Selbstvertrauen kommt mit der Selbsterkenntnis
Selbstvertrauen liegt tief in mir verankert, in meiner Moral und in meiner Fähigkeit, immer wieder aufzustehen und weiterzugehen – eine Tugend, die vielleicht von den Menschen am meisten gefordert und vermisst wird. Aber Selbstvertrauen bekommt man nicht geschenkt, man muss es sich erobern.
Selbstvertrauen bedeutet, sich selbst zu vertrauen, und ermöglicht das zu sein und das zu tun, was wir uns vornehmen. Es entwickelt sich aus der Kenntnis seiner selbst. Die alte Weisheit, die nie an Gültigkeit verlor, „Erkenne Dich selbst„, ist noch immer ein grundlegender Schlüssel, um diesen Weg zu beschreiten. In den Dingen, die wir nicht kennen, wird es uns nie möglich sein, uns zu verankern.
Es handelt sich hierbei nicht um ein oberflächliches Kennen, zumal sehr viele Menschen mehr oder weniger davon überzeugt sind, dass sie sich kennen würden. In Wahrheit kennen sie nur ihre täglichen Tätigkeiten, ihre gewöhnlichen Reaktionen, ihr physisches Erscheinungsbild und die Umstände, in denen sie sich befinden. Dieses andere, tiefe Kennen fehlt, das Kennen seiner selbst, das über die Erscheinungsformen und Umstände hinausgeht. Erst dann sehen wir uns jenseits des Veränderlichen, mit all unseren Fehlern, aber auch dem Licht unserer – teils verborgenen – Tugenden. Um mich selbst wirklich und tief kennenzulernen, braucht es sehr viel Mut.
Das emotionale Gebäude und die geistige Reife
Wie können wir uns ein Selbstbewusstsein bewahren, ohne in den schwierigen Momenten unsere Kraft zu verlieren? Der Grossteil der schwierigen Momente – um nicht zu sagen alle – entstammt unserem emotionalen Bereich. Es sind Emotionen, unkontrollierte Leidenschaften, die auf einmal dieses Gebäude, das zuvor mühsam von unserem Selbstbewusstsein aufgebaut wurde, zum Einsturz bringen. Deshalb dürfen wir dieser Selbstbestätigung aus unserem emotionalen Bereich nicht immer uneingeschränktes Vertrauen schenken.
Es genügt nicht, nur zu fühlen; es ist notwendig zu denken und es ist notwendig, mit Liebe zu denken, um das falsche Bild zu vermeiden, dass die Gedanken und Ideen irgendwie „kühl“ oder „gefühlskalt“ wären. Es handelt sich um klare, präzise, beständige Ideen, die in höchstem Mass dieser Selbstsicherheit dienen werden.
Selbstbewusstsein muss erkämpft werden
Das vollständige Selbstbewusstsein ist ein Zustand der Seele. Es steht in keiner Beziehung zur Eitelkeit, zum Hochmut oder zum Stolz jener, die sich für gross halten, ohne einen anderen Verdienst aufzuweisen, als sich immer selbstgefällig zu betrachten. Das ist kein Selbstbewusstsein, sondern eine naive Genügsamkeit mit sich selbst.
Vollständiges, unerschütterliches Selbstbewusstsein ist das Ergebnis vieler Proben, vieler Irrtümer und ihrer Wiedergutmachung, von viel Geduld, Leid und der Fähigkeit, nach jedem Fall immer wieder zu seinem Mut zurückzufinden. Es ist Ausdruck einer andauernden und beharrlichen Arbeit. Dieses endgültige Selbstbewusstsein ist das Ergebnis einer intelligenten Anstrengung. Es bedeutet, vor sich ein klares Ziel zu haben und sich geradewegs dorthin zu bewegen, und dabei weder abzuweichen noch stehen zu bleiben. Es ist kein Geschenk; es ist etwas, das man sich erkämpfen und erwerben muss, es ist ein Zeichen geistiger Reife.
Haben Sie in Ihrem Leben noch niemals die Gegenwart dieses ganz speziellen Antlitzes des Sieges gesehen? Ganz bestimmt haben Sie das. Wenn Sie gut für eine Prüfung gelernt haben, dann haben Sie bemerkt, dass Sie die Fragen nicht mehr durcheinander bringen konnten; ganz im Gegenteil, Sie haben sich glücklich gefühlt, dass Sie die zutreffenden Antworten geben und mit Selbstvertrauen in Ihrer Stimme sprechen konnten. Wenn du eine Arbeit mit Bewusstsein durchgeführt hast, indem du jedem Detail Aufmerksamkeit schenktest, hast du dich sicher gefühlt in dem, was du tust und warst glücklich darüber, dass du es erreicht hast.
Die Säulen des Selbstvertrauens
Gelassenheit
Alles muss ein Ziel haben, eine Finalität, und damit wir dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren, sind Gelassenheit und Ruhe notwendig. Gelassenheit baut nicht auf Gleichgültigkeit auf. Sie wird vielmehr von den besten Gefühlen begleitet und drückt sie in ethischer und ästhetischer Weise aus. Sie erlaubt uns, mit den besten Ideen arbeiten zu können, weil sie uns Raum, Licht und Zeit schenkt, um sie zu verstehen und zu verarbeiten.
Mut
Um zu entdecken, dass uns mächtige Werkzeuge zur Verfügung stehen, um uns in viel bessere Menschen zu verwandeln, als wir es jetzt sind, braucht es sehr viel Mut, weil es auch dunkle Bereiche gibt, die es zu entdecken gilt. Es gibt nicht einen einzigen Menschen, der nicht irgendetwas Wertvolles in sich hat, ein verborgenes Potenzial, irgendeine Kraft, die er Schritt für Schritt einsetzen könnte, bis er sie in Energie und Glück verwandelt hat. Wir alle besitzen gute Eigenschaften, einige sind uns bekannt, andere können wir erahnen, und weitere sind uns gänzlich unbekannt. Auf all diese müssen wir zurückgreifen und bei denen beginnen, die wir bereits kennen; diese werden dann ihren „Freunden und Verwandten“ Bescheid sagen, ja sie rufen, bis es schliesslich eine ganze, grosse Familie wertvoller Tugenden ist. Es gibt kein weiteres Geheimnis mehr, ausser einfach damit zu beginnen; wie in allen anderen Bereichen ist es auch hier die Praxis, die uns voranbringt und uns Selbstvertrauen schenkt.
Werte
Auch heute noch versteht man unter „Werten“: Kraft, Stärke, Durchhaltevermögen, Entschlossenheit und eine gewisse Verwegenheit. Und ausserdem, gesund zu sein.
Die Kraft, die wir meinen, beschränkt sich nicht nur auf den physischen Körper. Es ist eine viel weitreichendere Kraft, die es uns ermöglicht, unsere Gefühle und Gedanken nützlich und wirkungsvoll für uns und alle anderen einzusetzen. Es ist die Kraft einer inneren Säule, die das gesamte menschliche Gefüge aufrechterhält, die das ist, was den Menschen erst ausmacht.
Stärke und Leistungsfähigkeit ist das Gefühl von Selbstbewusstsein in unserem Inneren, das uns in allen Bereichen des Lebens ermöglicht, zu handeln und aktiv zu sein. Sie hilft uns, unsere Fehler zu korrigieren und dabei nach vorne zu blicken, wenn wir einem Irrtum unterlegen sind. Stärke bedeutet Unabhängigkeit von äusseren Faktoren, von dem ständigen Bedürfnis, von anderen bewundert und umjubelt zu sein; es bedeutet, Vertrauen in das eigene geschulte und entwickelte Bewusstsein zu setzen.
Durchhaltevermögen ist Energie. Der Mut, wahrhaftig zu sein, erfordert in jeder Hinsicht sehr viel Energie. Weil wahrer Mut auch nicht der Impuls eines besonderen Momentes ist, sondern einer, der ein Leben lang bestehen bleibt. Wirklicher Mut entspricht einer unaufhörlichen Handlung. Verwegenheit oder Kühnheit bedeutet, Mut zu haben, Schwierigkeiten die Stirn zu bieten. Es ist Courage, Auge in Auge mit der Gefahr.
Entschlossenheit entspricht der Fähigkeit, Probleme zu lösen und die dafür nötigen Handlungen konsequent auszuführen, bis sie ein zufriedenstellendes Ergebnis erbringen.
Gesund zu sein bedeutet, sich guter Gesundheit zu erfreuen. Wie wir es schon in Zusammenhang mit der Kraft erwähnten, handelt sich um eine Gesundheit, die über den physischen Körper hinausgeht, denn eine gesunde Ausgeglichenheit fordert dasselbe auch von unserer Psyche und unserem Geist. Das alles verlangt von uns Mut, sei es, um sich seine Gesundheit zu bewahren oder um sie wieder zu erlangen.
Wille
Im heutigen Leben hat man schon einen Kult um unsere Fehler gemacht und in gewisser Weise werden sie fast „verherrlicht“. Anstatt moralische Richtlinien zu empfehlen, um dem Einzelnen zu helfen, haben sich Fehler und Laster in innere Qualitäten verwandelt, die man interessant nennt, die hervorzuheben sind und für Ansehen sorgen – und so wird es auch von allen Kommunikationsmedien proklamiert und gefördert. Der „freie Ausdruck“ der menschlichen Unzulänglichkeit ist zu einem Indiz von „Reife“ geworden und man drängt darauf, dass es alle, ohne Einschränkung, so machen sollten; Fehler zu haben ist das „Menschlichste“, was es auf dieser Welt geben kann. Möglicherweise stimmt das aber es ist auch menschlich, die Kraft des Willens einzusetzen, um diese Fehler zu korrigieren, die die positiven Eigenschaften, über die wir verfügen, entwerten oder sogar unbrauchbar machen.
Siege erringen
Um zu einer Synthese zu kommen, möchte ich eine kleine Liste mit kleinen Siegen anbieten, die dabei helfen kann, zu definieren, welche Siege wir erreichen können und welche wir erreichen müssen.
- Lang herbeigesehnte Siege: Es sind die Träume, die wir schon seit vielen Jahren träumen und die uns manchmal schon seit unserer Kindheit begleiten, ohne dass die Zeit sie sterben liess und ohne dass sie ihren Wert verloren hätten.
- Siege durch Voranschreiten: Wenn es aussichtslose Umstände gibt, die uns dazu zwingen, die grösste uns zur Verfügung stehende Energie, den grössten Mut und die beste Vorstellungskraft einzusetzen.
- Siege über uns selbst: In dem Masse, wie wir uns selbst kennen und lernen, uns selbst gegenüber auch ehrlich zu sein, wissen wir um unsere Schwachstellen, in welcher Ebene sie auch sein mögen. Wir müssen jeden Tag einen Impuls, einen unangebrachten Gefühlsausbruch, eine Reaktion, durch die wir uns über uns selbst ärgern, überwinden.
- Siege über Schwierigkeiten und Proben: Jeder kennt die Schwierigkeiten, wenn wir vor einer Probe stehen. Es ist wichtig, sich bei der ersten Begegnung mit der Probe zu überwinden und die Schwierigkeit mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu lösen. Das ist eine gute Möglichkeit, um bei weiteren Gelegenheiten mehr Selbstsicherheit zu fühlen.
- Siege über die Angst: Wir haben Angst vor den Dingen, die wir nicht kennen, wie vor den Dingen, die wir glauben zu kennen und von denen wir meinen, dass sie uns zu Fall bringen können. Es geht darum, die Unwissenheit im Allgemeinen zu bekämpfen und sich an diese „Feinde“ heranzuwagen.
- Nützliche Erfahrungen: Wir alle haben viele verschiedene Situationen des Lebens gemeistert; wir alle haben uns das Versprechen gegeben, uns den Ärger und den empfundenen Schmerz gut zu merken. Wenn wir dann wieder in ähnliche Situationen kommen, handeln wir trotzdem so, als ob es das erste Mal wäre. Warum dieser Mangel an aktivem Erinnerungsvermögen? Die gut genützten, intelligent verwerteten Erfahrungen sind jene, die uns dazu dienen, Fehler nicht zu wiederholen.
- Nach jedem Fall wieder aufstehen: So schwierig und hart viele Momente des Lebens auch sind, so sehr man sich auch mutlos und gescheitert fühlt, darf man diesen Zustand nicht festhalten. Mithilfe einer inneren Zwiesprache muss man sich eine Frist setzen, um wieder auf die Beine zu kommen. In der Lage zu sein, nach jedem Fall immer wieder von Neuem aufzustehen, ist einer der grössten Siege.
- Auswahl und Entscheidung: Wenn die Ziele klar sind und wenn man einmal begonnen hat, dieser Wegstrecke, die zu diesem Ziel führt, zu folgen, ist es notwendig, zwischen verschiedenen Dingen zu wählen. Und nicht nur in unserem Denken eine Wahl zu treffen, sondern auch in den Handlungen.
Und, zu guter Letzt, eine Empfehlung, die der Krönung aller anderen entspricht: Es zu verstehen, jeden Tag kleine Siege zu erringen.
Von Prof. Delia Steinberg Guzmán, ehem. Internationale Präsidentin von Neue Akropolis
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