Über Wahrheit, Gerechtigkeit und die ewige Ordnung im Alten Ägypten
Mit den Augen der Ägypter
Kemet – Das Schwarze Land, Ta-Uj – Die beiden Länder, Nisut-Biti – Ober- und Unterägypten, Ägypten – das geheimnisvolle Land… All diese Namen hat Ägypten im Laufe seiner Geschichte erhalten, und jeder von ihnen spiegelt einen Aspekt dieser so alten und uns scheinbar so fremden Kultur wider. Ich möchte noch einen neuen Namen hinzufügen: Land der Maat.
Diejenigen unter den Lesern, die wissen, dass Maat mit Weltordnung, Gerechtigkeit und Wahrheit übersetzt wird, werden wohl verwundert den Kopf schütteln. Sie haben recht, denn von Maat ist nichts zu sehen, fährt man heute nach Ägypten. Aber es soll auch nicht vom heutigen Land und den dort herrschenden Zuständen gesprochen, sondern an jenes Ägypten erinnert werden, das schon längst vergangen ist. Uns trennen nicht nur 5.000 Jahre vom Beginn des Alten Reiches, sondern auch etwas, was ich als „psychologischen“ Abstand bezeichnen möchte, und der meist das wahre Hindernis zum Verständnis einer jeden fremden Kultur darstellt: der Ägypter dachte anders, er fühlte anders, er glaubte an andere Götter, er hatte andere Ziele im Leben, andere Vorstellungen von Freiheit, Religion, etc. Der Artikel soll versuchen, diesen Abstand zu verringern. Ihn zu überspringen wird nicht möglich sein, so sehr das auch zu wünschen wäre…
Das Prinzip der ewigen Weltordnung
Wie gesagt wird Maat meist mit „Göttin Wahrheit-Gerechtigkeit“ übersetzt. Das ist ein wenig irreführend, denn Maat beinhaltet noch viel mehr: Liebe, Weltordnung, Klarheit, etc. Wir haben kein adäquates Wort in unserer Sprache, und so soll der Begriff in der Folge unübersetzt bleiben.
Zwei Dinge sollen hier gezeigt werden. Erstens, dass Maat einerseits einen idealen Zustand beschreibt, welcher auf Erden kaum erreicht werden kann, dem man sich aber andererseits im Alten Ägypten zumindest annähern konnte. Und zweitens, dass jene Lehre die Maat betreffend, auf die man unweigerlich stossen wird während des Exkurses in die Vergangenheit, ihre Bedeutung für die heutige Zeit keinesfalls verloren hat. Ganz im Gegenteil. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, dass unsere Zeit gerade deswegen so chaotisch und unsicher ist, weil sie nicht mehr weiss, was Maat ist! Aber beginnen wir nun unseren Ausflug in eine ferne Kultur und versuchen wir, die Welt mit anderen Augen zu betrachten…
„Maat wird in Ewigkeit dauern…“ heisst es in den Texten. „Maat, Tochter des Re“ wird sie oft bezeichnet. Doch selbst Re, der Sonnengott, wurde geboren, ist also in seinem Wirken zeitlich beschränkt, und ebenso wird es seine Tochter, die Göttin Maat sein. Es ist nicht die Göttin, welche in Ewigkeit dauern wird, sondern das Prinzip, welchem sie anthropomorphe Gestalt verleiht. Maat ist die Welt im ersten Augenblick der Schöpfung; der Mensch vor dem „Sündenfall“ lebte in Maat, unfähig, gegen ihre Gesetze zu verstossen.
Vielleicht könnten wir uns Maat als Bündel von Gesetzen vorstellen, das aller Schöpfung sagt, was zu tun ist; handle es sich nun um Stein, Pflanze, Tier, Mensch oder Gott. Die ersten drei Arten von Wesenheiten dieser Aufzählung leben in Maat – sie haben keinen „freien Willen“ und müssen daher den vorgeschriebenen Gesetzmässigkeiten der Natur Folge leisten. Der Mensch jedoch kann sich entscheiden, ob er nun „Maat tun“ will oder nicht. Dieser einschneidende Punkt in der Schöpfung wird nicht nur in der Bibel als Moment der Erkenntnis beschrieben, auch die Ägypter erzählen von diesem wichtigen Augenblick, der den Menschen erst zu dem machte, was er heute noch ist!
Der Mythos von Osiris und Isfet
Es gibt viele Legenden um dieses Thema; hier soll nur eine Version erzählt werden. Wegen des beschränkten Platzes wird es bei einem kurzen Abriss bleiben müssen, was auf Kosten der Vollständigkeit gehen wird. Aber für Interessierte sei auf die Literaturliste verwiesen.
Laut der ägyptischen Tradition begann „unsere“ Zeit mit dem Begräbnis des von Seth ermordeten Osiris; Osiris herrscht seitdem als König im Jenseits. Osiris herrschte einst als König auf Erden über die Menschen. Es gab weder Unrecht noch Sünde auf der Welt (das Paradies der Bibel!). „Der Löwe riss nicht das Rind“. Doch sein Bruder Seth tötete ihn, um die Herrschaft für sich zu beanspruchen. Der Sohn des Osiris, Horus, rächte jedoch den Tod seines Vaters und kämpfte mit Seth, den er schliesslich überwand (auch über den Ausgang dieser Kämpfe gibt es zahllose andere Variationen!). Nun herrscht Horus über die Gebiete der Menschen, Seth aber über die Wüsten, die das fruchtbare Niltal umschliessen.
Seth brachte ein neues, bisher nur potentiell vorhandenes Element der Schöpfung zur Manifestation: Isfet, wie es die Ägypter nannten: „Sünde“ als Inbegriff all dessen, was nicht Maat-gemäss ist. Das ist der Moment des letzten Sündefalls, der unsere Zeit einleitete. Was ist jene Zeit, diese Zeit, in der wir leben? – „Es ist die Zeit, da Osiris begraben ist.“, wie es in einem weiteren Text heisst.
Aus dieser Geschichte, so fragmentartig sie nun auch erzählt ist, können wir eine Menge Dinge ableiten, die einen sehr unmittelbaren Nutzen bringen können für die Art und Weise, wie wir mit uns und anderen umgehen. Im folgenden möchte ich anhand einiger Begriffe zeigen, wie sehr das Streben nach der Erfüllung der Maat das Leben in Ägypten prägte.
Praktizierte Religion im täglichen Leben
Interessanterweise gibt es in Ägypten kein Wort für „Religion“. Der Begriff, besser gesagt, der Satz, der unserem Begriff am ehesten entsprechen würde, ist: iri Maat – „tue die Maat“. Es ist eine dezidierte Aufforderung, wenn nicht sogar der Befehl, zu handeln, und zwar den Gesetzen der Schöpfung gemäss! In der Religion des Menschen liegt seine tiefste Sehnsucht verborgen. Re-ligare, „wieder-verbinden“; es ist die Sehnsucht nach vergangenen, nur noch in ahnungsvollen Erinnerungen vorhandenen Zeiten, da der Mensch frei von Sünde war, eine Sehnsucht an jene Zeit, da Gott zu allen Menschen sprach und sie ihm gehorchen konnten. Was mich hierbei so fasziniert ist, dass der ägyptische Begriff den Weg anzeigt, diesen Zustand wieder zu erlangen: Tue die Maat! Sei gerecht! Sei gut in Wort und Tat! – Darin lag das Lebensziel des Ägypters.
Die Menschen sind verschieden, sie sind mit kleineren oder grösseren menschlichen Mängeln behaftet, die der Erfüllung dieses Anspruches entgegenstehen. Pharao ist derjenige, der diese Mängel nicht hat. Es ist Pharao, der Maat hört, spricht und tut. Er ist fähig, die beiden „streitenden Brüder“ eben Horus und Seth einander zu versöhnen. Und diese Fähigkeit ist es letztendlich, die seine Legitimierung für die Herrschaft ausmacht. Seine Ratgeber, die Wesire, stehen ihm darin nur wenig nach, und so geht es eine gesamte Hierarchie entlang bis hinab zur Masse des Volkes. Die Stellung, die ein Mensch innerhalb dieser Struktur (die, graphisch dargestellt, eine Pyramide ergeben würde) einnimmt, wird dadurch bestimmt, wieweit er Maat hören und ihre Anweisungen ausführen kann.
Pharao verwirklicht „seine“ Maat in seiner Rolle als Herrscher, der Handwerker verwirklicht „seine“ Maat, indem er die Dinge, die er tut, mit Liebe angeht. Jeder Mensch hat ein gewisses Mass an Maat, das er verwirklichen kann – und seine Pflicht den Göttern gegenüber ist es, dieses Mass zu erfüllen. Die Weisheitslehren, die auf uns gekommen sind, zeigen ganz deutlich, dass nur das Erfüllen der Maat den Menschen sein Ziel erreichen lässt: unter den Göttern weilen zu können. Im Grunde genommen handelt es sich hierbei um sehr definitive Anweisungen das tägliche Leben betreffend, die allerdings nichts an Aktualität eingebüsst haben. Maat spiegelt sich auch im Umgang miteinander wider; Höflichkeit ist einer ihrer Aspekte.
Dass das Maat-gemässe Handeln während des Lebens die einzige Garantie dafür ist, im jenseitigen Leben unter den Göttern weilen zu dürfen, zeigt die sog. „negative Beichte“ aus dem Totenbuch:
„Nicht habe ich bewirkt das Leiden der Menschen / Noch meinen Verwandten Zwang und Gewalt angetan. / Nicht habe ich Unrecht an die Stelle des Rechtes gesetzt, / noch Verkehr gepflegt mit den Bösen.“
Der Pharao ist kein Gott, doch er hört Gott. Der Ägypter hat daran geglaubt; er kannte im Alten Reich keine intellektuellen Zweifel wie wir sie heute empfinden. Seine Freiheit bestand eben darin, seinen ihm zukommenden Platz zu finden und auszufüllen und nicht etwa darin, zu tun und zu lassen, was ihm gerade einfällt und er scheint glücklich damit gewesen zu sein. Politik war kein kaltes Berechnen, wie wir heute irrtümlich zu meinen geneigt sind: Politik war praktizierte Religion. Die verschiedenen Tätigkeits- und Empfindungsbereiche des Menschen (wie Arbeit, Freizeit, Beruf, Religion, Kunst, etc) willkürlich voneinander abgrenzen zu wollen, wie wir es zu tun gewohnt sind, wäre dem Ägypter sehr fremd vorgekommen. Sein Denken und Tun war auf das Verbinden, nicht auf das Trennen ausgerichtet!

Osiris und Isis
Ewigkeit: Djed und Cheper
Doch wenden wir uns einem weiteren Thema zu. Wir haben über Osiris gesprochen und seinen Tod. Eine der vielen Versionen des bereits erwähnten Mythos berichtet, dass er von Seth zerstückelt worden war. Isis, die Schwester-Frau von Osiris, sammelte die Stücke wieder ein, fügte sie zusammen, und Anubis, jener schakalköpfige Hirte der Seelen, führte die erste Balsamierung durch, um den Körper wieder „ganz zu machen“ durch Magie. Im Kampf gegen Seth verliert Horus ein Auge, welches ihm später vom Gott Thot wieder geheilt wird. Was haben diese beiden Dinge nun mit Maat zu tun?
In Ägypten gibt es zwei Worte für „Ewigkeit“. Das eine lautet Djed und wird mit dem Djed-Pfeiler geschrieben; das zweite lautet Cheper oder Nechech. Djed heisst „Dauer“, Cheper dagegen „Werden“. Wenn wir nun wissen, dass Osiris oft als personifizierter Djed-Pfeiler dargestellt wird, tut sich vor uns ein grosses Tor auf. Osiris ist gestorben und herrscht nicht mehr in unserer Welt; er ist Herr über das Totenreich, über das Reich der Seele. Der Mensch hat den Kontakt zum Ewigen verloren, und sein Leben ist die beständige Suche danach. Durch diese Suche verändert der Mensch sich, er lernt Neues, vergisst Unwichtiges, lässt Geliebtes zurück: Cheper, das Werden. Das ist das Element, das unser ganzes hiesiges Leben bestimmen muss: Entwicklung und Veränderung.

Djet-Pfeiler
Das Ende dieser Zeit wird Osiris wieder als Herrscher über unsere Welt sehen. Derzeit ist der Djed-Pfeiler gefallen, die Achse der Welt steht nicht mehr, und daher ist auch die Weltordnung – Maat – nicht verwirklicht; deswegen gibt es Isfet, „Sünde“. Das Bestreben aller Menschen muss dahin gehen, den Djed-Pfeiler wieder aufzurichten, oder das Auge des Horus zu heilen: Sowohl der gestürzte Pfeiler als auch das verletzte Auge sind lediglich Symbole unserer chaotischen Zeit – und der Feind von Maat ist das Chaos in all seinen Erscheinungsformen. Etwas ist nicht mehr so, wie es zur Jugend der Menschheit gewesen war, und es gilt, diesem Etwas wieder zu seinem alten Zustand zu verhelfen: re-ligare.
„Das einzige Beständige ist der Wandel“, so drückte es ein Philosoph aus. Aber: Im Jenseits herrscht Osiris, dort steht die Achse der Welt! In dieser Welt unserer Träume und Ideen gibt es Djed: Dauer und Beständigkeit. Im Jenseits ist jener Zustand verwirklicht, der hier auf Erden verloren ist und den wir uns wieder erkämpfen müssen. Das ist das Ziel im Leben… Der Ägypter verstand es, beide Seiten zu verbinden. Denn: was trennt am Horizont Himmel und Erde? Was trennt Wasser und Land? Was trennt Vergangenheit und Zukunft? All diese Grenzen sind eigentlich nicht vorhanden; sie werden aber von unserem Verstand benötigt, um arbeiten zu können. Der Ägypter durchschritt diese imaginären Horizonte und verband Jenseits und Diesseits in seinem Werk. Darin bestand seine Magie: in der Verknüpfung zweier nur scheinbar voneinander getrennten Welten.
Das spiegelte sich überall wider: in der Herrschaft von Pharao, in dem Wesen der Schreiber und in der Arbeit der Handwerker. Alle arbeiteten sie für ein Ziel, welches ihre eigene Grösse bei weitem übertreffen sollte: für die Befreiung der Seele, für die Verwirklichung der Maat. Und ich glaube, dass hierin eine sehr grosse Kraft verborgen liegt, die den Menschen heute fehlt. Das ist der Grund, dass ich das alte Ägypten so zu lieben gelernt habe: sie wussten, wozu sie lebten. Sie wussten, warum es auf dieser Welt nichts von Bestand geben konnte. Und sie wussten, wo ihre Heimat war: an der Seite des Osiris…
Von Rainer Gutdeutsch – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
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