Kunst und optische Täuschung
Kunst und optische Täuschung stehen sich näher, als man es vielleicht vermuten würde. Man könnte sogar meinen, dass die traditionelle westliche Kunst ihrem Wesen nach bereits eine Täuschung der Sinne darstellt. Schliesslich begann man schon sehr früh, die perspektivische Darstellung in die Malerei zu integrieren und dem Betrachter eine raumgreifende Szene auf einer zweidimensionalen Bildfläche „vorzutäuschen“.
„Ich sag bloss, die Kunst ist eine Täuschung.“ Dieser Satz stammt von Marcel Duchamp, dem französischen Künstler und Wegbereiter des Surrealismus. Dieser Ausspruch könnte aber bereits vor seiner Zeit getätigt worden sein, denn er beschreibt eine durchaus zeitlose Eigenschaft der Kunst.
Um diesen vielleicht noch ungewohnten Blickwinkel der Kunstbetrachtung dem Leser und der Leserin etwas besser vorzustellen, lassen Sie uns eine Episode aus dem Leben des Zeuxis von Herakleia betrachten, einem der berühmtesten Maler des antiken Griechenland, der Ende des 5. und Anfang des 4. Jh. v. Chr. lebte. Der griechische Geschichtsschreiber Plinius berichtet über einen Wettstreit der beiden Künstler Zeuxis und Parrhasios: Zeuxis malte ein Bild von solch täuschender Echtheit, dass ein Vogel versuchte, die Trauben darauf anzupicken. Sein Konkurrent Parrhasios antwortete seinem Herausforderer mit einem Bild, auf dem ein Vorhang so täuschend echt gemalt war, dass Zeuxis vergebens versuchte den Schleier zu lüften, um die darunter liegende Malerei betrachten zu können. Es ist unbestritten eine Kunst, einen Vogel zu überlisten, aber einen vernunftbegabten Menschen zu täuschen, ist wahrlich ein noch grösseres Kunstwerk. Aus dieser Erzählung geht die Bedeutung der Illusion als wesentliches Merkmal für die Kunst dieser Zeit hervor. Die Täuschung des Betrachters wurde also ganz bewusst angestrebt, um eine so realistische wie mögliche Wiedergabe zu schaffen.
Trompe-l’œil
Eine ganz besonders täuschende Form der Illusionskunst stellt Trompe-l’œil dar. Dieser französische Ausdruck bedeutet so viel wie „das Auge täuschen“ und bezeichnet ein Kunstsujet, das dem Betrachter das Gefühl geben soll, kein Abbild, sondern die Realität vor Augen zu haben. Diese Kunstform stammt ursprünglich aus dem antiken Griechenland. Über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, wurde sie in der Renaissance wiederentdeckt, um ihre Blütezeit im Barock zu erleben, wo sie vor allem zur Raumgestaltung eingesetzt wurde. Bestimmt kennen Sie selbst beeindruckende Deckenmalereien in Kirchen oder Prunkräumen von Schlössern, die dem Betrachter eine Kuppelarchitektur, oder gar den freien Himmel über sich vorgaukeln. Raffinierte Scheinarchitektur und Perspektivenmalerei machen Räume doppelt so gross oder reich dekoriert und fordern den Betrachter heraus, sich seiner sinnlichen Eindrücke zu vergewissern.
Verschlüsselte Bilder
Eine weitere dem Trompe-l’œil verwandte illusionistische Kunstform stellt die Anamorphose dar. Mit dem griechischen Wort für „Verwandlung“ verwandt, wird in dieser Art von Darstellung die stark verzerrte Wiedergabe nur durch einen zylinderförmigen Spiegel oder von einem bestimmten Blickwinkel aus erkennbar. In der Renaissance wurde diese perspektivische Darstellung in der Kunst perfektioniert und zugleich mit ihr gespielt, sodass zum Beispiel verzerrte Bilder nur von einem bestimmten Standpunkt aus für den Betrachter klar sichtbar wurden. Der erste Künstler, der mit der anamorphen Perspektive experimentierte, war Leonardo da Vinci. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert erfreute sich die Anamorphose grosser Beliebtheit, auch weil es durch sie möglich wurde, geheime Botschaften zu verschicken oder gefährliche politische Äusserungen verschlüsselt zu überbringen. Wir kennen diese Art von Darstellung heute auch unter dem Namen Vexierbilder. Gegenwärtig ein Virtuose auf diesem Gebiet ist der englische Künstler Julian Beever, der für seine perspektivische Strassenmalerei berühmt wurde.
Mathematik und Kunst
Im 18., 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem doppeldeutige Bilder, die ihre Betrachter in Verwunderung und Erstaunen versetzten. Auch heute noch findet man solche häufig in Psychologiebüchern zur bildlichen Darstellung von unterschiedlichen Wahrheiten. In den 1960er-Jahren prägten zwei Begriffe eine sich entwickelnde Kunstbewegung: Optical Art (engl. Op-Art). Diese Strömung folgt mathematisch-formalen und meist abstrakten Wiedergabemodi. Ineinander greifende Muster mit wenigen Farben und einfachen Formen erzeugen optische Phänomene wie Bewegung oder Farbveränderungen im Bild.
Der wohl am häufigsten mit optischer Täuschung in Verbindung gebrachte Künstler ist der Grafiker M. C. Escher. Und das, obwohl dieser von der Kunstszene nie richtig Beachtung fand, weil man ihm, wie er auch selbst sagte, mehr Gemeinsamkeiten mit Mathematikern als mit Künstlern zuschrieb. Dennoch ist und bleibt M. C. Escher einer der berühmtesten Illusionskünstler mit grosser Publikumsresonanz.
M. C. Escher wurde in einem kleinen Ort namens Leeuwarden in Holland im Jahre 1898 geboren. Mit 20 Jahren beschloss sein Vater, den Jungen an die Hochschule für Architektur und dekorative Gestaltung nach Haarlem zu schicken. Schon bald stellte sich für den jungen Mann aber heraus, dass seine wahre Leidenschaft der grafischen Kunst galt. Mit der Zustimmung des Vaters wechselte Escher das Studium und ging bei Samuel Jessurun de Mesquita, einem meisterhaften Druckgrafiker, in die Lehre. Seine erste Italienreise prägte ihn derart, dass er beschloss, dort zu bleiben. In den nächsten zehn Jahren heiratete er und wurde Vater von drei Kindern. Es entstanden unzählige italienische Landschaftszeichnungen, sein Interesse für die Perspektive und einen unkonventionellen Blickwinkel wurde entfacht. Als ihn die politische Lage in Italien zwang, das Land zu verlassen, übersiedelte er erst in die Schweiz und dann nach Brüssel, bis er schliesslich wieder nach Holland zurückkehrte. Eine Entwicklung in Eschers Werken zeichnete sich ab, nachdem er, seiner Inspirationsquelle Italien beraubt, seinen Blick mehr nach innen richtete. Er begann mit Mustern und Perspektiven zu experimentieren. Der wahrscheinlich bekannteste Holzschnitt aus dieser Periode ist jener mit dem Titel Tag und Nacht aus dem Jahre 1938. Darauf ist simultan ein Dorf aus der Vogelperspektive bei Tag und bei Nacht zu sehen. Ein Vogelschwarm fliegt über das kleine Dorf hinweg und bildet damit den Übergang zwischen Tag- und Nachthimmel. Viele Jahre später schuf er weitere scheinbar unmögliche Kreationen, darunter Wasserfall und Treppauf und treppab, wofür er bis heute berühmt ist. Trotz seines umfangreichen Œuvre, das sich aus unterschiedlichsten Techniken und Motiven zusammensetzt und nur drei solcher scheinbar unmöglichen Figuren beinhaltet, wurde M. C. Escher zu einer Symbolfigur für die Kunst der optischen Illusion.
Was sagen uns die Bilder?
Was aber sehen wir, wenn wir die Bilder Eschers betrachten? Was sagen sie uns? Viele seiner Werke haben einen erzählenden Charakter, sie übermitteln dem Betrachter philosophische Gedanken und geben Denkanstösse. Sie fordern den Betrachter heraus, festzustellen, dass vieles, was auf den ersten Blick real erscheint, auf den zweiten eine scheinbar unmögliche Konstruktion ist. Aufmerksam sein, lautet das Gebot, Augen auf! Wenn wir diese Devise im alltäglichen Leben anwenden, dann werden wir feststellen, dass einige Parallelen zu Eschers illusionistischen Welten bestehen. Viele Dinge, die wir in unserer Routine täglich tun, ohne sie zu hinterfragen, stellen sich häufig als Täuschung heraus. Spätestens wenn man etwas einmal nicht so machen kann, wie gewohnt, wird man überrascht feststellen, dass die Welt deswegen auch nicht aus den Angeln springt. Im Gegenteil, vielleicht kann man dann sogar einen anderen Blickwinkel einnehmen und feststellen, dass sich ganz neue Perspektiven auftun.
So gesehen sind die illusionistischen Werke Eschers weniger täuschend als das naturgetreue Abbild einer Landschaft. In diesem Verständnis beschrieb Platon die bildende Kunst als eine Abbildung dritten Grades. In den Ideen sah er den Ursprung, sozusagen das Original aller Dinge. Die Dinge, die sich in der Welt manifestieren, waren in seinen Augen bereits nur mehr Abbilder ihres wahren Ursprunges. Bilder, die Objekte in der Welt zeigen, waren wiederum bloss Abbilder und somit eine Nachahmung dritten Grades und weit entfernt von der Wirklichkeit. Der Künstler René Magritte spielt mit seinem Bild „Der Verrat der Bilder“ aus dem Jahr 1928/29 auf Ähnliches an. Auf seinem berühmten Bild ist eine Pfeife wiedergegeben, die sehr realistisch erscheint. Doch liest man den darunter gesetzten Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“, zu Deutsch: „Dies ist keine Pfeife“, ist man als Betrachter wohl meist irritiert. Der Künstler meinte dazu: „Die Pfeife, können Sie sie stopfen? Nein, nicht wahr, sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich unter mein Bild ‚Dies ist eine Pfeife‘ geschrieben, hätte ich gelogen!“
Es hängt also vom Realitätsverständnis des Betrachters ab, was nun als Wirklichkeit oder Täuschung empfunden wird. Einer Täuschung folgt in vielen Fällen eine Enttäuschung, die nicht von aussen, sondern vom eigenen Inneren abhängt. Wir sind es, die uns Täuschungen hingeben und womöglich Realitäten nicht wahrhaben wollen. Wenn uns etwas enttäuscht, müssen wir uns bewusst sein, dass wir uns zuvor täuschen liessen. So wie in den Bildern Eschers, gibt es für uns Menschen mehr als eine Wahrheit. Was wir in den Bildern von Leonardo da Vinci, M. C. Escher oder René Magritte sehen, ist mehr Ausdruck unserer eigenen Wahrheit, als eine Illusion, die uns das Bild vortäuscht. Was wir in einem Bild sehen, gibt uns die Möglichkeit, über uns selbst zu reflektieren und somit die Chance, unser eigenes Bild der Wirklichkeit mit anderen Augen zu betrachten.
Sprichwörtliches: Von Massen und anderen Mittelmassen
Meine, pardon, unsere Hochzeitsreise führte meine Frau und mich auf die schwedische Insel Gotland. Ich möchte hier nun keine Schleichwerbung für dieses historisch und landschaftlich einzigartige Eiland machen, sondern gleich auf unser 08/15-Erlebnis zu sprechen kommen. Nicht das Erlebnis als solches war 08/15 – wer gibt schon zu, einen 08/15er erlebt zu haben, die meisten Erlebnisse gehen mehr in Richtung 007, zumindest hören sie sich im Nachhinein so an – nein, also nicht das Erlebnis war 08/15, sondern wir erlebten, was 08/15 eigentlich bedeutet.
Wir strampelten mit unseren Rädern auf die nördlich von Gotland gelegene Insel Fårö zum verheissenen schönsten Badestrand der ganzen Insel. Nur wurde dieser nicht nur uns verheissen, denn als wir endlich dort eintrafen, begrüssten uns laute Popmusik, Fast-Food-Düfte und eine dichtgedrängte kreischende Touristenschar. War das Lignano? Sind wir irgendwo in die falsche Fähre eingestiegen? Obwohl schweissgebadet beschlossen wir, hier nicht zu baden – anstatt im Meer strampelten wir weiter auf unseren Rädern.
Nach nur rund fünfzehn Minuten gelangten wir durch ein duftendes Stück Wald neuerlich ans Meer. Vor uns lag ein rund 100 Meter breiter und nach links und rechts endloser, zauberhafter Sandstrand, und nur vereinzelt Menschen. Wie konnte das sein? Wir kamen zum Schluss, dass die Masse immer das Mittelmass sucht, das Bequeme, das Bekannte, das was alle anderen auch tun, denn das gibt Sicherheit, also das Nullachtfünfzehn.
08/15 war übrigens das Maschinengewehr der deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Es war das erste einheitliche Maschinengewehr des Deutschen Reiches, genormt in der DIN 1, und wurde daher zum Synonym für Standard und Durchschnitt. Ausserdem wurden die Soldaten „bis zur Vergasung“ (eine Herleitung dieser political inkorrekten Redensart stammt ebenfalls aus dem Ersten Weltkrieg) an dieser Waffe ausgebildet.
Von Julia Haimburger und Hannes Weinelt – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
Wenn du dich für philosophische Themen wie Kunst, Psychologie oder philosophische Lebensführung interessierst und tiefere Einblicke gewinnen möchtest, besuche gerne den Kurs Abenteuer Philosophie von der Schule der Philosophie Neue Akropolis in Zürich oder Basel.

