Aus dem Buch: DIE SPIELE VON MAYA

Aus dem Spanischen von Robert Schäfer übersetzt

Maya ist eine alte indische Göttin, die die Welt der Täuschung, die vergängliche Welt, symbolisiert. Sie ist mit allen Reizen versehen. Sie ist schön und bezaubernd, sie ist die Illusion und sorgt dafür, dass diese Welt weiterbesteht. Sie lenkt den Menschen ab und führt ihn durch das Leben hin zu den Erfahrungen, die ihn binden und in Zeit und Raum gefangen halten. Deshalb bewertet man sie oft als negativ. Die Autorin, Delia Steinberg, deckt uns mit einfachen Worten den verborgenen Sinn der „trügerischen Maya“ auf. Sie beschreibt uns verschiedene Lebensvorgänge und zeigt uns die Art der Wirkung von Maya. So regt sie uns dazu an, die Hintergründe dieser Wirkung zu enthüllen.

Wenn Maya als die manifestierte Welt ein göttliches Spiel ist, das es zu durchschauen gilt, um sich selbst zu erlösen, so hat es auch einen Sinn für die Evolution, dass man auf das Spiel eingeht, indem man das Leben bejaht. Es geht nicht darum, Maya zu verdammen, sondern ihre Spielregeln zu lernen und zu beherrschen: das ist Weisheit, relative Wahrheiten von der Wahrheit an sich zu unterscheiden, damit der Mensch von Leben und Leiden erlöst wird und Schöpfer und Schöpfung eins werden lässt.

Wenn die Wissenschaftler zu erklären versuchen, weshalb es klimatische Verschiebungen gibt, die sich periodisch auf unserem Planeten äussern, so haben sie die Neigung der Erdachse und die Bewegungsbahn der Erde im Blickfeld. Die erdnächsten und erdfernsten Punkte zur Sonne ergeben Lageänderungen im Laufe eines Jahres, die wir in vier Bereiche teilen und traditionsgemäss als Jahreszeiten bezeichnen.

Jedoch würde man die Spiele von Maya verkennen, wollte man sie als blosses Phänomen sehen. Maya macht nichts ohne tieferen Grund. Es ist interessant zu überlegen, was wohl Maya beabsichtigte, als sie die Neigung der Erdachse veränderte. Eine alte Tradition, die sich durchgehend in allen Hochkulturen wiederfindet, besagt, dass in vergangenen vorgeschichtlichen Zeiten die Erdachse nicht geneigt war, sie vielmehr kerzengerade in ihrer Bewegungsbahn eingebettet war. So gab es also einen einzigen zentralen Gürtel auf der Erde, den man aufgrund seiner klimatischen Gegebenheiten im Grunde als Paradies bezeichnen darf: ein ewiger Frühling, gleichbleibende und angenehme Temperaturen, ebenso lange Tage wie Nächte und ein kraftvolles Blühen und Gedeihen in der Natur.

Der Wandel des Planeten

Wahrscheinlich haben sich damals auch die Menschen von den heutigen unterschieden. Dieselben Traditionen erzählen uns von einfältigen Menschen: schlicht, weder besonders scharfsinnig noch verstandesbetont in ihren Handlungen. Sie hatten keine tiefgreifenden Erfahrungen und waren deshalb auch nicht überaus schlau. Für jene Menschen war es das Wichtigste, zu überleben. Sie beugten sich lediglich der unermesslichen Weite der Natur und empfanden in ihr Gott; doch dies änderte sich. Eines schönen Tages nach den Ereignissen der Katastrophe, die in den alten Traditionen ebenfalls aufgezeichnet sind, änderte sich das Gesicht des Planeten und die Pole kündeten eine neue Orientierung an. Das irdische Paradies war verschwunden. Nun begann das Zeitalter des Leidens, der Arbeit, des beschwerlichen und schmerzhaften Erwerbs von Wissen. So wurden die Jahreszeiten geboren mit ihrer zyklischen Wiederkehr. Kälte und Licht und Dunkelheit, Hitze und Dürre, Regen, Winde und Stille machten sich bemerkbar und der Mensch hatte in einem ständigen Kampf zu bestehen.

Auf einmal musste der Mensch geduldig die Natur beobachten, um den günstigsten Augenblick zum Arbeitsbeginn und zur Aussaat abschätzen zu lernen. So kam es, dass der Mensch schützendes Obdach suchte einen Platz zum Leben, denn die Nächte sollten kalt werden und die Tage voll sengender Glut. Die grössten Auswanderungen der Menschheit kamen in Gang, vom alleinigen Traum getragen, einen freundlicheren Lebensraum zu finden, vom Traum bewegt, sich irgendwo getrost niederlassen zu können.

Die Erde, jene grosse Mutter, die unzählige Lebensformen aus sich hervorbringt, wollte durch ihr grosses Opfer, ihre Achsenverlagerung, den Erdbewohnern auf ein Neues eine lehrreiche Erfahrung zukommen lassen. Der Mensch in dieser Situation war nicht mehr unwissend und unschuldig wie der der vorhergehenden Generationen; in jenem neuen Menschen war das Bewusstsein zum Erwachen gekommen. Um jenen Funken von Bewusstsein zur anmutigen Flamme wachsen zu lassen, musste dieser neue Mensch eine breite Palette von Prüfungen erfolgreich bestehen. Ein Teil der Prüfungen stellte wohl die Bewertung der eigenen Existenz in der Arbeit und die Ausformung eines Gefühles für seinen bestmöglichen Einsatz alle Tage des Lebens hindurch dar. Und vielleicht war die wichtigste Erfahrung die Bewusstwerdung der zyklischen Rhythmen der Zeit, nicht nur in der einen umgebenden Natur, sondern auch in einem selbst. Daraus galt es die Bedeutung für die Evolution begreifen zu lernen.

Der Rhythmus der Natur

Wenn wir die Eigenschaft der sich abwechselnden Jahreszeiten zu nennen hätten, und diese genauer bestimmen müssten, würden wir von einem Zyklus reden, der sich Jahr für Jahr aufs Neue wiederholt. Niemand verwundert es, dass sich die Jahreszeiten nach einem wohleingerichteten Rhythmus abwechseln und dies immer in derselben Reihenfolge tun: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Wohl würde es dem Menschen sofort ins Auge springen, wenn die Abfolge irgendwie anders wäre.

Der Frühling ist die Geburtsstunde des Lebens auf der Erde. Es ist die Zeit, in der alles zu blühen beginnt und sich den ersten zarten Sonnenstrahlen hin öffnet. Es ist das Erwachen, der laue Hauch eines Morgens, der sich zum Tag entfalten möchte.

Der Sommer ist die Fülle des Lebens. Was sich im Frühling noch zart und versteckt andeutet, entfaltet sich nun zu einem Feuerwerk an Buntheit. Es ist die Zeit der reifen Früchte angebrochen.

Im Herbst schickt sich das Leben an, von ihren sanft Abschied zu nehmen. Die Blätter verlieren Glanz und vermögen sich schon bald nicht mehr an den Zweigen festzuhalten; die Blumen und Früchte verschwinden nach und nach, das satte Grün der Natur wandelt sich in einen einzigen goldenen majestätischen Schleier.

Der Winter schliesslich kündet vom Tod der Natur. Alles schläft und ruht, obschon in der Tiefe des Erdreichs in den Wurzeln das Leben weiterpulsiert und nicht erlischt. Die Natur erholt sich in dieser Zeit, die jedoch auch bald zu Ende gehen wird. Dann wird ein neuer Frühling ins Land ziehen, und alles, was bis dahin schlief, wird seine Augen öffnen und mit frischen Winden in ein neues buntes Leben gerufen werden.

Das Erwachen des Menschen

So einsichtig der Mensch die Zyklen der Natur entgegennimmt, so gross ist doch seine Mühe, jene Zyklen in sich selbst zu erkennen. Im Spiel von Maya erscheint der Mensch als eine besondere Schöpfung innerhalb der Natur, als einer, der nicht länger denselben Gesetzen gehorchen braucht, denen die gesamte Natur unterliegt. Und diese besondere Spezies Mensch, die nicht gehorcht, bleibt mit ihrem Bewusstsein aus ausserhalb dieses Systems. Er erlebt die Jahreszeiten aus der Ferne als Fremder und ist ausserstande sie in sich zu erfühlen. Seine Augen bleiben verschlossen. Er will nicht wahrhaben, dass sein eigenes Leben einem den Jahreszeiten ähnlichen Kreislauf unterworfen ist. Auch der Mensch wird geboren, entwickelt sich, entfaltet eine Fülle von Fähigkeiten, verfällt nach und nach und stirbt schliesslich. Seine Blindheit lässt es nicht zu, hinter die scheinbare Endgültigkeit des Todes zu blicken. Er erkennt nicht, dass der Tod lediglich eine Art der Erholung und Ruhepause in der Natur darstellt.

Dieser von Blindheit geschlagene Mensch nimmt nicht wahr, dass auch er wiederauferstehen wird mit derselben Schlichtheit der Bäume wenn es wieder an der Zeit sein wird. Der Mensch kann nicht verlangen mit demselben Körper neu zu erwachen, da doch auch die Bäume nicht dieselben Blätter des vergangenen Sommers hervorspriessen lassen. Neue Blätter, neue Körper: dieselben Wurzeln, die gleiche Seele. So schliesst der Reigen der Zeit sich in einem Kreis. Und mit jeder neu gewonnenen Erfahrung schraubt sich dieser Kreis nach innen, wird enger, wandelt sich zu einer Spirale, und strebt seinem Zentrum zu. Unermüdlich dreht sich das Rad der Jahreszeiten und unbewusst bewegt sich der Mensch in seinen Zyklen, leidend folgt er den Spielen von Maya, und leidend stirbt er seinen Tod bis er schliesslich doch eines Tages das Bewusstsein seiner Unsterblichkeit erlangen wird.

Von Prof. Delia Steinberg Guzmán, ehem. Internationale Präsidentin von Neue Akropolis

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