, aber durch höhere Archetypen inspiriert werden, gleichsetzen mit jenen, die einzig und allein durch die Materie inspiriert werden. Um die Gesetze der Welt der Archetypen entdecken zu können, müssen die Künstler als Menschen erwacht sein: Sie müssen eine Vielzahl ihrer edelsten Gefühle entwickelt haben, ebenso ein hohes Mass an Intelligenz, Intuition und den Willen, schöpferisch tätig zu sein.

Das Spiel der Maya

Maya hingegen sorgt dafür, dass es nur eine geringe Anzahl solcher wirklichen Künstler gibt, weil die Welt der Schönheit und die Erkenntnis ihrer grundlegenden Harmonie einer der wunderbaren Schlüssel ist, mit dessen Hilfe man in ihr Geheimnis eindringen kann. Ihr gefallen diese Künstler der Materie, die mit der Welt der mannigfaltigen Formen experimentieren, die sich mit Licht und Farben aufhalten und glauben, sie könnten diese nach Belieben variieren. Wenn man in der Welt der Maya lebt, hat man keine andere Möglichkeit, als bei ihrem Spiel mitzuspielen.

Hier wird auch die Kunst zu einem Spiel, mit dessen Hilfe versucht wird, die Formen der Natur zu imitieren. Es handelt sich hierbei nur um Imitation, nicht um Schöpfung. Während die Natur die Gabe der Schöpfung besitzt, können die Menschen, die mit der Kunst spielen, nur das imitieren, was sie sehen, hören und berühren; aber indem sie imitieren, ohne die Wahrheit des Imitierens zu erkennen, unterlaufen ihnen zahlreiche Verzerrungen und Entstellungen.

Die Phantasie und die Deformation

Dessen ungeachtet hat die Kunst der Imitation ihre Schwierigkeiten, zumal es nicht so einfach ist, wie es den Anschein hat, die Formen der Natur zu reproduzieren. Wenn sich der Akt der Imitation als zu schwierig erweist, kommt die Phantasie dem kleinen Künstler zu Hilfe und deformiert die Formen ganz nach Geschmack und Belieben. Anstatt sich zu bemühen, diese Formen in ihrer Vollkommenheit zu erreichen, reduziert er sie auf die Ebene seiner eigenen Begrenzung.

Es wird nicht das imitiert, was man sieht, sondern das, was man sehen will. Und das, was man sehen will, ist gewöhnlich verzerrt durch den Schleier, mit dem Maya unsere Unwissenheit bedeckt. Aber der Künstler, der mit der Kunst spielt, hat für diese Deformationen eine gute Ausrede, die er seinen Zeitgenossen plausibel zu machen versucht: Er behauptet, nicht das zu reproduzieren, was „draussen“ ist, sondern das Bild, das die äussere Welt in sein Inneres projiziert. Auf diese Weise macht er Bilder, Skulpturen, Radierungen, Zeichnungen und komponiert Musik, gemäss den Spiegelungen, die er in seinem Innern sieht.

Welch geheimnisvolle Spiegelungen! Welch seltsame Bilder doch die inneren Kristalle der Menschen hervorbringen können! Wie viel Reinheit ist doch oft nötig, damit wenigstens das innere Bild etwas Klares und Glänzendes darstellt! Wie viel Eitelkeit steckt doch in dem, der lieber das nachmacht, was in ihm ist, als das, was die alte und weise Mutter Natur im Laufe der Jahrtausende für uns geschaffen hat!

Die Kunst des Wortes

Da wir nun einmal diese Tür zur Welt der Maya aufgestossen haben, sollten wir nicht die Gelegenheit versäumen, einiges über die Kunst des Wortes zu sagen. Der Turm zu Babel war auch ein Werk von Maya: Eine einzige Sprache, derselbe Ausdruck sind nicht geeignet, um die kindliche Neugier des Menschen anzuregen, der in dieser Welt noch eine Vielzahl von Erfahrungen machen muss. Seit dieser Zeit hat Maya die Wörter vermischt und ein und dasselbe Wort kann verschiedene Dinge ausdrücken und ein und dasselbe Ding kann durch viele Wörter wiedergegeben werden. Wir wissen nichts davon, wie man eine Sache mit ihrem richtigen Namen nennt, aber Maya kann uns sehr wohl mit unserem richtigen Namen nennen. Wir wissen nichts von jener höheren Kunst, in der der Ton ein Vehikel des Verstehens ist und das Wort ein intelligenter Ton. Ganz im Gegenteil, unsere Töne haben immer noch viel Ähnlichkeit mit einem Schrei und unser geschriebenes Wort gleicht einer gefährlichen Lanze, die sich im Papier verbirgt.

Sollten wir uns nicht einmal die Zeit nehmen, um der zarten Symphonie zu lauschen, die Maya im Einklang mit der ganzen Natur spielt?

Maya als die hervorragendste Künstlerin

Maya ist die hervorragendste Künstlerin, die man sich überhaupt vorstellen kann. Es gibt keine Form der Kunst, die für sie tabu wäre. Sie ist die Herrscherin über die Natur und kann mit all ihren Formen spielen. Sie erstrahlt und verlöscht, singt und schweigt, blüht auf und versteckt sich, weint und lacht, erscheint zusammen mit Sonne und Mond und malt sich ihre Welt in millionenfacher Variation. Maya ist immer aktiv und als geniale Künstlerin versetzt sie die Menschen mit ihren aussergewöhnlichen Darstellungen immer wieder in Begeisterung. Maya repräsentiert Schönheit und in ihrer Schönheit hält sie die Menschen gefangen in ihrem Gewebe von Harmonie. Maya ist stark und beweist, dass nichts in der Welt sich ihr widersetzt, womit man die Bewunderung erlangt, die die Menschen allen Starken erweisen. Maya hält ihre schützende Hand über die Kunst, weil – erinnern wir uns – diese eine der Türen ist, die uns den Zugang zu ihr ermöglicht.

Maya ist eine alte orientalische Gottheit, die die Illusion bezeichnet. Es handelt sich um den Schleier, mit dem die Natur alle Dinge bedeckt, damit wir Menschen nicht zu leicht ihre verborgenen Gesetze entdecken können. Die Schönheit der Maya und ihre vielfältigen Spiele täuschen und verführen auf diese Weise und sie verhelfen uns dazu, die Lebensjahre zu durchschreiten, die uns auf der Erde zukommen. Die Illusion spielt mit unseren Sinnen. Und wir haben mehr oder weniger bewusst teil an diesem Spiel. Die Illusion bedeutet nicht, etwas wahrzunehmen, das nicht existiert. Sondern sie basiert auf existenten Dingen, die aber nicht dauerhaft sind: Es sind Wahrheiten, die so lange leben wie eine Seifenblase… wie eine Illusion.

Nichtsdestoweniger nehmen wir in unserer Unwissenheit an, dass jene momentanen Wahrheiten alles sind. Indem wir unsere Bemühungen und unsere grössten Hoffnungen in die Spiele der Maya setzen, lernen wir den Schmerz kennen. Alles, was wir wollen, zerrinnt uns zwischen den Händen und wir werden blind angesichts der Möglichkeit, jene anderen Dinge zu sehen, die dauerhafter sind, weniger fehlbar, näher der Unsterblichkeit.

Warum wir spielen

Warum spielen wir? Warum akzeptieren wir die Illusion der Maya, ohne sie zu bemerken? Diese Frage zu beantworten entspräche dem genauen Wissen, warum ein Kind spielt.

Ein Antwortversuch: Ein Kind spielt, auch wenn es weiss, dass das Spiel, mit dem es sich beschäftigt, ein Schein ist; aber es benötigt die Übung, es benötigt das Erproben seiner Kräfte und die Vorbereitung auf das andere grössere Spiel, welches das Leben selbst ist.

Wir menschliche Wesen sind immer ein wenig wie Kinder. Unsicher angesichts des letztendlichen Schicksals, welches uns erwartet, spielen wir während des Lebens, wobei wir uns selbst zu erproben versuchen, damit wir fähig sind, kluge Handlungen zu vollbringen. Wir alle nehmen teil an den Spielen der Göttin Maya.

 
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