Die Geburt eines neuen Zeitalters
Die Frage nach einer möglichen besseren Welt
Wir leben in einem Reich der Getrenntheit. Gewachsen über Tausende von Jahren haben Kultur und Technologie uns dahin gebracht. Nun erscheint dieser Fortschritt als ein Fluch. Doch was hält uns davon ab, eine bessere Welt zu erschaffen, von der unser Herz sagt, dass sie möglich ist?
Seit 200 Jahren wird vorausgesagt, dass die Technologie die Menschheit von Arbeit, Leid, Krankheit und sogar vom Tod befreien wird. Die Wissenschaft hat uns aus der Unwissenheit herausgeführt, die Technologie aus der Abhängigkeit von den Launen der Natur befreit und uns die Herrschaft über die materielle Welt übertragen. Eines Tages werden unser Verständnis und unsere Kontrolle vollständig sein. Warum sollte man diesem Fortschritt im Wege stehen? Neue Medikamente stehen bereit, ein paar Pillen heilen uns von früher tödlichen Krankheiten; Düngemittel in Massen eingesetzt führen weltweit zu Rekordernten; die Mondlandung beweist, dass wir bald die Erde hinter uns lassen werden können; wir kontrollieren die molekulare Ebene über Gentechnik und Nanotechnologie. Unser Schicksal ist es, uns über die Natur zu erheben und mit unserer Technologie werden wir maximale Kontrolle ausüben können. Diese starke Hybris erinnert an Dädalus: Zu nah an die Sonne herangeflogen, stürzte er ab. Es ist ja auch verlockend, näher an die allumfassende Macht und Kontrolle zu rücken. Da zuletzt die Entwicklung des Menschen mit einem Mehr an Technologie gleichgesetzt wurde, ist unser Glück abhängig von den Technologien. Wir sind nahezu süchtig danach. Daher teilen wir – die Kontrollsüchtigen – viele Eigenschaften von Drogenabhängigen. Kurzfristig funktionieren die Technologien, langfristig brauchen wir immer mehr davon, um uns normal zu fühlen.
Der „Schuss“ Technologie macht uns nicht dauerhaft glücklich. Im Gegenteil: Wir haben eine innere Wunde, eine Separationswunde: Sie zeigt sich in allgegenwärtiger Einsamkeit, nagender Unzufriedenheit, brodelndem Groll, einer nicht zu stillenden Gier, dem „Immer-mehrhaben-Wollen“. Der menschliche Drang, das Leben einfacher, sicherer, bequemer zu machen, hat die Technologie von Anfang an vorangetrieben. Im Sinne des hedonistischen transhumanistischen Imperativs des Gegenwarts-Philosophen David Pearce: Vergnügen maximieren und den Schmerz, das Leid ausschalten.
Als Resultat wurde nicht jeder wie ein Gott, wie es uns einmal versprochen wurde, sondern ein Sklave. Eine Identifikation mit dem Automaten in uns versagt. Massenhafte Gleichförmigkeit, lokale Unterschiede lösen sich auf. Jeder isst die gleichen Produkte, wir ziehen uns alle gleich an und verrichten die gleiche Arbeit. Die Maschine und das Maschinendenken schaffen eine Monokultur.
Unverbundenheit am Ende
Wir reduzieren das Leben auf Nützlichkeit. Der Philosoph Jeremy Bentham formuliert die Pflicht der Regierung, die Summe des Glücks zu maximieren. Die Politik ist eine ständige Kosten-Nutzen-Analyse; in einer Fortführung auch zum Wert eines Menschen. „Jeder Mensch hat seinen Preis.“ Das Dogma der Nützlichkeit hilft selbst in der Umweltkatastrophe. „Lasst uns die Umwelt retten, weil es uns sonst zu viel kosten würde.“ So lautet eine geläufige Ansprache. „Lasst uns das Höchste im Menschen ansprechen.“ Den Sinn für das Gerechte, das Schöne, das Gute und das Wahre. Das wäre mal eine andere Ansprache!
Eine weitere Prämisse der Unverbundenheit lautet: Wir leben in einem sinnlosen und toten Universum. Hier wird uns die spirituelle Dimension unserer Geschichte der Separation deutlich. Würden wir der Welt seelische Lebendigkeit zugestehen, könnten wir sie nicht so ausbeuten, hätten Respekt und Wertschätzung; würden wir der Welt einen Sinn erlauben, müssten wir uns auf die Suche nach den Gesetzen des „Zufalls“ machen. Der Buddhismus erklärt das Leiden durch unsere Unwissenheit den Naturgesetzen gegenüber.
Auch leben wir in einem ständigen Dualismus: Sieger und Verlierer, das Gute und Böse, Ich als das Subjekt und alles andere als das Objekt. Durch die Trennung von Gegensätzen versuchen wir die Welt zu verstehen. Getreide ist gut, Unkraut ist böse, Bienen sind gut, Heuschrecken sind böse, Schafe sind gut, Wölfe sind böse, Intellekt ist gut, Emotionen sind böse (zumindest bis vor ein paar Jahren). Die Technologie überwindet das Böse und fördert das Gute. In Gegensätzen zu leben, verursacht Angst.
Viele Ängste sind letztlich Stellvertreter unserer grossen Angst, der Angst vor dem Tod. Wir haben Angst zu frieren, zu hungern, zur Arbeit zu gehen, keinen Urlaub zu bekommen, uns etwas nicht leisten zu können. Wir speichern Nahrungsüberschüsse, bilden Rücklagen. Völlig gegensätzlich leben die australischen Aborigines, getreu dem Motto: Solange es heute genug gibt, sorge dich nicht um morgen. Leben bedeutet hier, Geschenke zu erhalten und solidarisch zu sein. Dies trägt selbstredend zur Dankbarkeit bei. Wie die Natur: Sie schenkt aus freien Stücken.
Ein Beispiel dazu gibt ein Piraha, der mit seinem Stamm im Amazonas lebt. „Ich speichere Fleisch im Bauch meines Bruders“, erklärte er auf die Frage, ob er Nahrungsmittelvorräte anlege. So wie in Cervantes Don Quixote (Teil 1, Kap. 11) der Held von einem Goldenen Zeitalter spricht, als die Menschen die beiden Worte dein und mein noch nicht kannten, als alles EINS war.
Unsere diffuse Angst führt zu Stress, zu einem Phänomen unserer Zeit. Für den englischen Philosophen Thomas Hobbes war dies jedoch eine Grundtriebfeder des Menschen. Angst vor anderen wölfischen Menschen („homo homini lupus“) und Angst vor der Natur, die er als gemein und brutal kennzeichnet; eine passable Rechtfertigung für den von ihm geforderten Staat und für unser gesamtes technologische Programm der Kontrolle; Kontrolle über die böse Natur und den bösen Menschen.
Es scheint zu stimmen, wenn der französische Biologe und Nobelpreisträger Jacques Monod konstatiert: „Wir sind im Herzen immer noch Animisten.“ Wir erkennen intuitiv die heilende Kraft der Einheit, wenn wir uns damit identifizieren. Kann eine Person gesund sein, wenn ihre Familie, wenn das Ökosystem krank ist? Wir würden doch nicht sagen: „Ich bin gesund, aber meine Leber und mein Herz sind krank.“
Machen wir uns die Ungeheuerlichkeit unserer Krise und das Ausmass des Verlustes bewusst, kann als erste Reaktion eine niederschmetternde Verzweiflung entstehen. Jenseits der Verzweiflung liegt der Drang, das Leben in die Schönheit zu führen. Wir können eine andere Welt wählen, die schönere Welt, von der unsere Herzen uns sagen, dass sie möglich ist. Innerhalb der Wirklichkeit der heutigen Welt ist das einzig sinnvolle Leben ein aussergewöhnliches Leben!
Das Bröckeln der Gewissheit
Wir erleben gerade ein Ende der Objektivität, die besagt, dass es da draussen eine objektive Wirklichkeit gibt, die man vermessen, beobachten, quantifizieren, kontrollieren kann. Viele Dogmen unserer Zeit fallen. Auf subatomarer Ebene gelten die Paradigmen von Objektivität und Determinismus – Beobachter und Beobachtetes sind eng verbunden – nicht mehr. Die Quantenmechanik hat eine Geschichte über Wahlmöglichkeiten (zufällige Quantenverteilung) geschrieben, über Willensfreiheit und Selbstbestimmtheit. Sie zeigt uns, dass wir keine eigenständigen Beobachter sind, getrennt vom Universum. Wir sind Schöpfer und indem wir Wahrheiten wählen, erschaffen wir, wer wir sind.
Wir wählen, in welchem Universum wir leben wollen. Trotzdem werden wir immer noch konfrontiert mit der Aufforderung: „Wenn das wahr ist, dann beweise es doch!“ Lange haben wir Wahrheit und Beweisbarkeit (Objektivität) gleichgesetzt. „Neue Wissenschaften“ in Biologie (Epigenetik), Physik (Quantenphysik), Psychologie (Bewusstseinsforschung) und Medizin (Herzforschung) erklären unsere möglichen Einwirkungen auf die Welt.
Unser lineares Verständnis der Welt wandelt sich; wir verstehen immer besser, dass Gesellschaften und Ökologie nicht linear sind, z. B. fördert der Bau einer neuen Strasse, um Stau zu reduzieren, neue Staus; der Bau von Kanälen, um Überflutungen zu verhindern, schafft Jahrhundertüberflutungen; grossflächiger Einsatz von Stickstoffdünger, um Bodenfruchtbarkeit und Ausbeute zu erhöhen, reduziert letztlich die Fruchtbarkeit. Analyse und Logik können die Qualitäten wie Geist, Schönheit, Leben, Bewusstsein, Sinn, Liebe nicht wahrnehmen.
Mit der Führung durch das Herz können wir besser die Gemeinschaften des Lebens erkennen. Natürlich gibt es Wettbewerb, aber er wird in der allgemeinen Vorstellung überbetont: Wir finden immer das, wonach wir suchen. Es gibt viele Beispiele für das Zusammenleben in der Natur. So besiedeln viele Spezies von Hefepilzen, Bakterien und anderen Organismen unsere Darmflora, produzieren Vitamine, interagieren und schützen das Immunsystem.
Ein Baum benötigt Mykorrhiza-Pilze. Sie liefern ihm Wasser, wohingegen Pilze Zucker geliefert bekommen. Pflanzen – und auch die Menschen – sind unfähig, ohne ihre symbiotischen Partner zu überleben. Sobald man ein Element entfernt, kollabiert das ganze System: Das Leben gedeiht nicht in steriler Isolation! Die einzig lebensfähige Einheit ist die Gesamtheit allen Lebens! Wir leben in einer kooperativen Welt, einer lebenden Einheit.
Zeitalter der Wiedervereinigung
Wir leben immer noch in einer Bunker-Mentalität und hoffen, dass die Polykrisen (Kriege, Giftmülldeponien, Smogbereiche, Klimawandel, Energiekrise) weit möglichst draussen bleiben. Dagegen liegt die einzige Sicherheit im Geben, im Sich-Öffnen. Unsere Krisen könnten Geburtswehen sein. Wie das Untergangsszenario von Ragnaröck in der nordischen Mythologie: Es endet nicht die Welt an sich, sondern die Welt, wie wir sie kennen. Und daraus entsteht eine neue Welt.
Neue Währungen werden die Welt und unser Bewusstsein erobern. So werden wir die Ideen der Kooperation, des nachhaltigen Zusammenarbeitens und des gerechten Zusammenlebens ausprägen. Das Schenken als Akt des Zirkulierens und der Erhöhung wird uns bewusster werden. Unvermeidlich wird es Umweltsteuern geben, und zwar als Erkenntnis, dass wir alles, was wir anderen antun, uns selbst antun. Abfall als Konzept werden wir in Kreislaufwirtschaft umwandeln. Unsere Gebrauchsgüter werden dann so konstruiert, dass sie leicht zu reparieren und zu erhalten sind. Eine zyklische Produktionsökologie wird entstehen.
Tiefgreifendste Veränderung wird im platonischen Wassermannzeitalter (Wasserzeitalter) die Spiritualität erfahren. Wir alle sind einzigartig, doch nicht getrennter als zwei Wassertropfen im Ozean. Jeder Teil des Universums, jeder Wassertropfen ist individuell; das Wasser jeder Quelle ist einzigartig und auch sind wir alle eins. Wir nehmen den Menschen als Inter-Being wahr, als Teil eines Netzwerkes, eines ökologischen Geschenknetzwerkes, in der jeder Organismus mehr zur Umwelt beiträgt, als er nach dem Stärke-Kalkül geben müsste. Arbeit und Kunst werden in Einklang kommen. Arbeit und Freizeit, Job und Leben werden wieder eins. Ziel der Arbeit soll nicht mehr Sklaverei für Geld, sondern Schönheit, Hilfe, Spass, Selbstverwirklichung sein.
Wir werden nicht mehr Beziehungen haben, sondern Beziehungen sein!
Die Wiederherstellung der menschlichen Natur bedarf nichts weniger als einer Revolution. Einer Revolution der Selbstwahrnehmung: Selbstakzeptanz, Selbstliebe, Selbstvertrauen. Die Heilung beginnt bei uns selbst.
Geben wir uns nicht zufrieden, grüne Produkte oder ein Zen-Mediationskissen zu kaufen! Seien wir vorsichtig mit lauwarmen Trostpflastern! Haben wir das Ganze im Sinn und leben und arbeiten wir dafür!
Von Dr. Martin Ossberger – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
Wenn du dich für Themen wie Philosophie, Psychologie oder gesellschaftliche Fragen interessierst, führt die Schule der Philosophie Neue Akropolis regelmässig Veranstaltungen zu diesen und anderen Themen durch. Gewinne einen Einblick im Kurs Abenteuer Philosophie; alle Informationen dazu finden Sie bei unseren Schulen in Zürich und Basel.

