Für eine ganzheitliche Heilkunst

Jede Epoche hat eine Seite des Menschseins am besten entwickelt. Jede Epoche kann daher eine Frucht auf dem Baum der ganzheitlichen Medizin beitragen. So wollen wir in diesem Artikel auf Schatzsuche in unserer europäischen Geschichte gehen, um zu sehen, welches Erbe der Medizin wir antreten können. Wir wollen uns dabei an wichtigen Meilensteinen orientieren, die uns den Weg zu einer ganzheitlicheren Medizin weisen können.

Religiöse Medizin der Antike

Unsere europäische Medizingeschichte hat ihre Wurzeln in Griechenland. Das herausragendste Merkmal dieser Zeit war eine Medizin, die im Religiösen eingebettet war. Gesundheit hing nicht allein von der Geschicklichkeit der Ärzte ab, sondern man wusste auch um die Notwendigkeit der Heilung der nichtstofflichen Ebenen des Menschen. So gab es in Epidauros den Tempelschlaf im Abaton (Allerheiligsten), an jenem Ort, wo Asklepios, der Gott der Medizin, im Traum dem Kranken die Wege zur Heilung aufzeigte oder diese sogar direkt vornahm. Der Patient musste sich zuvor in verschiedenen Reinigungsritualen auf allen Ebenen für diese religiöse Heilserfahrung vorbereiten. Neben dem Abaton und anderen Kultplätzen hatte die Anlage auch das berühmte Theater, wo über die Tragödie die Seele eine Katharsis (Reinigung) erleben konnte. Darüber hinaus gab es ein Sportstadion, das für die notwendigen körperlichen Aktivitäten Raum gab.

Hier wurde der Mensch als Ganzes betrachtet: Körper-Seele-Geist. Man wusste, dass Gesundheit ein Zustand des Gleichgewichts aller Ebenen des Menschen ist und wirkliche Heilung nur dann stattfinden kann, wenn sich der Mensch wieder mit der religiösen Dimension verbindet.

Die Ethik des Arztes bei Hippokrates (460 v. Chr. – 370 v. Chr.)

In dieser Epoche finden wir aber noch einen weiteren Meilenstein: den Eid des Hippokrates. Zwar bildete die Schule des Hippokrates eine Ergänzung zu den Asklepiaden und war somit Vorläufer der wissenschaftlichen Medizin. Aber vielleicht war das langsame Verschwinden der Mysterien in der Medizin und somit auch der Priesterärzte der Grund, warum neue Wege notwendig wurden, um Integrität und Moral des Arztes zu garantieren. Der hippokratische Eid repräsentiert die erste ethisch-moralische Selbstverpflichtung von Ärzten, die wir seit dem Einsetzen schriftlicher Überlieferung überhaupt kennen. Im Zentrum des Eides steht der Satz „Rein und heilig werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren“, womit der schwörende Arzt sein Leben und seinen Beruf unter ein göttliches und geheiligtes Gesetz stellt. Das erinnert uns daran, dass eine ganzheitliche Medizin nie allein nur aus Methoden bestehen darf. Denn neben dem heilsungsuchenden Patienten bedarf es auch eines Arztes, der sich unter ein göttliches Sittengesetz stellt, um die Verantwortung für die Seele des Patienten tragen zu können.

Gesunde Lebensführung als Präventivmedizin – Diätetik bei Galen (129 – 216 n. Chr.)

Diätetik als gesunde Lebensführung ist ein Thema der Medizingeschichte, das keineswegs an Aktualität verloren hat, sondern angesichts chronischer Erkrankungen und vor allem in der Prävention auch heute von substantieller Bedeutung ist. Diätetik hatte aber bei Galen und bis ins Mittelalter hinein nicht nur damit zu tun, was man essen und trinken darf oder sollte. Sie bezog sich vielmehr auf alle Bereiche des menschlichen Lebens, und zwar eine an der Natur orientierte Lebensweise, und wurde in sechs Bereiche untergliedert – in die „sex res non naturales“ – die sechs nicht natürlichen Dinge. Sie wurden so genannt, weil sie zwar zur Natur gehören, aber von dieser nicht automatisch und instinktiv festgelegt sind wie Atmung oder Kreislauf. Zu diesen sechs Bereichen gehörten: Licht und Luft, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Ausscheidungen, Affekte. Nach diesem Konzept kann keine Arznei wirken, wenn der Kranke nicht selbst mitarbeitet und auf dieses Gleichmass achtet. Der Mensch ist für einen vernünftigen Lebensstil selbst verantwortlich. Bei der Ernährung ist die „Mitte und das Mass“ entscheidend.

Eine Grundschrift der Diätetik aus dem Mittelalter stammt aus der Medizinschule von Salerno. Zahlreiche Sprüche aus diesem Text sind in die Alltagssprache übergegangen, wie z.B.: „Nach dem Essen sollst du ruhen oder 1000 Schritte tun“. Eine Grundforderung eines salernitanischen Gedichtes zeigt die Verknüpfung von Physiologie, Psychologie und Philosophie: „Besser als ein Arzt sei die dreifache Regel: Ruhe, Heiterkeit, Mässigkeit.“

Naturheilkunde bei Hildegard von Bingen (1098 – 1179 n. Chr.)

Aus der Epoche des Mittelalters sticht ein Name heraus: Hildegard von Bingen. Das mittelalterliche Weltbild war geprägt von der Vorstellung der engen Verbundenheit zwischen Kosmos und Mensch. Der Makrokosmos spiegelt sich im Mikrokosmos Mensch wider, weshalb sich auch in der Natur Elemente finden, die den Menschen heilen können. Hildegard von Bingen war nicht nur eine grosse Mystikerin, sondern sie verfasste auch die erste Naturkunde Deutschlands, das Werk „Physica“. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von antiken Überlieferungen, zeitgenössischem Wissen, eigener experimenteller Erfahrungen und intensiver Naturbeobachtungen. Alle Reiche der Natur, von der mineralischen, pflanzlichen, bis zur tierischen Welt wurden von ihr erfasst. Überall entdeckte sie Verwandtes, alles gehörte zusammen, Natur und Mensch bildeten eine Einheit. Das Wissen, das sie uns weitergegeben hat, zeigt ein dichtes Netz von Wechselbeziehungen auf, das Universum und Mensch auf allen Ebenen durchwirkt.

Eine weitere wichtige Säule für die ganzheitliche Medizin stammt ebenfalls aus dieser Zeit: Es ist die Reihenfolge der Behandlungsmassnahmen bei Krankheiten. An erster Stelle standen immer ärztlicher Rat und Diätetik. Falls das nicht wirkte, durften Heilmittel angewendet werden. Erst ganz zuletzt war es erlaubt, die Chirurgie einzusetzen. Kurz gesagt heisst das: Erst das Wort, dann das Medikament und als ultimo ratio das Messer. Wie haben sich die Zeiten geändert – vielleicht wäre eine Rückbesinnung auf diese Grundregel ein sicherer Wegweiser zu einer ganzheitlichen Medizin.

Der Arzt als Naturphilosoph, Magier und Alchemist – Impulse von Paracelsus (1493 – 1541 n. Chr.)

Paracelsus stellt für die ganzheitliche Medizin einen grossen Meilenstein dar. Seine naturphilosophischen Kenntnisse führten dazu, die Ärzte daran zu erinnern, dass ihre Kunst darin liegt, die Selbstheilungskräfte im Menschen – den inneren Arzt, wie er es nannte – anzuregen. Deswegen forderte er die Ärzte auf, ihr Haus der Medizin auf vier Säulen zu erbauen: der Philosophie, der Astronomie, der Alchemie und der Ethik. Nur der Arzt, der dieses umfassende Wissen um die Beschaffenheit des Kosmos und der unsichtbaren Gesetze, die in ihm wirken, erlangt, vermag den Kranken zur Gesundheit, d.h. nach Paracelsus zur Harmonie mit sich, seiner Umwelt und seinem Schicksal verhelfen. Den Patienten erinnerte er daran, dass es eigentlich nur eine Krankheitsursache gibt: Den Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz. Der Patient erhält damit die Möglichkeit, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und in der Krankheit eine Chance für eine notwendige Veränderung zu sehen.

Er gewann seine Arzneien auf alchemistisch-magische Art, die auf der Vorherrschaft des Geistes (des Unsichtbaren) über die Materie basierte. Wer sein Werk ernsthaft studiert, wird darin nichts „Märchenhaftes“ entdecken, vielmehr findet er die Erkenntnisse eines ernsthaft nach Wahrheit Suchenden, der über den Weg der naturphilosophischen Erfahrungswissenschaft einen Einblick in einige Geheimnisse der Natur erlangen konnte – wie seine grossen Heilungserfolge auch eindrucksvoll beweisen. So zieht sich das Wissen um die Essenz der Dinge und wie der Mensch wieder Zugang zu ihnen finden kann wie ein roter Faden durch die Schriften von Paracelsus. Wie bei allen vorher erwähnten Meilensteinen auch hier ein wichtiger Rat: Die Überlieferungen sollen unvoreingenommen studiert und nicht nur durch die Brille unserer heutigen Weltsicht betrachtet werden. Sonst läuft man Gefahr, hinter den vielleicht manchmal seltsam klingenden Ausdrücken nicht die eigentliche Botschaft zu erkennen.

Die Rückkehr der subtilen Heilmethoden ab dem 19. Jahrhundert

Die Homöopathie des Samuel Hahnemann (1755 – 1843 n. Chr.) ist die erste anerkannte Heilmethode der modernen Zeit, die auf den subtilen Ebenen wirkt. „Similia similibus curentur“„Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt werden“ ist das Prinzip der Homöopathie, das damit den Weg der Verbundenheit von Mensch und Kosmos fortsetzt. Das Besondere an ihr aber ist, dass sie durch das Prinzip der Potenzierung bei der Arzneimittelgewinnung unsere materialistische Wissenschaft vor unlösbare Rätsel stellt. Denn wie kann ein Mittel wirken, wenn nur mehr Wasser und Alkohol und keine Spur eines anderen Stoffes nachweisbar sind? Selbst wenn nur die Suggestionskraft des Patienten für die Wirkung verantwortlich wäre, müsste man schon allein deswegen dieser Dimension mehr Beachtung schenken. Damit könnte man den Patienten viele Nebenwirkungen herkömmlicher Arzneimittel ersparen. Wenn es aber tatsächlich durch die Potenzierung gelingt, die Information einer Sache von ihrer materiellen Hülle zu befreien und damit deren Wirksamkeit zu erhöhen, dann erschüttert das unser materialistisches Weltbild in seinen Grundfesten.

Auch die Blütentherapie des Dr. Edward Bach (1886 – 1936) war ein Wegweiser für die ganzheitliche Medizin. Nach Dr. Bach gibt es eigentlich nur zwei Ursachen von Krankheit: Leugnen eines göttlichen Selbst im Menschen und das Handeln gegen das Prinzip der Einheit. Bei Bach rückt der kranke Mensch wieder in den Mittelpunkt und nicht die Krankheit oder eine Therapie. So ist Krankheit immer auch aus dieser Perspektive zu betrachten und kann dadurch vielleicht zu umfassenderen Heilungsansätzen führen als die alleinige Symptombekämpfung.

Ausblick für eine ganzheitliche Medizin

Wie zu Beginn des Artikels schon erwähnt, hat der Baum der Medizin viele Zweige und Früchte. Die Errungenschaften der modernen Schulmedizin sind, genauso wie die vielen anderen sogenannten „alternativen Heilmethoden“ aus anderen Kulturkreisen, Früchte dieses Baumes. In einer ganzheitlichen Medizin darf aber nicht die Methode im Vordergrund stehen. Diese kann immer nur ein Mittel sein, um das Ziel, Gesundheit, zu erreichen. Die wichtigsten Grundlagen für Gesundheit im ganzheitlichen Sinn sind die Harmonie des Menschen mit seiner unsterblichen Seele, durch die sein Leben und Leiden Sinn und Finalität erhalten. So stellte C.G. Jung in seinen Büchern fest, dass es nur dann zu einer wirklichen Heilung kommt, wenn der Kranke wieder einen Kontakt zu seiner religiösen Ebene herzustellen vermag. Es bedarf eines Patienten, der bereit ist, als Ganzes wieder zu gesunden und sich den grossen Fragen des Lebens zu stellen: Woher kommen wir, wohin gehen wir und wer sind wir wirklich? Es bedarf eines Arztes, der neben seinem technischen Handwerk auch ein Liebender der Wahrheit ist und versucht, die unsichtbaren Gesetze des Kosmos zu ergründen.

Von Christine Schramm – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

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