Die kosmische Ordnung in Symbolen
Was ist das gemeinsame Element von Spiralnebeln, Sonnensystemen, Atomen, von menschlichen Chakras, der Iris unserer Augen, von Sonnenblumen, von Fensterrosetten in gotischen Kathedralen, von Labyrinthen, Steinkreisen, Wasserkristallen, Schneeflocken…?
Sie alle sind Mandalas. Die von Menschen geschaffenen Mandalas, Diagramme aus Kreisen und Quadraten, um eine Mitte angeordnet, dienen vor allem der Meditation, der Konzentration auf die eigene Mitte, der Vereinigung der Gegensätze, der Ganzwerdung und Heilung. Das Wesentliche liegt nicht in der äusseren Gestaltung, sondern im Mittelpunkt, der Quelle, durch die schöpferische Energie fliesst. Der Mittelpunkt ist quasi die Null, Ausgangspunkt der Schöpfung und gxleichzeitig Endpunkt und Ziel. Dazu kommen der Kreis (Gesamtheit, Vollkommenheit, Kosmos, Ewigkeit) sowie auch oft noch das in den Kreis eingeschriebene oder ihn umschliessende Quadrat (Materie, menschliche Welt).
Der Kreis (Sanskrit: „Mandala“) mit seinem Mittelpunkt gilt als „die Mutter aller Symbole“ und hat für die ganze Menschheit die gleiche Bedeutung. Neben den jahrtausendealten Steinkreisen (wie Stonehenge) und den häufigsten Mandalaformen des Abendlandes (wie Labyrinthe und Rosetten) sind die höchst komplexen hinduistischen und tibetischen Mandalas in Form von Thangkas, Fresken oder Gemälden die bekanntesten.
Der himmlische Palast im tibetischen Buddhismus
Im klassischen tibetischen Mandala wird meist das Symbol der Welt(erschaffung) als eine Festungsburg von prachtvoller Erscheinung dargestellt. Die vier Eingänge oder Tore entsprechen den vier Himmelrichtungen. Das Mandala ist hier nicht nur ein kosmischer Plan, sondern auch ein himmlischer Palast. Es wird zur Wohnung einer Gottheit, indem die Lamas mit komplizierten Ritualen und langen Meditationen das himmlische Wesen einladen, auf dem Lotussitz im Mittelpunkt des vorbereiteten Mandalas Platz zu nehmen. Das Mandala ist umschlossen von einem schützenden Kreis, der häufig von einem Lotusband und einem Flammenband in den Farben der fünf Buddhafamilien umgeben ist. Solche durch magische Kräfte „beladenen“ Bilder haben eine sehr machtvolle Wirkung und werden mit grosser Ehrfurcht behandelt.
Hoch entwickelt und systematisch geordnet ist auch das Weltbild der Navajo-Indianer. Sie gestalten Mandalas zur Umwandlung eigener negativer Projektionen oder Ängste. In der Mitte steht als zentrale Figur der betreffende Mensch selbst als Sieger über die dämonischen Kräfte, als „Vernichter der fremden Gottheiten“, die um ihn herum in Form von Tiergestalten in den vier Himmelsrichtungen angeordnet sind. Durch Erkenntnis und Selbstbeherrschung kann der Mensch diese Wesen nun in den Dienst der schöpferischen Kräfte stellen.
Entstehung und Vergehen
Indianer in Nordamerika und Mönche in Tibet erschaffen Mandalas manchmal auch aus Sand, bunten Steinchen oder Körnern, zerstören sie dann nach den Zeremonien oder lassen sie vom Wind verwehen, vom Wasser wegtragen, denn wesentlich ist der Akt des Sich-Versenkens, das Aufnehmen der Botschaft oder auch die Kontaktaufnahme mit den Wesenheiten, die das Mandala bewohnen. Es ist auch eine Erfahrung damit verbunden: Die Dinge entstehen und vergehen im ewigen Kreislauf des Lebens und kehren wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück.
Schamanen können Mandalas als Hilfsmittel verwenden, um das Tor zur jenseitigen Welt oder zur „Anderswelt“ zu öffnen und um ausserkörperliche Seelenreisen durchzuführen, ausserhalb von Zeit und Raum. Dazu visualisieren sie den Mittelpunkt als Öffnung. Es entsteht eine Art psychische Sogwirkung (wie es auch sensible Menschen beim Ausmalen eines Mandalas von aussen nach innen erleben können). So kann sich der Meditierende als Mikrokosmos erleben, der durch das Eindringen in das Zentrum von aussen her die Einheit mit dem Makrokosmos oder mit dem Weltgeist erlangt.
Ein eigenes Mandala zu schaffen, es zu zeichnen, zu malen oder zu bauen, ist ein Ritual mit einer sehr starken Wirkung: Es führt zu Ruhe, Erkenntnis, innerem Wachstum, wirkt als Schutzschild gegen äusseren Trubel, und die Symmetrie eines Mandalas kann das innere Chaos besiegen. Es ist ähnlich wie beim Durchschreiten eines Labyrinths, am Ende steht die Verbindung mit der Quelle und mit der eigenen Mitte. Der Mensch ist selbst ein Mandala, er besitzt eine Mitte und steht so in Resonanz mit diesem Symbol. Aber weder Wissen noch Scharfsinn, sondern Hingabe und eine gewisse aufmerksame Absichtslosigkeit öffnen das Tor.
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