Ist Herkules einer von uns?

Fahrgäste dosen vor sich hin, geschafft von einer langen und stressigen Arbeitswoche. Viele Dinge sind noch zu erledigen, bevor das Wochenende beginnen kann. Jedes Handyläuten scheint eine Art von Spannung zu unterbrechen. Plötzlich ertönt die Stimme des Fahrers aus dem Lautsprecher: „Meine Damen und Herren! Ich weiss, es dauert noch einen ganzen Tag, bis das Wochenende beginnt, aber haben Sie den Sonnenschein draussen schon bemerkt? Die wenigen Stunden werden Sie auch noch bewältigen…!“ – Kaum ausgesprochen, erscheint auf den Gesichtern aller Fahrgäste ein kleines Lächeln und ein Gefühl der Freude macht sich breit. Einer der Fahrgäste war ich und mit diesem Erlebnis begann für mich eine Suche nach dem Helden im Alltag …

Wer sein Schicksal zu erkennen sucht, wer sich in guten wie in schlechten Zeiten selbst treu bleibt, wer seinem Gewissen folgt, wer das Recht über den eigenen Vorteil zu stellen vermag, ist ein Held im Alltag.

Ein Held ist per Definition ein freier Mensch und Krieger. Was ihn kennzeichnet, ist vor allem der Heldenmut. Es gibt viele Mythen, die uns von heldenhaften Figuren erzählen. Doch wo liegt der Bezug zur heutigen Zeit? Was macht einen „Helden“ des 21. Jahrhunderts aus? Alltag und Mythos scheinen Gegensätze zu sein. Bei genauerer Betrachtung erkennen wir aber: Es gibt ihn, den Helden im Alltag. Man muss nur genau hinsehen.

Dazu einige Hinweise: „Der Held im Alltag…

  • widmet sich mit Selbstvertrauen der Gegenwart, denn er hat erkannt, dass dies zur wahren Freiheit führt,
  • sucht immer Sinn und Finalität in seiner Handlung,
  • versucht immer sein Bestes zu geben, ohne auf Applaus zu warten und sucht die Verantwortung immer bei sich selbst und nicht bei den anderen.“

Auf den ersten Blick beinahe banale Ratschläge. Sind sie das jedoch wirklich? Es sind die kleinen Dinge im Leben, die wir verändern können und müssen. Einmal die Welt mit den Augen des anderen zu betrachten vielleicht. Nicht immer die gleichen Konflikte zu führen. Wir dürfen nicht auf später warten. Im Moment eine klare Entscheidung zu treffen ist wichtig. Der Angelpunkt jeder Veränderung liegt in uns, im Hier und Jetzt. Jede Veränderung beginnt in uns selbst. Jeder Einzelne sehnt sich danach, sich selbst zu verbessern, sich zu verändern, die Welt ein klein wenig anders zu verlassen, als er sie vorgefunden hat.

„Der Sinn des Lebens hat nichts mit Äusserlichkeiten zu tun. Indem man sich selbst verbessert, legt man einen Grundstein für eine grössere Veränderung. Aus diesem Prozess entsteht Glück.“

Manchmal sind wir im Alltag fast überrascht, wenn uns ein Verkäufer einen wunderschönen Tag wünscht oder uns ein anderer Fahrgast die Tür aufhält. Der Mensch ist frei in der Wahl seiner Verhaltensweisen. Mit Selbstvertrauen in der Gegenwart zu sein ist eine grosse Hilfe. Eigentlich ist das auch gar nicht so schwer. Man muss nur ein Kind beobachten, wie selbstverständlich es sein Lachen aussendet. Ihm ist es egal, ob an wildfremde Menschen oder an seine Familie. Es stellt sich weder die Frage, welche Hintergedanken der jeweilige Mensch haben könnte, noch macht es sich Gedanken darüber, ob es gut aussieht. Diese Lockerheit verliert der Mensch scheinbar mit der Zeit. Ein Held ist, wer die Gelassenheit wieder zurückerobert. Erst dadurch ist es ihm möglich, den anderen Menschen zu helfen, ihre Gefühle zu reinigen und das Bewusstsein zu heben. Ein Lächeln zu verschenken kann der erste Schritt dazu sein.

Die Proben liegen im Alltag

„Die Heldenhaftigkeit liegt daher darin, jeden Tag und jede Handlung als eine Probe zu betrachten, in der alle unsere Kräfte gefordert werden, angefangen von den physischen bis hin zu den subtilen der Intelligenz und der Seele.“

Es ist schlimm, wenn Menschen voller Aggressivität und aufgestautem Ärger über uns herfallen. Wir fühlen uns hilflos und ungerecht behandelt. Was tun? Wir können das Feuer noch mehr schüren, indem wir unseren Ärger zum Ausdruck bringen. Die andere Möglichkeit wäre, mit Verständnis die Problematik des anderen zu erkennen (letztendlich steckt hinter jeder Aggression ein eigenes ungelöstes Problem) und unsere Hand hilfreich auszustrecken. Es liegt an uns, ob wir uns überwinden und für unsere Mitmenschen eine Hilfe und eine Möglichkeit der Erkenntnis sind oder nicht. Jeder Konflikt kann durch Kommunikation gelöst werden. Dabei ergibt sich die Möglichkeit, eine kleine Erkenntnis seiner selbst zu gewinnen. Dann ist die Welt ein Stückchen besser geworden.

Selbstvertrauen lässt stark sein. Dies ist eine wesentliche Eigenschaft des Helden. Sich selbst zu vertrauen – es bedeutet, die eigenen Fähigkeiten und Tugenden zu kennen. Wer sich selbst vertraut, kann anderen vertrauen. Das hilft wiederum dabei, herauszufinden, wer unsere Verbündeten im Kampf sind.

Verantwortung übernehmen, Selbstvertrauen gewinnen

So wendet der Philosoph den Mut bei sich selbst an, und wenn es ihm gelungen ist, ihn in eine gut verankerte Tugend zu verwandeln, dann zeigt er ihn in allen Situationen des Lebens, ob es dabei um ihn selbst oder seine Mitmenschen geht.

Unser Kampffeld ist der Alltag. Wir müssen den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen, denn daraus gewinnen wir unser Selbstvertrauen. Die Verantwortung für einen Fehler von sich zu weisen ist leicht. Immer sind die Umstände schuld oder die anderen, statt wir selbst. Ohne Einsicht für Fehler können wir nicht dazulernen. Zunächst dürfen wir Fehler nicht mit Scheitern gleichsetzen. Dafür stehen uns als Werkzeuge unsere Tugenden zur Verfügung, beispielsweise der Mut. So können wir unsere Angst akzeptieren. Wirklich mutig ist, wer lernt, sich objektiv zu beurteilen. So selbstverständlich, wie wir uns täglich im Spiegel betrachten, sollten wir auch in unser Inneres schauen. Dadurch werden wir uns mit der Zeit besser kennenlernen. Denn man kann nur jemandem vertrauen, den man wirklich kennt. Das ist bei uns selbst genauso wie im Zusammenleben mit anderen. Wenn wir diese Aspekte beachten, können wir zu stabilen und verlässlichen Menschen werden und werden uns in Momenten der Krise nicht verunsichern lassen. Wir helfen den anderen, indem wir Sicherheit und Vertrauen ausstrahlen.

Wo versteckt sich denn nun der Held?

Es ist ein natürlicher Impuls des Menschen, etwas Besonderes erreichen zu wollen und nach dem Besseren zu streben, schreibt Delia Steinberg Guzman in ihrem Buch¹. Aus meiner Lektüre und Suche habe ich gelernt, dass jeder Mensch dazu die Gelegenheit hat. Jeder ist einzigartig und besonders. Wir benötigen Überwindung, um das zu werden, was wir potentiell in uns tragen, Dinge zu riskieren, Fehler zu machen. Mit jeder mutigen Handlung legen wir einen Samen. Den Samen für eine bessere Welt. Der Held im Alltag benötigt viel Kraft, denn er muss gegen den Strom schwimmen. Er muss losgelöst von der öffentlichen Meinung seinem Weg folgen.

„Wenn wir handeln, werden wir logischerweise auf Zustimmung bzw. Ablehnung stossen, ohne deswegen gezwungen zu sein, von unserem Weg abzuweichen.“

Der Alltag birgt viele Möglichkeiten, zum Helden zu werden. Ja, Herkules ist einer von uns ebenso wie er sind wir täglich mit Proben konfrontiert. Auf zu neuen Heldentaten!

¹ Die Zitate sind dem Buch „Held im Alltag – Das Leben philosophisch meistern“ von Prof. Delia Steinberg Guzmán, ehem. Internationale Präsidentin von Neue Akropolis

Von Veronika Neff – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

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