„Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze.“ – Goethe
Seit der Antike beschäftigt sich die Philosophie mit der Frage nach der Schönheit. Einerseits ist die Schönheit ein subjektiver Eindruck, doch es bestand schon immer das Bestreben, die Gesetzmässigkeiten hinter der Schönheit zu erforschen. Das «Schöne» ist, nach klassischer Auffassung, durch Harmonie, Symmetrie und Ordnung gekennzeichnet. Im Alltag wird als «schön» meist etwas bezeichnet, was einen besonders angenehmen Eindruck hinterlässt.
Die philosophische Disziplin, die sich damit beschäftigt, ist die Ästhetik.
Das Schöne bei Platon
Das Staunen über Schönheit gehört seit der Antike zu den wichtigsten Themen der Philosophie. Platon beschäftigte sich in seinem Dialog «Symposion» damit, wie Schönheit auf die Menschen wirkt. Schönheit hat ein passendes Verhältnis zum Göttlichen und sorgt beim Menschen für Freude und Offenheit. Anhand der Schönheit erklärt Platon auch seine Ideenlehre.
Harmonie (altgriechisch harmonía) bezeichnet das «Ebenmass», die Vereinigung von Entgegengesetztem zu einem Ganzen. Als Symmetrie bezeichnet man die Eigenschaft, dass ein geometrisches Objekt durch Bewegungen auf sich selbst abgebildet werden kann, also unverändert erscheint.
Die häufigste Form ist dabei die Achsensymmetrie oder Spiegelsymmetrie, die bei Dingen auftritt, die entlang einer Symmetrieachse gespiegelt sind. Sie zeigt sich zum Beispiel in der Natur bei einem Eiskristall oder einem Schmetterling.
Schönheit kann der Mensch zuerst in den Dingen erkennen: in den objektiven Erscheinungsformen der Natur, des Menschen und den von Menschen geschaffenen Gegenständen. In der nächsten Stufe erkennt er die Idee des Schönen als dahinterstehendes Prinzip, das über die physische Erscheinung hinausgeht – unabhängig von der äusseren Form.
So bevorzugt Platon die Schönheit in der Seele eines Menschen gegenüber der Schönheit des Körpers. Schöne Gespräche und das Schöne in «Tätigkeiten, Sitten und Gesetzen» sind ihm wichtiger als die äusserliche Erscheinungsform. Die Schönheit geometrischer Formen zog Platon der von Lebewesen oder Kunstwerken vor, da diese lediglich relativ schön seien, während bestimmten regelmässigen geometrischen Figuren eine absolute Schönheit zukomme. Ordnung, Mass (Angemessenheit) und harmonische Proportionen waren für ihn die entscheidenden Kriterien für Schönheit, da diese den Dingen Einheit verleihen.
Die höchste Stufe ist sodann die Bewunderung der allgemeinen Idee des Schönen, die allem Schönen zugrunde liegt. Weiters steht das moralisch Schöne für Platon gegenüber dem ästhetisch Schönen deutlich im Vordergrund.
So verknüpft Platon die Idee des Schönen mit der Idee des Guten. Die Proportionen beschreiben die Beziehung von Teilen zueinander oder zu einem grossen Ganzen. In der Architektur ist die Proportion das Verhältnis der Längen-, Breiten- und Höhenmasse eines Bauwerks, einer Fassade oder eines Bauteils. Architekten und Künstler aller Epochen nutzten Proportionssysteme bei der Erschaffung von Kunstwerken.
Eine häufig zu findende Proportion ist die des sogenannten Goldenen Schnitts: Er definiert die Teilung und das Verhältnis der Strecken A, B und C. Dies bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass sich der kleinere Anteil (C) zum grösseren (B) so verhält wie der grössere Anteil (B) zum Ganzen (A). Die einfachste Näherung ist der Bruch 5 : 8, welcher mit ca. 1% Abweichung vom exakten Wert übereinstimmt. Ein weiteres ganzzahliges Verhältnis mit einer Annäherung ist 3 : 5.

Es handelt sich somit um eine Teilung, bei der immer ein Bezug auf das Nächstgrössere und somit schliesslich auf das Ganze besteht. Gerade durch die Teilung wird der Bezug zum Ganzen herausgestellt. Der Begriff «Goldener Schnitt» wurde erstmals 1835 vom deutschen Mathematiker Martin Ohm gebraucht. Synonyme für dieses Zahlenverhältnis sind: Göttliche Proportion, Goldenes Mittel, Goldenes Verhältnis oder Heiliger Schnitt.
Der Mensch empfindet dieses Verhältnis als besonders harmonisch und natürlich, es gilt damit seit der Antike als der Inbegriff perfekter Proportionen. Die Macht des Goldenen Schnitts Harmonie zu erzeugen, liegt in seiner einzigartigen Kapazität, Teile eines Ganzen derart zu verbinden, dass jeder seine eigene Identität bewahrt und doch mit dem grösseren Muster eines einzigen Ganzen verschmilzt.
Der Mathematiker Leonardo Fibonacci (1180–1240) fand ein nach ihm benanntes Näherungsverfahren für den Goldenen Schnitt: die sogenannte Fibonacci-Folge (beginnend mit 1 ergibt jeweils die Summe zweier aufeinanderfolgender Zahlen die unmittelbar danach folgende Zahl und kann ins Unendliche fortgesetzt werden, somit lautet sie: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55 und so fort).

Dabei nähert sich das Verhältnis zweier aufeinanderfolgender Zahlen immer mehr dem Verhältnis des Goldenen Schnitts. Mathematisch drückt sich PHI als 1,618033988 aus.
Der Goldene Schnitt in der Kunst
In der Geschichte der Kunst taucht die Proportion des Goldenen Schnitts seit der Antike in den verschiedensten Kunstwerken und Gebäuden auf. Zum Beispiel beim berühmten griechischen Bildhauer Polyklet (5. Jh. v. Chr.) in seiner Statue eines Doryphoros (Speerträger) oder beim Parthenontempel auf der Athener Akropolis.
Auch in den Werken der herausragenden Künstler der Renaissance, Michelangelo und Leonardo da Vinci, entdeckte man die Verwendung dieser besonderen Proportion.
Wir finden den Goldenen Schnitt auch bei den gotischen Kathedralen des Mittelalters wie zum Beispiel bei der Kathedrale Notre Dame in Paris oder im Dom von Florenz.
In der Fotografie gilt die sogenannte Drittel-Regel. Sie ist eine Gestaltungsregel, die sich an den Goldenen Schnitts anlehnt. Dabei wird das Bild gedanklich in neun Teile geteilt und das Hauptmotiv in einen der Schnittpunkte gelegt.

Ob der Goldene Schnitt bewusst verwendet wurde oder ob die Künstler und Baumeister intuitiv diese besondere Proportion in ihren Kunstwerken verwendeten, ist nicht immer eindeutig festzustellen.
Auf jeden Fall haben diese Kunstwerke eine aussergewöhnliche Ausstrahlung und Qualität, die die Menschen über Jahrhunderte hinweg fasziniert haben.
Antike
- Euklid, griechischer Mathematiker, 365–300 v. Chr.
- Im Buch über «Die Elemente» findet man die erste mathematische Beschreibung des Goldenen Schnitts – «erstaunliches Streckenverhältnis»
- Vitruv, römischer Architekt, 1. Jh. v. Chr.
Eine zentrale Passage in Vitruvs Abhandlung stellt die Theorie des wohlgeformten Menschen (homo bene figuratus) vor. Anhand geometrischer Formen werden die Proportionen des Menschen zueinander beschrieben. Dies inspirierte mehrere Künstler der Renaissance zu Skizzen, unter anderem auch Albrecht Dürer. Die berühmteste Illustration stammt von Leonardo da Vinci und erlangte unter dem Namen «Der vitruvianische Mensch» Berühmtheit. Mit dieser Zeichnung belegte Leonardo die These Vitruvs, der aufrecht stehende Mensch füge sich sowohl in die geometrische Form des Quadrates als auch in die des Kreises ein.
Renaissance
- Leonardo da Vinci, italienischer Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph, 1451–1519
- Johannes Kepler, deutscher Naturphilosoph, Mathematiker, Astronom, Astrologe, Optiker und evangelischer Theologe, 1571–1630, «Göttlicher Schnitt»
Neuzeit
- Martin Ohm, deutscher Mathematiker, 1792–1872, «Goldener Schnitt»
- Gustav Fechner, deutscher Experimentalpsychologe, 1801–1887, Untersuchung von Gustav Fechner zum Goldenen Schnitt: Befragung von Personen, welches Rechteck ihnen am angenehmsten erscheint
- Le Corbusier, schweizerisch-französischer Architekt, 1887–1965
Von Gerhard Mayer – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
Die Schule der Philosophie Neue Akropolis informiert über philosophische Themen wie Wissenschaft, Kunst und Ästhetik unter anderem durch den Kurs Abenteuer Philosophie; regelmässige Informationsabende finden dazu in Zürich und Basel statt.

