Ein Plädoyer für eine neue Kunstauffassung
„Kunst ist zugleich Weltanschauung und spiritueller Reifungsweg der Seele.“
Können wir Kunst rational erklären? Nein. Kunst ist ein der Menschheit immanentes „Phänomen“ und daher irrational. Doch gerade in diesem Spannungsfeld, das Unausdrückbare ausdrücken zu wollen, liegt ein spiritueller Reifungsweg, der uns zu einem besseren Verständnis von Gott, Welt und Mensch führen kann.
Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten, und jede Epoche der Menschheitsgeschichte hat neue Sichtweisen auf den Kunstbegriff entwickelt. Ich schlage hier einige Thesen vor, die vielleicht nicht dem geläufigen Sinn von Kunst entsprechen, die jedoch inspiriert sind von der Einstellung und den Lehren vieler Denker und Künstler der Vergangenheit. Dies wird jeder nachvollziehen können, der sich auf das Abenteuer eines vergleichenden Studiums der verschiedenen Kulturen einlässt. Von mir stammen nur die aktuellen Beispiele – Kinder unserer eigenen Zeit, in der wir gefangen sind.
Was ist eigentlich Kunst?
In der heutigen Zeit der Auflösung überzeitlicher Wertesysteme besitzt unsere Gesellschaft keine einheitliche Vorstellung, was Kunst ist: Es herrscht ein Pluralismus, der vieles relativiert und entweiht. Kunst wird heute in höchstem Masse verschmutzt und erniedrigt. Haben wir Künstler nicht die historische und moralische Verpflichtung, der Welt eine anwendbare Alternative anzubieten? Dafür brauchen wir selbst klare Vorstellungen über Sinn und Zweck der Kunst.
Kunst ist für mich ein geistiger Weg durch „Schönheit“ und „Harmonie“. Ich plädiere für eine neue Auffassung der Kunst, die zugleich Weltanschauung und spiritueller Reifungsweg der Seele ist. Kunst ist tatsächlich ein philosophischer Pfad. Kunst leitet uns zu echter Erkenntnis und zum Erfassen überzeitlicher Werte, die wir in unserem Leben praktisch anwenden können.
„Schönheit“, hinter den Kulissen betrachtet
Wir wollen dieses Wort einmal näher betrachten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Was können wir denn unter „Schönheit“ verstehen?
Da gibt es zum Einen das ideale Schöne: Wie Platon schon lehrte, sind die Archetypen des Schönen, des Wahren und des Guten untrennbare himmlische Zwillinge. Wir dürfen den Begriff „das Schöne“ im platonischen Sinn nicht verwechseln mit „hübsch sein“, „angenehm sein“, „attraktiv sein“ oder Ähnlichem. Das griechische Wort, das Platon für unseren Begriff „Schönheit“ verwendete, war aisthesis (wo unser Wort „Ästhetik“ herkommt), und dies heisst so viel wie Wahrnehmung, Empfindung, Sinn, aber hat auch zu tun mit Gefühl, mit spüren, merken, vernehmen, und es schwingen andere Bedeutungsebenen mit wie Kenntnis, Erkenntnis und Verständnis. Das Zeitwort aisthánestai bedeutet wahrnehmen, und zwar durch sämtliche äussere und innere Sinne. Ästhetik oder Schönheit im klassischen Sinn ist also etwas Ganzheitliches, und es liegt hierin keine Bewertung ausser dass es sich um eine ganzheitliche Form der äusseren und zugleich inneren Wahrnehmung handelt.
Als Zweites gibt es das Schöne in der Natur. Schon Aristoteles, der Schüler Platons, lehrte, die Kunst sei Nachahmung der Natur. Das dürfen wir uns nicht so billig vorstellen wie zum Beispiel eine „schöne“ Kunstpostkarte der Alpen, die im Sonnenuntergang romantisch-orangerot und erhaben erglühen (ist das Kunst oder Kitsch?). Schauen wir ins 18. Jahrhundert: Schon bei Jean-Jacques Rousseau mit seinem Appell, zur Natur zurückzukehren („retournons à la nature!“) und in der Ästhetik des Sturm und Drang wird die Natur gleichsam zum Symbol des Göttlichen erhoben, und die Kunst vermittelt durch ihre symbolischen Formen zwischen Irdischem und Göttlichem. Denn die Natur hat natürlich keine „Sprache“ in unserem Sinne. Trotzdem spürt der Mensch, dass sich ihm die Natur „im Schweigen mitteilt“, und er legt der Natur eine „unsagbare Botschaft“ in den Mund. Das Kunstwerk ist so gesehen das Ergebnis eines tiefen Erlebnisses, wenn die Seele des Künstlers mit der Natur „korrespondiert“ – die äussere Natur korrespondiert mit der inneren Natur des Künstlers. Selbstverständlich kann kein Künstler die Natur künstlerisch „eins zu eins“ wiedergeben, und das ist auch gar nicht seine Absicht. Vielmehr schwingt in einem Kunstwerk auch der Charakter eines Rätsels oder Geheimnisses mit.
„Kunst will nicht niederdrücken; Kunst will befreien und lösen.“
„Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ – Christian Morgenstern, 1871–1914
Als Drittes erwähne ich das Schöne als existenzielles Phänomen: für unser Leben hat die Schönheit eine ganz besondere Bedeutung. Wie klug ist die Natur des Menschen doch eingerichtet, dass zwischen Eros und Schönheit ein so inniges Verhältnis existiert! Sonst gäbe es wohl keine Lebenskraft, kein Weitergeben des Lebens, keine Fruchtbarkeit, keine Kreativität! Denn der Eros macht sich „attraktiv“ durch das Gewand der Schönheit. Ich habe bewusst die Fruchtbarkeit auch mit der Kreativität in Verbindung gebracht, denn es gibt ja nicht nur den „physischen Eros“, der die Körper dazu bringt, neue Körper hervorzubringen, sondern auch einen pädagogischen Eros, der Seelen befruchtet. Grosse Kunstwerke aller Kulturen befruchteten Millionen von Seelen in vergangenen Epochen, und werden es weiterhin tun. Schöne Kunstwerke befruchten aber nicht nur, sondern trösten auch: Mühen des Lebens und Lasten des Alltags können so leichter ertragen werden. Dies sagte Arthur Schopenhauer, und er sprach dabei sicher aus eigener Erfahrung. Und kennt das Leben nicht auch Rausch, Ekstase, Enthusiasmus? Auch dies erweckt das Schöne in der Kunst, wie Friedrich Nietzsche mit gewaltiger Sprachkraft visionierte.
Und ein Letztes: Die Kunst ist doch etwas Hergestelltes, oder? Der Künstler arbeitet die Welt um, er erweitert sie, er vermehrt die Möglichkeiten und Kräfte, er motiviert zu ihrer realen Umgestaltung. Das ist ein hoffnungsvoller Gedanke, den ich bei Ernst Bloch gefunden habe: das Schöne der Kunst verkörpert auch jenes „Prinzip Hoffnung“, von dem die politische Utopie weiterhin lebt.
„Ein schöner Körper ist das Abbild einer metaphysischen Schönheit“
„Harmonie“ – Friede, Freude, Eierkuchen?
Unsere These lautet: Kunst ist ein geistiger Weg durch „Schönheit“ und „Harmonie.“ Wenden wir uns nun dem Begriff „Harmonie“ zu: ihn können wir interpretieren als „in rechter Spannung sein“, „im rechten Mass sein“ (griech. harmonía = „Zusammenfügung“). „Harmonie“ im klassischen Sinn bedeutet also nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“, sondern hat mit einer Spannung zwischen jenen Teilen zu tun, die zusammengefügt sind. Und bei dieser Zusammenfügung kommt es eben auf das rechte Mass an, ganz im Sinne jenes Buddhaspruchs: Die Saite reisst, wenn sie zu fest gespannt, und sie gibt keinen Ton von sich, wenn sie zu schwach gespannt ist. Die alten Griechen erzählten sich übrigens, dass die Tochter von Ares (Krieg) und Aphrodite (Liebe) „Harmonia“ heisse.
Das Streben nach „Harmonie“ kann aber auch eine Flucht davor sein, uns mit den globalen Problemen unserer Welt auseinanderzusetzen, die unsere Existenz so konkret bedrohen wie niemals zuvor. Nehmen wir das Bild der Balkenwaage zu Hilfe: Auf beiden Seiten ziehen die Waagschalen hinunter, und wenn sie im Gleichgewicht sind, herrscht „Harmonie“. Aber diese Harmonie ist das Ergebnis einer dynamischen Spannung. Es gibt keine Harmonie ohne „dynamische Spannung“, weder in der Natur noch in unserer Seele. Dieses „rechte Spannungsfeld“ immer wieder zu suchen: das gehört zum Leben dazu. In diesem Zusammenhang haben wir auch einen wichtigen Schlüssel zur modernen Kunst: Das „Hässliche“, das Verzerrte, das Unproportionierte, die Karikatur, die Übertreibung, das Morbide (wir könnten die Liste endlos verlängern) kurz: alles Spannungsgeladene hat auch seinen Platz in der Kunst.
Dies mag die soften „Harmoniestreber“ entsetzen, von denen es viele Zeitgenossen gibt… die so genannte New-Age-Bewegung ist ein beliebter Tummelplatz für sie. Doch ich denke, wer immer nur nach „Harmonie um jeden Preis“ strebt, ohne die Spannung zu akzeptieren, wer also eine spannungslose Harmonie sucht, der sucht den Tod. Man sagt, nur der Tod habe keine Spannung mehr. Und wo Tod herrscht, ist keine Entwicklung mehr möglich. Natürlich haben auch sanfte Harmoniestreber ein Recht, Schönheit und Harmonie zu geniessen. Doch das ist nahe am Kitsch. Kitsch ist, habe ich mal gelesen, unreflektierter Genuss von Stimmungen, passives Aufnehmen der Welt ohne eigenen Gestaltungswillen, Hang zur bequemen Wunscherfüllung. Ich habe nichts gegen Kitsch, auch ich habe zu Hause meine nostalgische Souvenir-Ecke. Aber wir sollten Kitsch nicht mit Kunst verwechseln.
Nehmen wir eine Kunstausstellung, die Ekel erregt, die Menschenwürde der Lächerlichkeit preisgibt oder das religiöse Gefühl in den Schmutz zieht. Dies ist nicht Kunst im klassischen Sinn, denn hier ist „das rechte Mass“ oder die „Harmonie“ nicht gewahrt – diese Kunst führt nicht zur Erkenntnis einer Wahrheit und ermutigt nicht, überzeitliche Werte zu leben. Kunst will nicht niederdrücken; Kunst will befreien und lösen.
Nehmen wir nun das Kunstwerk der griechischen Tragödie: Der Zuhörer wird in eine immense Spannung geführt, indem er mit dem Lebensphänomen konfrontiert wird, „schuldlos schuldig zu werden“. Dadurch erleidet er einen „übermenschlichen“ oder besser gesagt „archetypischen“ Schmerz. Er ist zutiefst bewegt, aufgewühlt, erschüttert. Es ist nur natürlich, dass sich da Tränen lösen. Doch diese Tränen sind reinigend im Sinne der griechischen katharsis: sie reinigen ihn von Stolz und führen ihn zu mehr Bescheidenheit; sie reinigen ihn von Machtstreben und führen ihn zu mehr Dienstbereitschaft; sie reinigen ihn von Selbstverblendung und führen ihn zu wahrer Liebe und Hingabe.
Kunst – ein Erkenntnisweg, ein Werteweg
Wahrheit ist leider nicht immer „angenehm“. Sie ist einfach. Und ein Kunstwerk kann unsere Augen für das Wahre öffnen. Wenn wir bei einem Werk „Wahrheit“ mit allen inneren und äusseren Sinnen wahrnehmen, haben wir es mit einem „schönen“ Kunstwerk zu tun. „Das Wahre“ ist aus platonischer Sicht „schön“, auch wenn es für uns Menschen unangenehm und unbequem oder gar erschütternd sein mag – vorausgesetzt, es bleibt ein dynamisches Kräftegleichgewicht bewahrt, eben „das rechte Mass“.
Ein Kunstwerk ist tatsächlich auch eine Reinigungskammer für unsere Seele. Die Erkenntnis in die Schicksalskräfte lässt überzeitliche Werte in uns reifen, die wir in unserem eigenen Leben zum Wohle der Natur, unserer Mitlebewesen und von uns selbst anwenden können. Kunst kann zugleich Weltanschauung und spiritueller Reifungsweg der Seele sein. Wenn wir wollen.
Von Walter Gutdeutsch – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
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