Der Zeitgeist lebt von Geschichten. Von Geschichten, die zwischen den Zeilen geschehen. In diesen Übergängen zwischen den Ebenen leben die Augenblicke, die uns wirklich berühren und bewegen. Vielleicht, weil sie sich so flüchtig wie Nebelschwaden unseren Zugriffen zu entziehen verstehen. Denn wir hängen ihnen nach, wir versuchen verzweifelt, einen Augenblick von dem zu erhaschen, was wir Ewigkeit nennen.

Die schönen Dinge des Lebens sind Vergangenheit, bereits geschehen und somit mehr oder weniger aus unserem Bewusstsein verschwunden. Die Zukunft beschwören wir durch unsere Wünsche, Vorstellungen und Visionen. Sobald diese dann wirklich zum Jetzt geworden, gegenwärtig sind, haben wir keine Zeit für sie.

Die dauerhafte Freude als die Abwesenheit des Kummers und der Sorge kann derart kaum aufkommen, denn diese ist ein Kind jenes Übergangs zwischen den Zeiten.

Die Eroberung der Gegenwart

Zwischen Vergangenheit und Zukunft die Gegenwart zu erobern, zwischen Leben und Tod das eine Leben zu begreifen, zwischen Kindheit und Alter die Jugend zu bewahren – das sind die Schätze, die uns wirkliches LEBEN ermöglichen.

Dies ist weniger ein tatsächliches Problem denn eine Frage des Bewusstseins und somit unserer Lebenshaltung. Akzeptiere ich das eine und das andere, oder jage ich verzweifelt der physischen Jugend nach? Von Seneca stammen diese Gedanken unserer äusseren Suche nach Glück, die uns gleichzeitig die wirkliche Schönheit des Lebens verlieren lässt.

So wird auch die Suche nach der ständigen physischen Jugend eine vergebliche sein, der Körper altert unerbittlich, wird krank und stirbt einmal. Doch jenseits der materiellen Ebene existieren unsere Sehnsüchte nach Gerechtigkeit, Schönheit und Dauer.

Die geistige Jugend und der Zeitgeist

Zwischen ihrer „Geburt“ und ihrem „Alter“ durchlaufen sie genau jene Zwischenebene der „Jugend“, in der sie deswegen so jung sind, weil wir uns um ihre Umsetzung bemühen. Wir bemühen uns, gerecht und gut zu sein und knüpfen damit an einem Stück Ewigkeit an. Denn diese unsere heutigen Sehnsüchte sind dieselben wie diejenigen der Menschen vor langer Zeit, so wie es diejenigen der Menschen von morgen sein werden.

Körperlich jung zu sein gelingt uns für eine bestimmte Zeit, jung zu bleiben gelingt uns nur im Geistigen. „Carpe diem“ fordert Marc Aurel. Dafür benötigen wir das Bewusstsein des Gestern und des Morgen. Dies ist natürlich ein unsicherer Standpunkt und muss täglich neu erobert werden.

Erst dann vermag in uns so etwas wie ein Zeitgeist entstehen, wenn wir aus der möglichen Sicherheit der Zwischenzeile das Leben mit unseren gerechten Handlungen zu schreiben beginnen.

Von Helmut Knoblauch – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

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