Ephraim Kishon – als Satiriker, Regisseur und Filmemacher ist er ein Weltbegriff. Wer aber hat bisher gewusst, dass Kishon Kunstgeschichte studiert hat und ein Diplom als Bildhauer besitzt? Als Einleitung möchte ich daher einige Zitate von Kishon aus seinem Buch „Randbemerkungen zur modernen Kunst“ wiedergeben:

„Künstler, die innerhalb von fünf Minuten aus einem alten Familienfoto, einer defekten Nähmaschine und einigen Küchenresten ein modernes Kunstwerk entstehen lassen und dann neben ihrer »Collage« mit todernstem und feierlichem Gesichtsausdruck posieren, zeigen damit in aller Öffentlichkeit ihre tiefe Verachtung für ihre geistig zurückgebliebenen Mitmenschen. Oder was ist von einem Ausstellungsobjekt zu halten, das aus einem alten Tennisschläger mit zerfetzten Saiten besteht? Und zwischen all diesen unergründlichen Kunstwerken bewegen sich auf Zehenspitzen andächtige Schwachköpfe mit verzücktem Gesicht, halten sich krampfhaft am luxuriösen Katalog fest und murmeln verstört vor sich hin: „Vielleicht… wer weiss… wenn’s alle sagen… es muss doch irgend etwas dahinterstecken…“.

Die Schönheit ist für die heutige Kunst gestorben. Sie lebt nur mehr in Werken die hundert oder mehr Jahre alt sind und Immunität geniessen.

Frauenbüste und das Phänomen Picasso

„Nichts steckt dahinter. Nichts, ausser einem fetten Geschäft für wichtig und geheimnisvoll tuende Kunsthändler im dunklen Blazer und dem definitiven Beweis für die ungewöhnliche Formulierungskunst einiger namhafter Kritiker. Die Schönheit ist für die heutige Kunst gestorben. Sie lebt nur mehr in Werken die hundert oder mehr Jahre alt sind und Immunität geniessen. Die Gegenwart gehört der Mülldeponie. Dies sind die Auswüchse der modernen Kunst in unserer freien Welt. Kein Kritiker, keine Zeitung, kein künstlerisches Forum würde es wagen, einen Maler ernst zu nehmen, der seine Kunst noch ernst nimmt. Keiner würde es wagen, diesen Aussätzigen auch nur anzusprechen oder gar mit ihm gesehen zu werden.“

Bevor wir nach der ursprünglichen Aufgabe der Kunst fragen wollen, möchte ich einen bemerkenswerten Auszug aus Picassos überraschendem Nachlass, der in dem Buch „Libro Nero“ des bekannten italienischen Kunstkritikers Giovanni Papini veröffentlicht wurde, anführen:

„Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler sein Talent für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen der intellektuellen Scharlatanerie offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und Effekthascher suchen in ihr Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstössigkeit. Ich habe die Kritiker mit den zahllosen Scherzen zufriedengestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren…

Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im grossen Sinne des Wortes. Grosse Maler waren Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Clown, der seine Zeit verstanden und alles herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen.“

Diesem aufrichtigen Geständnis ist nichts hinzuzufügen.

Die ursprüngliche Aufgabe der Kunst

Picasso bedauerte, dass der Betrachter eines heutigen Kunstwerkes weder Trost noch Erhebung findet. Doch genau dieser Aufgabe hat sich die Kunst in den Hochkulturen aller Zeiten gewidmet, nämlich den Menschen zu erheben, zu veredeln und sein inneres Wachstum zu fördern. Deshalb suchten die wahren Künstler der alten Völker das Überzeitliche – das Ewige, das Wahre und das Schöne in ihren Werken zum Ausdruck zu bringen. Sie waren auf der Suche nach diesen inneren Werten, die sie inspirieren sollten; nach dem Ewigen und nach der Wahrheit. … Sie waren Philosophen „Liebende und Suchende der Weisheit“.

Und die heute so moderne „Spontanität“ und der „Ausdruck der eigenen Persönlichkeit“ waren für die damaligen Künstler eher ein Hindernis auf ihrem Weg… doch darauf wollen wir später näher eingehen.

Vorerst etwas Geschichte

Die Kunst als schöpferisch gestaltende Tätigkeit u. a. in der Baukunst, der Plastik und der Malerei, hat sich seit dem 16. Jahrhundert von seiner ursprünglichen Bedeutung gelöst. In der Frühzeit und in den Hochkulturen stand die Kunst lange in engster Beziehung zu Glaube und Religion; so waren in Griechenland die Tempel, die Götterskulpturen und mythologische Szenen vorwiegender oder ausschliesslicher Gegenstand der Kunst. Die zunehmende Lockerung der religiösen Bindungen bewirkte die Loslösung der Kunst von der Religion und ihre Verselbständigung unter rein ästhetischen Aspekten.

In den klassischen Epochen steht ein umfassender, das Religiöse miteinbeziehender Inhalt mit einem eigengesetzlichen Formwillen im Gleichgewicht. Gegensätze zur Klassik sind der Phantasie- und Gefühlsüberschwang der Romantik, das Streben nach unbedingter Wirklichkeitserfassung im Realismus, schliesslich der Bruch mit der künstlerischen Überlieferung und die Versuche, durch einseitige Steigerung alter oder durch neugeschaffene Ausdrucksmittel neue Gehalte auszusprechen (Expressionismus, abstrakte Kunst, Surrealismus).

Die Problematik des heutigen Kunstbegriffs ergibt sich, wenn sich der Künstler auf die Wahl gefundener, aus ihrem gewohnten Umfeld herausgelöster Gegenstände beschränkt (ready mades, objets trouvés; z. B. im Dadaismus, Environment, Pop Art) und wenn er den Bewegungs- und Zeitfaktor einbezieht (kinetische Plastik, Mobile, Happening, zeitgenössische Kunst).

Die Moderne Kunst wurde zum Ausdrucksmittel einer kritischen Haltung der eigenen Zeit gegenüber, war und ist aber gleichzeitig bis in ihre tiefsten Wurzeln (falls welche existieren) von ihrer Zeit geprägt. Das bedeutet, dass sie in zunehmendem Masse Spiegel der materialistisch wirtschaftlichen Geisteshaltungen des 20. Jahrhunderts wurde. Diese Auffassungen setzten sich in Politik, Wissenschaft, im persönlichen Leben und in der Kunst durch.

Die wahren Künstler der alten Völker suchten das Überzeitliche – das Ewige, das Wahre und das Schöne – in ihren Werken zum Ausdruck zu bringen. Die heutigen Künstler suchen Spontanität und Ausdruck ihrer Persönlichkeit.

„Die Kunst führt derzeit tatsächlich ein erniedrigtes und zweckentfremdetes Leben. Sie sucht ihren inhaltlichen Stoff in der harten Materie, da sie die feine nicht mehr kennt. Die Kunst ist somit reduziert und entseelt. Der moderne Künstler sucht sich für seine Geschicklichkeit, Erfindungs- und Empfindungskraft in materieller Form den Lohn. Sein Zweck wird Befriedigung des Ehrgeizes und der Habsucht. Statt einer vertieften gemeinsamen Arbeit der Künstler entsteht ein Kampf um diese Güter. Hass, Parteilichkeit, Vereinsmeierei, Eifersucht, Intrigen werden zur Folge dieser zweckberaubten, materialistischen Kunst. Ohne Begeisterung, mit kaltem Herzen und schlafender Seele werden Millionen von Kunstwerken produziert. Die Konkurrenz nimmt zu. Das wilde Jagen nach Erfolg macht die Suche immer äusserlicher.“ – Kandinsky

Eine geistige Wende

Immer wenn Religion, Wissenschaft und Moral gerüttelt werden, und wenn die äusseren Stützen zu fallen drohen, wendet der Mensch seinen Blick von der Äusserlichkeit ab und sich selbst zu. Die Literatur, Musik und Kunst sind die ersten und empfindlichsten Gebiete, wo sich diese geistige Wende in realer Form bemerkbar macht. Bewusst oder unbewusst gehorchen sie dem Worte Sokrates: „Erkenne dich selbst!“

Bewusst oder unbewusst wenden sich allmählich einige Künstler hauptsächlich zu ihrem Material, prüfen dasselbe, legen auf die geistige Waage den inneren Wert der Elemente, aus welchen zu schaffen ihre Kunst geeignet ist. Gröbere Gefühle, welche als Inhalt der Kunst dienen könnten, werden den echten Künstler wenig anziehen. Er wird danach trachten, feinere Emotionen im Betrachter zu erwecken. Da laut klassischer Auffassung die Künste veredelnd auf die menschliche Seele wirken und ihr Wachstum fördern, wird der wahre Künstler versuchen, diesem Ideal gerecht zu werden. Alle diese Formen erfüllen dann ihren Zweck und bilden eine geistige Nahrung. Jedenfalls halten solche Werke die Seele von der Vergröberung ab. Sie erhalten sie auf einer gewissen Höhe, wie der Stimmschlüssel die Saiten eines Instrumentes. Wohin ist dieses Leben gerichtet? Wohin schreit die Seele des Künstlers, wenn auch sie in der Schaffung tätig war? Was will sie übermitteln? „Licht in die Tiefe des menschlichen Herzens senden, ist des Künstlers Beruf“, sagt Schumann.

Form und Inhalt

So wie die Architektur auf unseren physischen Körper wirkt, eine Skulptur unsere Energien bewegt, ein Gemälde unsere Stimmung und Gefühle veredeln kann, so wirkt die Dichtkunst erneuernd und erfrischend auf unseren Geist und die Musik wiederum fördert das Wachstum unserer Seele. Da alles Äussere auch unbedingt Inneres in sich birgt, so hat auch jede Form ihren Inhalt, ihre Botschaft. Die Form ist also dessen Ausdruck. So ist es verständlich, dass Inhalt, Ästhetik und die entsprechende Form nur auf dem Prinzip der zweckmässigen Berührung der menschlichen Seele ruhen müssen Aus dem Prinzip einer inneren Notwendigkeit.

Die 3 Elemente des Künstlers

Auch laut Kandinsky – berühmt durch sein 1912 erschienenes Buch „Das Geistige in der Kunst“ stellt sich die wirklich reine Kunst immer in den Dienst des Göttlichen und somit der Vervollkommnung des Menschen. Die innere Notwendigkeit entsteht laut seinen Schriften aus drei mystischen Gründen:

  1. hat jeder Künstler, als Diener der Kunst, das der Kunst im allgemeinen Eigene zu bringen. (Es ist dies das Element des Reinen und Ewigen in der Kunst, welches durch alle Menschen, Völker und Zeiten geht, im Kunstwerke jedes Künstlers, jeder Nation und jeder Epoche zu sehen ist und als Hauptelement der Kunst keinen Raum und keine Zeit kennt.)
  2. hat jeder Künstler, als Kind seiner Epoche, das dieser Epoche Eigene zum Ausdruck zu bringen. (Das Element des Stiles im inneren Werte, zusammengesetzt aus der Sprache der Epoche und der Sprache der Nation.)
  3. hat jeder Künstler, als Schöpfer, das ihm Eigene zum Ausdruck zu bringen (Es ist das Element seiner Persönlichkeit.)

Nur das unter Punkt 1 genannte Element des Reinen und Ewigen in der Kunst bleibt ewig lebendig. Es verliert mit der Zeit seine Kraft nicht, sondern gewinnt an ihr ständig. Eine ägyptische Plastik, ein Gemälde von Leonardo da Vinci, eine Skulptur von Michelangelo oder Rodin erschüttert uns heute noch immer. Wir hören in ihr den Klang der „Ewigkeit-Kunst“.

Der Künstler, das Kunstwerk, der Aspekt der Schönheit

So sieht man endlich (und dieses ist laut Kandinsky von unbeschreiblicher Wichtigkeit für alle Zeiten und ganz besonders „heute“!), dass das Suchen nach dem persönlichen, nach dem Stil nicht nur durch Absicht unerreichbar ist, sondern auch nicht die grosse Bedeutung hat, die heute der Sache beigemessen wird. Und man sieht, dass die allgemeine Verwandtschaft der Werke, die durch Jahrtausende nicht geschwächt, sondern immer mehr und mehr gestärkt wird, nicht im Äusseren, im Äusserlichen liegt, sondern in der Wurzel der Wurzeln im metaphysischen Inhalt der Kunst.

Die Perfektion bzw. das Ziel in der Kunst liegt in der Vereinigung mit Gott bzw. mit dem eigenen inneren unsterblichen Wesen. Sobald der Künstler auf sein „Werk“ schaut und sich darin verliebt, ist er von seinem wahren ICH entfernt und hat nur unvollkommene Teile seiner Persönlichkeit in Schwingung versetzt. Ohne Begeisterung, mit kaltem Herzen und schlafender Seele werden Millionen von Kunstwerken produziert.

Je mehr ein „heutiges“ Werk vom zweiten (Stil der Zeit) und dritten Element (Ausdruck der Persönlichkeit) hat, desto leichter wird es natürlicherweise den Zugang zur Psyche der Zeitgenossen finden. Je mehr aber das erste Element (das Reine, Ewige, Zeitlose) im Werk vorhanden ist, desto mehr werden die anderen zwei übertönt und dadurch der Zugang erschwert. Deswegen müssen manchmal Jahrhunderte vergehen, bis der Klang des ersten Elementes zur Seele der Menschen gelangen kann. So ist das Überwiegen dieses ersten Elementes im Werk das Zeichen seiner Grösse und der Grösse des Künstlers, der sich in den Dienst des Göttlichen und Überzeitlichen stellt. Diese drei mystischen Notwendigkeiten sind die drei notwendigen Elemente des Kunstwerks, die fest miteinander verbunden sind, d.h. sie durchdringen sich gegenseitig, womit in jeder Zeit das Einheitliche des Werkes ausgedrückt wird.

Prof. Livraga dazu: „Die Kunst ist der Ausdruck des Schönen und Träger einer metaphysischen Botschaft. Sie ist die Brücke zwischen den Archetypen und unseren menschlichen Unzulänglichkeiten. Für den wahren Künstler ist sein Beruf wie ein Priesteramt: indem er die Schwingungen des Archetypus aufnimmt, vermag er Unsichtbares in Sichtbares zu verwandeln. Die echte Kunst bedarf keiner Interpretation, sie wirkt durch ihre Klarheit.“

Im Gegensatz dazu werden Künstler von jeglicher Eigenverantwortlichkeit entbunden, und man spricht von der Freiheit der Kunst, ohne eigentlich zu wissen, was damit gemeint ist. Üblicherweise wird darunter eine exzessive Darstellung des eigenen Ichs, falls vorhanden, die erwähnte Darstellung von Kritik, Zweifeln, Ängsten und Neurosen verstanden, die dem Betrachter schonungslos aufgedrängt werden, und man bezeichnet dies als lebensnahen „Realismus“ im Gegensatz zu einem angeblich irrealen „Idealismus“. Die Folge ist eine Versklavung der Menschen und vor allem der zeitgenössischen Künstler durch ihre triebhaften Leidenschaften und Leugnung, dass der Mensch aus mehr als einer Anhäufung von tierischen Instinkten bestehe. Das „Geistige“ ist in der offiziell akzeptierten modernen Kunst nicht existent.

Es ist nötig, dass der Künstler „ausser seinen Augen auch seine Seele kultiviert“, damit SIE als bestimmende Kraft beim Entstehen der Werke tätig ist – und nicht die unkultivierten, ausschweifenden Teile seiner Persönlichkeit. Doch dies verlangt eine aktive Betätigung von Körper und Seele unter ethischen und ästhetischen Prinzipien. Dazu gehört auch Pflichtgefühl und Verantwortlichkeit für die Wirkung des Geschaffenen auf die Seele des Betrachters. Durch die äusseren Mittel geblendet, sucht dessen Auge nicht, was durch diese Mittel lebt. Wir müssen wieder lernen, hinter die Formen zu schauen, um den Inhalt, die Botschaft des Kunstwerkes in unserer Seele erfassen zu können. Dasselbe gilt für die Betrachtung der Natur und der Schöpfung: Alles, was der Verstand uns bisher erschlossen hat, ist unvollständig, da er in die Probleme einen Punkt der Natur nicht einbezogen hat, nämlich das, was die Natur uns an Schönheit vermittelt. Solange wir nicht erkennen, dass uns die Natur nicht nur Gesetze, sondern auch Schönheit offenbart, solange bleibt die Erscheinung der Wahrheit für uns nur Stückwerk.

Dazu Prof. Livraga: „Die Kunst ist das Sichtbarmachen der Schönheit; sie ist die harmonische Verbindung verschiedener Teile. Wir können sie nicht verstandesmässig erfassen: die Kunst ist etwas Intuitives. Man fühlt sie, bevor man sie versteht; was nicht schön ist, kann daher nicht Kunst sein.“

Und nach Platon ist es ebenfalls des Künstlers Drang, eine unvergängliche Schönheit zu schaffen.

Kurz gesagt, der Künstler ist nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, mit den Formen so umzugehen, wie es für diesen heiligen Zweck notwendig ist … Und die Aufgabe der Kunst in ihren Höhepunkten aller Kulturkreise war immer, die Seele des Menschen anzusprechen, sie zu erheben, zu nähren und zu formen. Hiebei ist der Aspekt der Schönheit und der richtigen Proportionen von grösster Bedeutung; denn selbst in der Natur ist die Schönheit das wesentlichste Merkmal. Wie konnte die Natur je ein Gerüst aus Knochen und Muskeln „mechanisch“ bilden, damit die Haltung der Katze schön wird, ebenso wie die des spielenden Kätzchens? Beobachte einen Vogel im Flug. Hier offenbart die Natur nicht nur ihre künstlerische Meisterhand, sondern auch ihre Kunst der Bewegung. Und wenn wir erst zur Farbgebung kommen, so empfinden wir eine tiefe Bewunderung über diese künstlerische Schöpfung der Natur.

Nur einer der selbst Künstler ist, d.h. einer, der Auge und Hand während vieler Jahre geüt und seine Vorstellungskraft so entwickelt hat, dass er jene unbeschreibliche Urkraft, die wir „Kunst“ nennen, fühlen kann, nur der weiss, dass die Natur nicht mechanisch sein kann. Der wahre Betrachter kann den unsichtbaren Baumeister dahinter erkennen…

Wir kommen darauf zurück, dass die Kunst im Ganzen daher nicht ein zweckloses Produzieren der Dinge ist, die im Leeren zerfliessen, sondern eine Macht, die heilvoll ist und der Entwicklung und Verfeinerung der menschlichen Seele dient. Sie ist eine feine Sprache, die nur in ihrer eigenen Form zu unserer Seele spricht.

Es gab in der Geschichte immer Perioden, in welchen die Seele durch materialistische Anschauungen, Unglauben und daraus fliessende rein praktische Bestrebungen betäubt und vernachlässigt wurde. Doch es gab auch immer Pioniere, grosse Seelen, die wieder einen erneuernden geistigen Impuls in das Chaos brachten wie es z. B. Platon, Giordano Bruno, Leonardo da Vinci, Beethoven, Isadora Duncan, R. Wagner und viele andere waren.

In erster Linie soll der „neue Künstler“ seine Pflicht der Kunst und also auch seiner Seele gegenüber anerkennen und sich nicht als Herr der Lage betrachten, sondern als Diener höherer Ideale, dessen Pflichten präzise, gross und heilig sind. Er muss sich selbst erziehen und vertiefen in die eigene Seele, diese eigene Seele vorerst pflegen und entwickeln, damit sein äusseres Talent später etwas zu gebären hat. Oder wie Goethe es formulierte: „Der Geist muss das Talent des Künstlers leiten. Der Geist darf daher nicht verfinstert sein.“

Zum Abschluss und als Zusammenfassung meiner Gedanken zum Thema Kunst möchte ich nochmals Professor Livraga zu Wort kommen lassen:

„Der Mensch hat noch einen langen und steilen Weg zu überwinden, bevor er die Kunst, die wahre Kunst, verstehen wird: jene Schönheit und reine Harmonie, die erleichtert und erhebt, indem sie den besten Teil von uns in Schwingung versetzt. Alles, was niedere Leidenschaften weckt, wie Dissonanz, Gewalt oder Verzweiflung aus Unwissenheit, ist nicht Kunst; es ist die Frucht irdischer Wesen, die umso mittelmässiger wird, je weiter sie sich von der göttlichen Kunst entfernt. Solange die Menschen in ihrer Seele nicht jene stille Harmonie der Sterne besitzen, werden sie niemals in der Lage sein, wahre Kunst zu schaffen.“

Von Ingrid Moser – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie, 1995

Bibliographie:

  • Wassily Kandinsky: „Das Geistige in der Kunst“
  • Prof. Jorge Angel Livraga: „Briefe an Delia und Fernando“
  • Isadora Duncan: „Mein Leben, meine Zeit“
  • Prof. Jorge Angel Livraga: „Ankor der Jünger“
  • Ephraim Kishon: „Picasso war kein Scharlatan. Randbemerkungen zur modernen Kunst“
  • Prof. Livraga Rizzi: „Gedanken – Zitatesammlung“

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