Wie sie aussehen müsste, damit wir überleben können

Wir befinden uns in einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Der Name trägt dem Umstand Rechnung, dass menschliche Einflüsse heute über das Aussehen der Erde bestimmen. In erdgeschichtlich gesehen kürzester Zeit haben wir eine technologische Machtfülle entwickelt, die unseren heutigen Lebensstil erst möglich macht. Doch genau das wird nun zu unserem grössten Problem. Unsere Unersättlichkeit verdrängt nicht nur zunehmend alles Nicht-Menschliche. Sie bedroht auch immer mehr unsere eigene Existenz. Deshalb brauchen wir eine Ethik der Zukunft – letztlich um uns vor uns selbst zu schützen.

Das Prinzip Verantwortung

1979 veröffentlichte der Philosoph Hans Jonas sein Werk „Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“. Darin begründet er seinen neuen Ansatz einer Verantwortungsethik, deren Zweck kein geringerer ist, als die Menschheit vor ihrer Selbstzerstörung zu bewahren. Seine Gedanken darin sind aktueller denn je. Jonas argumentiert, dass alle bisherigen Ethiken fundamentale Defizite aufweisen, welche sie ungeeignet machen, auf die Herausforderungen der Zukunft angemessene Antworten zu finden.

Ihre Defizite sind:

  1. Ihr beschränkter Zeithorizont. Er richtet sich nur auf zeitlich Naheliegendes.
  2. Im Mittelpunkt aller Ethik stand bisher nur der Mensch.
  3. Die physische Natur hatte bislang keinen sittlichen Eigenwert, sie galt als ethisch neutral.

Das Neuartige künftiger Herausforderungen ist nach Jonas die veränderte Natur menschlichen Handelns. Das hat mit der Geschwindigkeit der Globalisierung von Technologien und deren Integration in unseren Alltag zu tun. Damit ist Folgendes gemeint: Wir nehmen heute kollektiv gesehen schon durch einfache alltägliche Handlungen mehr Einfluss auf die Ökosphäre unseres Planeten, als dies noch vor 200 Jahren überhaupt möglich war. Damit waren wir gerade einmal eine Milliarde Menschen, waren viel ärmer und hatten noch bei Weitem nicht jene technologischen Möglichkeiten. Die veränderte Natur menschlichen Handelns ergibt sich aus zwei Umständen: der ständig wachsenden Anzahl an Menschen, die diese Technologien nützen und der Blindheit des Einzelnen für die Langzeitfolgen seines Lebensstils. So bevorzugen etwa die meisten von uns einen Lebensstil, der ständige PKW-Nutzung, häufigen Fleischkonsum, jährliche Flugzeugreisen und andauernden Konsum modernster Medien beinhaltet. Dies ist, kollektiv gesehen, mit gewaltigen Emissionen und enormem Ressourcenverbrauch verbunden.

Was ist das Problem dabei?

Der Einzelne erkennt weder die Langzeitfolgen seines Lebensstils noch nimmt er sich selbst als Teil jenes Handlungskollektivs wahr, das sie verursacht. Noch vor 100 Jahren gab es vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint überhaupt nicht. Dennoch ist seit dieser Zeit nicht nur die Weltbevölkerung stark gewachsen, sondern auch unsere „Bedürfniskultur“. Sie lässt uns vieles als besonders wichtig erscheinen, was wir vor 100 Jahren noch gar nicht kannten. Dies geht jedoch mit Umweltkosten einher, für die der Einzelne blind ist: Weltweit hat der Rückgang an tropischen Regenwäldern sowie die Verdrängung anderer Spezies mit nie da gewesenem Tempo zugenommen. Das Problem dabei ist, dass wir uns selbst zerstören werden, wenn wir so weitermachen. Eine globale Zunahme an Dürren, Waldbränden, Stürmen und Überschwemmungen sind erste Vorboten. Auch eine wachsende Anzahl an Klimaflüchtlingen geht damit einher. Der Einzelne erkennt jedoch nicht, was seine „ Bedürfniskultur “ damit zu tun hat. Unsere Bedürfnisse sind in den letzten 100 Jahren immer anspruchsvoller geworden. Dasselbe gilt für unser kollektives Streben nach immer mehr Wachstum, Wohlstand und Freiheiten. Haben Sie schon einmal Ihren ökologischen Fussabdruck (Masseinheit für den Verbrauch an Landfläche zur Erhaltung gegenwärtiger Lebensverhältnisse) berechnet? Würden alle Menschen weltweit unseren Lebensstil mit uns teilen, würden wir ca. 3-4 Planeten Erde/Jahr benötigen, um uns versorgen zu können. Im 20. Jh. hat sich unser Ressourcenverbrauch weltweit verzehnfacht. Flugverkehr, Autoverkehr, Energiebedarf, Wasserverbrauch und Fleischkonsum haben stark zugenommen. 1960 flogen wir etwa 100 Milliarden Passagierkilometer/Jahr. Heute fliegen wir ca. 60 x so viel im Jahr. Unser Energiebedarf würde sich bei gleichbleibenden Tendenzen bis 2050 mindestens verdoppeln, ebenso unser Fleisch- und Milchbedarf (FAO 2006). Wir setzen damit ein Artensterben in Gang, das nur vergleichbar ist mit jenem vor 65 Millionen Jahren als die Dinosaurier ausstarben. Hätten Sie sich gedacht, dass das mit Ihrem Lebensstil zusammenhängt? Nein? Genau das ist das Problem.

Neue Ethik – Neues Selbstbild

Was wir in Zukunft auf jeden Fall ändern müssen, sind unser Selbstverständnis als Individuen und der Umgang mit unseren Bedürfnissen. Wirtschaft und Wohlstand haben aus uns „Konsum-Menschen“ gemacht. Wir verwechseln immer häufiger die natürliche mit einer künstlichen, von uns geschaffenen Bedürfnisstruktur. Dadurch wird eine Gier erzeugt, die uns nach den falschen Gütern streben lässt. Die meisten von uns verstehen sich heute als Individuen, die sich für ihren Lebensstil nicht zu rechtfertigen brauchen, solange sie keine Gesetze verletzen. Wir sind allerdings nicht nur Individuen. Wir bewohnen auch alle denselben Planeten. In diesem Sinne sind wir alle Weltbürger. Allerdings haben wir uns immer mehr von der Natur entfremdet. Sie wird eher als Gegner wahrgenommen, der uns Grenzen auferlegt.

Unsere Idee der Freiheit, des unbegrenzten Wachstums und der unbegrenzten Ressourcen geleitete Bedürfniskultur will sich aber keine Grenzen auferlegen lassen.

Stattdessen versuchen wir ständig, unsere Handlungsfreiheiten auszudehnen. Dabei haben wir kein Gefühl für natürliches Gleichgewicht, auch nicht dafür, dass unsere Ressourcen begrenzt sind. Es wird in Zukunft notwendig sein, dass wir uns bewusst als Weltbürger und Teil eines Handlungskollektivs wahrnehmen. Es ist nicht die Natur, die es um jeden Preis zu überwinden, sondern es sind unsere Begierden, die es wieder zu zügeln gilt. Bescheidenheit und Selbstgenügsamkeit waren einst erstrebenswerte Tugenden. Moral hatte einst mit Verzicht zu tun. Beides ist in Vergessenheit geraten. Wir müssen einen Gegentrend zu jener Bedürfniskultur schaffen. Bedürfniskultur und Konsumgesellschaft werden sich ansonsten gegenseitig immer weiter beflügeln und unsere Selbstzerstörung − sowohl physisch als auch psychisch − besiegeln. Dies abzuwenden, wird nur durch ein neues Selbstbild und eine neue Tugendethik möglich sein.

Neue Herausforderungen ethischer Bildung

Die ethische Bildung der Zukunft muss drei Herausforderungen bewältigen können:

  1. Einen Prioritätsdiskurs führen, der nachvollziehbar macht, dass es nur eine thematische Priorität ethischer Bildung gibt, nämlich die Befähigung des Menschen zu einem möglichst bescheidenen, mit der Natur im Einklang stehenden Lebensstil. Dies erfordert:
  2. Ein Überblickswissen über unsere technologische Machtentfaltung im 20. Jh. sowie ein Verständnis von Zusammenhängen zwischen Handlungen und kollektiven Langzeitfolgen. Vor allem muss das gefährliche Tempo dieser Entwicklung verständlich werden.
  3. Eine neue Tugendethik vermitteln: Sie soll ein neues Selbstverständnis des Menschen als Weltbürger und ein gesundes ontologisches Verständnis von Natur und Mensch vermitteln.

Der Mensch lernt dabei, wie stark er sich durch jene verbreitete, im Interesse der Wirtschaft geschaffene „Bedürfniskultur“ von seiner inneren und der ihn umgebenden Natur entfremdet und die Umwelt zerstört hat und wie das auch seine Psyche negativ beeinflusst.

Wir brauchen eine neue Tugendethik

Äussere Machtentwicklung hat immer auch eine fatale Kehrseite, wenn sie nicht mit innerer Machtentfaltung einhergeht, das heisst mit der Entwicklung von Tugendhaftigkeit im Umgang mit unseren Begierden. Ansonsten entsteht ein gefährliches Ungleichgewicht, durch das wir früher oder später selbst Schaden nehmen. Denn ein Mensch, der sich selbst nicht zu zügeln vermag, ist weder frei noch mächtig, egal wie viel Besitz und wie viele Rechte er hat. Denn er wird bald Opfer seiner selbst sein. Dasselbe gilt speziell für eine Gesellschaft, deren Ethos der Freiheit letztlich im Interesse des Wachstums speziell Gier und Masslosigkeit des Menschen fördert. Wir brauchen eine neue Tugendethik, weil die ständige Ausweitung unserer Bedürfniskultur niemals vom Staat selbst begrenzt werden kann. Es liegt an uns, Verantwortung dafür zu übernehmen. Es geht darum, den Zusammenhang zu sehen, zu wissen, dass genau von diesem Grundproblem ausgehend die Selbstzerstörung menschlicher Zivilisation infolge von Erderwärmung und Klimawandel ansonsten unvermeidbar ist. Wir sollten zur Selbstbegrenzung unserer Begierden fähig werden, ansonsten werden Gier und Masslosigkeit noch zu unseren Todsünden. Die Verantwortung, die jeder Einzelne dafür übernehmen sollte, kann nicht an den Staat weiterdelegiert werden. Ziel der neuen Tugendethik ist, ein Problembewusstsein zu schaffen und den schlimmsten Untugenden unserer Zeit durch Tugenden entgegenzuwirken: Dankbarkeit, Demut, Bescheidenheit und Verzichtsbereitschaft. Dabei sollte sich auch unser Verständnis von Individualität hin zu einem weltbürgerlichen Handlungsbewusstsein entwickeln. Der einzelne Mensch muss sich als Teil eines Handlungskollektivs begreifen lernen. In diesem Sinne formulierte einst Hans Jonas seinen ökologischen Imperativ:

„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen vereinbar sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Von Manuel Stelzl – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

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