Die Handlung: ein dreidimensionaler Akt
Vor kurzem diskutierten Schüler im Ethikunterricht lebhaft, ob es moralisch vertretbar sei, sich um 40€ ein neues Computerspiel zu kaufen, wenn doch die Kinder in Indien hungern. Sollte man das Geld nicht besser spenden? Und wem? Den hungernden Kindern in Indien oder den 2,5 Mio. in Einkommensarmut lebenden Kindern in Deutschland? Ein Volontär unserer Philosophieschule kam desillusioniert aus Afrika zurück: Der Volontariatstourismus der europäischen Jugend schadet Afrika mehr als er nützt. Er führt den Kontinent in Abhängigkeit und Passivität. Wie kann man Gutes tun?
Jeder von uns kennt Fragen dieser Art, diskutiert sie mit seinen Freunden und möchte die richtigen Entscheidungen treffen – in einer globalisierten Welt, die immer komplexer wird: Wie lassen sich philosophische Erkenntnisse und ethische Prinzipien in die Tat umsetzen? Betrachten wir dazu die drei Dimensionen des menschlichen Handelns, die schon die griechischen Stoiker erkannten.
Ihre Lehre behandelte drei grundlegende Themen: Physik (nicht im heute gebräuchlichen Sinne, sondern auf die (All)Natur, den Kosmos, die „physis“ bezogen), Ethik (die Pflichten und das rechte Verhalten des Staatsbürgers in der Gesellschaft) und Logik (Denkmethoden, um zur wahren Erkenntnis zu gelangen). Sie widmeten sich diesen Themen nicht nur theoretisch in ihren Schriften, sondern in der praktischen Anwendung als Lebenskunst.
Epiktet – der „Philosophensklave“ – und Marc Aurel der „Philosophenkaiser“ haben in ihren Lebenstipps eine „Dreierformel“ benutzt, um diese drei Dimensionen abzubilden. Ich benenne sie mit (1) Physik, (2) Ethik und (3) – Logik.
Im siebten Buch der Selbstbetrachtungen schreibt Marc Aurel:
Überall und fortgesetzt ist es in deiner Gewalt
1. fromm dich mit dem gegenwärtigen Begegnis zu befreunden
2. als auch mit den gegenwärtigen Menschen in Gerechtigkeit zu verkehren
3. und der gegenwärtigen Vorstellung kunstgerecht zu begegnen, damit sich nichts einschleicht, was nicht objektiv ist.
Betrachten wir anhand dieses Zitats die stoische Philosophie genauer:
1. Physik (Die Allnatur und das Schicksal)
Alles, was geschieht, hat seinen Sinn, denn es kommt von der Allnatur (Gott). Die Allnatur ist vollkommene Vernunft und wirkt in den Naturgesetzen. Deshalb ist jedes äussere Ereignis für den Menschen nützlich und gut, weil es seine Entwicklung fördert. Auch extrem widrige Umstände oder schwere Probleme wie eine Krebserkrankung, Ausbeutung von Arbeitnehmern, Hungersnöte, der Tod eines geliebten Menschen etc. kommen nicht zufällig. Wir Menschen haben durch Missachtung der Naturgesetze oder der ethischen Normen die Ursache für negative Auswirkungen gesetzt. Zufall ist nur der Name für ein unbekanntes Gesetz. Die Botschaft der Allnatur erkennen wir, wenn wir das Geschehen nicht mit einer Gefühlsbrille – gefärbt von Emotionen und Projektionen – betrachten. Aus der Vogelperspektive betrachtet, verstehen wir, dass alles schicksalshaft ist und für den Betroffenen notwendig. Vieles steht nicht in unserer Macht, doch unsere Reaktion können wir wählen.
2. Ethik (Der Weltbürger und die Gerechtigkeit)
Jeder Mensch ist ein Staatsbürger, Teil eines Kollektivs. In einer globalisierten Welt sind wir „Weltbürger“, unser Handeln hat weitreichende und oft internationale Konsequenzen. Was können wir hier und jetzt gegen den Hunger in Afrika und die 30 Millionen Sklaven weltweit tun? Wenig und viel zu gleich. Think global, act local. Es geht nicht darum, fair einzukaufen, sondern die Bedürfnisse zu reduzieren. Und es geht darum, mit unseren Mitmenschen, unseren Nächsten liebevoll umzugehen. Was viel schwieriger ist als ein paar Monate als Volontär in Afrika tätig zu sein! Es geht darum, in den täglichen kleinen zwischenmenschlichen Begebenheiten gerecht zu handeln. Gebe ich eher Zuwendung als dass ich sie verlange? Sehe ich im anderen die Stärken oder hacke ich auf den Schwächen herum? Mache ich in einem Konflikt den ersten Schritt zur Versöhnung? Die Ethik weckt in uns – so die Stoiker – den Wunsch, in Übereinstimmung mit dem Wohl der menschlichen Gemeinschaft und im Sinne der Gerechtigkeit zu handeln.
3. Logik (Die innere Wahrheit und Unterscheidungskraft)
Unsere Vorstellung von den Dingen ist der Schlüssel zur Welt. Mit einem wachen Geist sucht die Logik die Wahrheit über uns selbst durch das innere Zwiegespräch. Durch sie überwinden wir den natürlichen menschlichen Egozentrismus und sehen uns objektiv – wenn wir unser Bewusstsein erheben und uns von uns selbst distanzieren. So überwinden wir unsere Emotionen und Projektionen und erkennen unsere wahren Beweggründe. Wo ist verborgener Egoismus der Antrieb für unser Handeln? Sind wir wirklich selbstlos oder äussert sich in unserer Hilfsbereitschaft der Wunsch, Macht über den anderen auszuüben? Was ist unser Ziel? Verwirklichen wir uns in materieller Hinsicht oder aktivieren und entwickeln wir unser Innenleben?
Die dreifache Reflexion im Alltag
Wie hilft uns diese dreifache Reflexion bei moralischen und ethischen Fragen des Alltags im 21. Jahrhundert? Eine nicht zu unterschätzende Kostbarkeit ist das Wissen, dass es einen Sinn hinter allen Ereignissen gibt; betrifft es mich selbst, meine Nächsten oder die gesamte Menschheit. Alles geschieht aus einer Notwendigkeit. Es gibt keine sinn-losen Ereignisse. Alle Natur- und humanitären Katastrophen mögen sie auch grausam für die Betroffenen sein sind Botschaften der Allnatur. Sie lehrt uns, dass alles vergänglich ist und dass jede Handlung eine Wirkung hat. Für den Einzelnen bedeutet das die Gewissheit, keiner Willkür ausgeliefert zu sein, sondern von einer universellen Gerechtigkeit gelenkt zu werden.
Um herauszufinden, ob mein Handeln gerecht ist, frage ich mich: Wenn alle so handelten wie ich, was würde das bedeuten? Kann mein Handeln als Vorbild für andere gelten? Möchte ich so behandelt werden, wie ich selbst anderen gegenüber agiere? Was sind meine zwischenmenschlichen Pflichten? Gerechtigkeit bedeutet, jedem das zu geben, was ihm zusteht. Durch eine wache Logik und Unterscheidungskraft erkenne ich, welche Dinge in meiner Macht stehen und welche nicht. Wenn ich mit Ereignissen konfrontiert bin, die ich nicht beeinflussen kann, kann ich zumindest meine Reaktion wählen: z.B. Seelenruhe, Gelassenheit und Humor angesichts von Schicksalsschlägen. In meiner Macht stehen meine persönliche Weiterentwicklung, das Erwerben von Tugenden und mein geistiges Wachstum, um einen Beitrag zu leisten zur Verbesserung der Welt – wo auch immer ich gerade bin.
Geben wir durch unser verantwortungsvolles Handeln jederzeit und überall Antwort auf die wachsende Not und Orientierungslosigkeit in der Welt. Beginnen wir bei uns selbst! Fordern und erwarten wir nichts, sondern treten wir ein in das Ringen um Selbstbeherrschung und den Erwerb von Tugenden. Befreien wir uns aus der selbst gewählten Unmündigkeit und Untätigkeit!
Von Gudrun Gutdeutsch – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
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