„Das ist alles geschenkt, da brauchen Sie nichts bezahlen.“ Zwei freundliche, füllige Damen stehen am Samstagabend neben einem Auto voll mit Lebensmitteln. Es gibt Salate, Gemüse, Obst, konservierte Produkte … Mit ausladenden Gesten ermuntern sie uns, zuzugreifen.
Wir sind überrascht. Auf unsere Nachfrage erklären sie uns, dass sie im Rahmen der Initiative „Food-Sharing“ Lebensmittel, die Händler wegwerfen würden, abholen. Und dann fahren sie einige Stationen an, wo sie diese verteilen. Und tatsächlich kommen Leute aus den umliegenden Häusern mit Körben, die sich bedienen und danach bedanken. Man plaudert, begegnet und freut sich. Energie liegt in der Luft.
Mir kam in den Sinn, was ich bei Edgar Morin gelesen hatte. In seinem Buch „Der Weg – Für die Zukunft der Menschheit“ schreibt er: „Es existiert bereits (…) ein kreatives Brodeln, eine Vielzahl lokaler Initiativen im Sinne einer wirtschaftlichen oder sozialen oder politischen (…) Erneuerung.“ Weiter führt er aus, dass alle diese Initiativen einander nicht kennen, sie werden nicht gezählt oder von Politikern wahrgenommen. Sie sind dabei, die jetzige Lebensform aufzulösen und eine Verwandlung einzuleiten. Die Heilung hat von der Basis aus bereits begonnen.
Denn von den aktuellen Eliten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, deren Sprachrohr die Medien sind, ist kaum Veränderungsbereitschaft wahrzunehmen. Stattdessen gilt offenbar das Credo: „Mehr desselben“ und „Höher, schneller, weiter …“. Doch wenn man etwas haben will, was man noch nie gehabt hat, muss man etwas tun, was man noch nie getan hat …
Eine sehr schöne Metapher für den aktuellen Veränderungsprozess findet sich in der Verwandlung der Raupe zum Schmetterling. Die Raupe verschliesst sich in einer Puppe und ein Prozess beginnt, der zugleich Selbstzerstörung der alten Form und Selbsterneuerung zu einer anderen Form ist. Wenn sie die Puppe zerreisst, hat sie sich in einen Schmetterling verwandelt. Ein alchemischer Prozess der Verwandlung: Ein und dasselbe Wesen hat sich in eine neue Gestalt transformiert.
Auch unsere Gesellschaft ist in solch einem Wandlungsprozess. Überall schiessen lokale und globale Initiativen aus dem Boden, die sich für eine Veränderung einsetzen. Oder auch Einzelpersonen. Und immer mehr Bücher und Publikationen rufen mit dringlichen Appellen zu einer Bewusstseinsveränderung und einem neuen Lebensstil auf.
Eines der Dinge, die wir ändern müssen, ist das Paradigma des Entweder-Oder. Laut Edgar Morin geht es nicht um das Entweder-oder, sondern um das Sowohl-als-auch.
- Globalisierung – Deglobalisierung
- Wachstum – Wachstumsrücknahme
- Entwicklung – Einwicklung
- Bewahrung – Umwandlung,
Schauen wir uns die Punkte im Einzelnen an und entnehmen wir daraus auch gleich Ideen für eine nachhaltige Lebenskunst:
Globalisierung – Deglobalisierung
Wir brauchen ein globales Bewusstsein vom Heimatplaneten Erde und einer Menschheitsfamilie. Wir haben ein gemeinsames Schicksal, sind untrennbar miteinander verbunden, wie die östliche Weisheit seit Jahrtausenden lehrt. Derzeit leiden wir unter dem „Irrwahn des Getrenntseins“, den wir durch das Bewusstsein der Einheit aller Wesen überwinden können. So wurde in der Coronakrise deutlich, dass Europa nur gemeinsam die wirtschaftlichen Folgen bewältigen kann.
Gleichzeitig muss man das Lokale und Regionale fördern. Wussten Sie z. B., dass die Herstellung einer Bluejeans insgesamt eine Rundreise von 30.000 km benötigt, um alle Materialien und Bestandteile zu vereinen; und die eines Fruchtjoghurts 10.000 km?
Gott sein Dank gibt es bereits ein Umdenken. Immer mehr Geschäfte bieten regionale Produkte an, auch fair erzeugte Kleidung.
Ein Vorschlag zur praktischen Umsetzung:
Pflegen Sie das Gefühl der Verbundenheit mit „Mutter Erde“ und Ihren Menschheitsgeschwistern und helfen Sie, wo es nötig ist, vielleicht in einer gemeinnützigen Organisation. Nützen Sie die „Macht des Konsumenten“ und kaufen Sie möglichst regional und lokal ein.
Wachstum/Wachstumsrücknahme oder Entwachstum (degrowth)
Was soll wachsen? Gemeinwohlorientierte Ökonomie, umweltfreundliche Energien, öffentlicher Verkehr, bäuerliche und biologische Landwirtschaften, Mehrgenerationenprojekte, Lebensqualität in Innenstädten etc. Und vor allem die Bewusstseinsveränderung von immer mehr Menschen, die sich mittlerweile für den Wandel einsetzen. Schätzungen sprechen von mehr als 1 Million Organisationen, die sich für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Und natürlich möge auch die Verbundenheit mit Mutter Erde, der Menschheitsfamilie und dem eigenen Selbst wachsen.
Und was soll „entwachsen“? Konsumsucht, Einsatz von Wegwerfprodukten, Nahrungsmittelverschwendung, Artensterben … Und vor allem Gier, Neid, Hass, Egoismus und all die Hoffnungslosigkeit, die manche Menschen in eine Opferhaltung und Passivität bringt. Mit düsteren Gedanken und Ängsten werden wir keine lebenswertere Zukunft gestalten. Jedoch sehr wohl mit Optimismus und Hoffnung und vor allem – mit konkreten Handlungen. Jede noch so kleine Aktivität in Richtung einer Erneuerung der Welt ist ein Beitrag zum Wandel.
Was können Sie konkret tun?
Vielleicht wollen Sie sich einer Initiative in Ihrer Nähe anschliessen, die sich für den Wandel einsetzt, egal ob z. B. Urban Gardening, Foodsharing oder irgendeiner anderen Institution. Sie können auch z. B. gerne diese Zeitschrift in Ihrem Bekanntenkreis verschenken … Und schränken Sie Ihren Konsum ein. Schon Gandhi sagte: „Unsere Gier und unsere verschwenderischen Gewohnheiten erhalten die Armut aufrecht und sind daher als Gewalt an der Menschheit anzusehen.“ Gewalt, die wir der Natur und den ca. 40 Millionen Sklaven antun, die in den Entwicklungsländern für unseren Lebensstandard arbeiten.
Entwicklung – Einwicklung
Für mich bedeutet es, dass das Ziel nicht mehr nach aussen auf Fortschritt und Wachstum gerichtet sein soll, sondern auf die innere Entwicklung des Einzelnen. Und das ist mit Einwicklung gemeint: Es geht um eine Wendung ins Innere, in die Tiefe, zum inneren Sein und wahren Selbst.
Dies zeigt sich bereits im zunehmenden Interesse an Philosophie, Meditation, Spiritualität. Immer mehr Menschen verstehen, dass Befriedigung und Glück nicht im Aussen zu finden sind, sondern durch ein Leben in Übereinstimmung mit moralischen Prinzipien und eingebunden in einen Sinnzusammenhang, der über das Vergängliche hinausgeht. Vor Kurzem habe ich eine Fortbildung für pädagogische Fachkräfte zum Thema Interreligiöse Bildung gehalten und war erstaunt, dass viele Teilnehmer von der Existenz eines höheren Seins, einer höheren Macht und der Sinnhaftigkeit des Schicksals überzeugt waren.
Der praktische Tipp:
Vielleicht fassen Sie schon lange gute Vorsätze zur inneren Weiterentwicklung. Z. B. die Lektüre philosophischer Bücher oder solcher, die sich mit dem Wandel beschäftigen: Gerade fiel mir eines in die Hand: „Hoffnung durch Handeln“ von Joanna Macy & Chris Johnstone. Oder/und Sie nehmen sich täglich einige Minuten Zeit, um in die Stille zu gehen.
Bewahrung – Umwandlung
Eine andere Tendenz ist zu beobachten: zunehmender Respekt für traditionelle Fertigkeiten und überlieferte Kenntnisse. Es geht um das Bewahren von Handwerkskünsten, von Wissen der Alten über Heilkräuter und Naturmedizin. Und vor allem interessiert man sich immer mehr für die Weisheitslehren aller Völker und Kulturen, die vom rechten Mass und der Wichtigkeit des geistigen Lebens sprechen. Das wahre Glück, so lehrt Aristoteles, ist das tugendhafte Leben, das wir nach Werten ausrichten und in dem wir in Übereinstimmung mit unserem Gewissen handeln.
Umwandeln müssen wir uns jedoch vor allem selbst und in uns die Veränderung vollziehen, die wir im Aussen brauchen. Nur wenn der Einzelne sich wandelt und neu erfindet – wie die Raupe beim Wandlungsprozess zum Schmetterling – kann die Transformation der Menschheit gelingen.
Der praktische Tipp:
Ganz was Banales: Bewahren und pflegen Sie all Ihre Dinge. Reparieren Sie alles, was möglich ist. Bringen Sie z. B. Schuhe zum Schuster, lassen Sie Kleidung ändern, modernisieren. Es gibt viele Initiativen des „Upcycling“ von Kleidung, Möbeln, etc. So hat meine Nichte ihren alten Lampenschirm erneuert, indem sie das Gestell mit verschiedenfarbigen Wollfäden neu bezog.
Entscheidend ist jedoch der innere Wandel. Sicherlich haben Sie einige Ideen, was Sie bei sich verändern und vervollkommnen wollen. Mit einem konkreten Vorsatz für jeden Tag kann man allmählich einen Wandel bewirken. Am besten geht es natürlich gemeinsam und unter Anleitung. Es gibt immer mehr Initiativen solcher Art. Auch „Neue Akropolis“ ist eine davon.
„Zweifeln wir nie daran, dass eine kleine Gruppe bewusster und engagierter Individuen die Welt verändern kann. Genau auf diese Art und Weise hat es immer stattgefunden.“ – Margaret Mead
Was für ein ermutigender Gedanke – meint Ihre Gudrun Gutdeutsch
Von Gudrun Gutdeutsch – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
Die Schule der Philosophie Neue Akropolis informiert mit dem Kurs Abenteuer Philosophie über philosophische Grundlagen und praktische Lebenskunst; Informationsmöglichkeiten bestehen unter anderem in Zürich und Basel, besonders wenn du dich für Themen wie Ethik und Philosophie interessierst.

