Das Land der langen weissen Wolke

Aotearoa – das „Land der langen weissen Wolke“ – wie das Land von den Maori, den Ureinwohnern Neuseelands, genannt wird, birgt eine fantastische Natur. Besucher aus der ganzen Welt kommen beim Anblick atemberaubender Gletscher, Fjorde, Wasserfälle und Wälder ins Schwärmen. Aber Neuseeland besitzt auch eine sehr reichhaltige Kultur, insbesondere durch das Erbe der Maori…

Als die ersten europäischen Entdecker, Abel Tasman im 17. Jahrhundert und James Cook im 18. Jahrhundert, nach Neuseeland kamen, fanden sie neben der reichhaltigen Natur auch ein grimmiges und kämpferisches Volk vor – die Maori. Diese hatten im 13. und 14. Jahrhundert ausgehend von den polynesischen Inseln Neuseeland entdeckt und sich dort angesiedelt. Damit gilt Neuseeland als eines der Länder der Erde, das als letztes von Menschen besiedelt wurde. Die Kulturgeschichte Neuseelands ist demnach sehr kurz. Doch, wie bei so vielen andere Kulturen, umspannen die Mythen der Maori einen sehr langen Zeitraum. Sie gehen zurück bis zum Ursprung aller Dinge …

Die Urzeiten des Universums

Am Anfang war das Nichts, Te Kore. Danach folgt eine Periode von verschiedenen Arten der Finsternis, Te Po. Te Po-nui, die Grosse Finsternis. Te Po-roa, die Lange Finsternis. Von der Ersten Finsternis, Te Po-tuatahi, über die Zehnte Finsternis, Te Po-tuangahuru, bis zur Hundertsten und Tausendsten Finsternis. Diese Finsternis kann mit einer Gebärmutter verglichen werden. Sie stellt die latente Materie dar, in der alles im Potenzial vorhanden ist, aber noch nicht zur Geburt gebracht wurde.

Nach Te Po kommt die Dämmerung, das erste Licht (Te Ao). Aus dieser Dämmerung entsteht das erste göttliche Paar: Ranginui (Rangi), Vater Himmel und Papatüänuku (Papa), Mutter Erde.

Himmel und Erde

Rangi und Papa liegen fest umschlungen in einer innigen Umarmung. Aus ihrer Verbindung entstanden die Götter und alles Leben. Doch lange Zeit lebten ihre Kinder in der finsteren Enge zwischen ihren Eltern, ohne Raum und ohne Licht. Sie sehnten sich nach dem Licht und der Luft, um wachsen und sich entwickeln zu können. Letztlich wurde die Beengtheit unerträglich und die Kinder von Rangi und Papa berieten sich, was sie tun könnten.

„Lasst uns unsere Eltern töten, um zum Licht zu gelangen“, schlug der Kriegsgott Tümatauenga vor. Doch Tane, der Gott der Wälder, widersprach: „Nein, wir können sie nicht töten! Sie sind unsere Eltern. Lasst uns versuchen, sie voneinander zu trennen“. Einer nach dem anderen versuchte sein Glück dabei, die Eltern auseinanderzudrücken, ohne Erfolg. Schliesslich war Tane selbst an der Reihe. Er legte sich mit dem Rücken auf Papa und stemmte sich mit den Füssen gegen Rangi. Langsam, aber unaufhaltsam, presste er seine Eltern auseinander. Ein lautes Klagen erfüllte die Welt, als die Umarmung von Rangi und Papa langsam gelöst wurde. So kam, als die Trennung vollzogen war, Te Aomarama, der Gott des Lichts, in die Welt. Der Regen bezeugt als Tränen Rangis bis heute den Schmerz, den sie bei der Trennung verspürten.

Der Mensch wird geboren

Dann machte sich Tane an das Werk, seine Mutter zu bekleiden und die Welt zu bevölkern. Er schuf die Bäume, doch da die Weisheit noch nicht geboren war, pflanzte er sie mit den Ästen nach unten und den Wurzeln nach oben. Eine mögliche Deutung davon ist, dass die Ursprünge aller Dinge – durch die Wurzel symbolisiert – im Geistigen bzw. Himmlischen sind. Tane erkannte seinen Fehler und drehte die Bäume um, wodurch Platz für die Vögel und andere Tiere in der Welt geschaffen wurde.

Doch Rangi, der Himmel, war weiterhin kalt und grau. So platzierte Tane eine rote Sonne und einen silbernen Mond im Himmel, zu Ehren seines Vaters. Dazu spannte er ein riesiges, rotes Tuch über den Himmel. Doch nach einiger Zeit gefiel ihm die Farbe Rot nicht mehr, und so riss er es wieder herunter. Nur am Rand blieb ein kleines Stück hängen, das man zum Sonnenaufgang und Sonnenuntergang bis heute sehen kann.

Die ersten Lebewesen waren geboren, doch Tane empfand, dass sein Werk noch nicht vollbracht war. Tane und seine Geschwister waren unsterblich und damit nicht dafür geschaffen, auf der Erde zu leben.

Dies war das Schicksal der Menschen. Tane formte eine weibliche Gestalt namens Hine-ahu-one („die Jungfrau aus Erde“) und hauchte ihr Leben ein. Er heiratete sie und von dieser Verbindung stammen die Menschen ab. Seither trägt der Menschen sowohl ein irdisches Teil (Ira tangata), als auch ein göttliches Teil (Ira atua) in sich. Nur das göttliche Teil überlebt den Tod und kehrt zu Te Po zurück. Die Urdualität der Schöpfung spiegelt sich demnach auch im Menschen wider…

Ebenen der Schöpfung

Der Ablauf der Schöpfung folgt in den Mythen vieler Kulturen einem ähnlichen Muster und beschreibt die Evolution vom Anfang allen Seins, bevor Raum und Zeit existiert, bis hin zur Existenz des Menschen und der manifestierten Welt, wie wir sie kennen.

0. Am Beginn steht das Nichts, vor jeglicher Art des Seins. Der Zustand des Te Kore aus der Maori-Mythologie ähnelt dem Prinzip Nun, dem Urwasser, im Schöpfungsmythos des alten Ägypten (in der sogenannten „Enneade von Heliopolis“).

1. Danach folgt eine nächste Ebene, die aus dem Nichts geboren wird. In der Maori-Mythologie ist von Te Po (Finsternis) die Rede, in Ägypten entspricht dies dem Atum-Ra (die Sonne); in der chinesischen Mythologie wiederum taucht ein „Weltenei“ auf. In dieser Ebene ist noch nichts differenziert, alles ist EINS.

2. In einem weiteren Schritt folgt die Trennung der Einheit in eine Dualität, die zumeist mit den Bildern des Himmels und der Erde verbunden werden. Dieser Akt der Differenzierung in zwei Kräfte wird oft als Trennung von Himmel und Erde beschrieben; dazwischen entsteht Raum für das Leben.

Die Trennung von Rangi und Papa finden wir in ähnlicher Form im alten Ägypten, wo Nut das Himmelsgewölbe darstellt und Geb die Erde. Schu und Tefnut spannen dazwischen den Raum auf, der Leben ermöglicht. In der chinesischen Mythologie teilt sich das Ei in zwei Teile: Yin und Yang, Himmel und Erde. In manchen Versionen drückt der „Urmensch“ Pan Gu Himmel und Erde auseinander. Ab diesem Zeitpunkt gibt es die Dualität, Spannung und den Kampf in der Welt.

3. Erst in den nächsten Schritten, mit dem Entstehen der verschiedenen Götter (als Nachfahren des ersten göttlichen Paares) findet die eigentliche Schöpfung der manifestierten Welt statt. Alles Lebendige ist nun zwischen diesen beiden Aspekten, dem Himmlischen und dem Irdischen, aufgespannt.

4. In diese Welt wird der Mensch geboren. In den meisten Mythologien stammen die Menschen in irgendeiner Form von den Göttern ab. Bei den Maori wird Hine-ahu-one, die erste Frau, durch Tane aus der Erde geschaffen. In der ägyptischen Tradition stammen die Menschen vom Gott Horus ab. In vielen Überlieferungen wird diesem göttlichen Ursprung des Menschen damit Rechnung getragen, dass die ersten Könige göttlicher Natur waren.

Die zwei Kräfte im Menschen

Schöpfungsmythen sind sehr abstrakt und haben mit unserer täglichen Realität scheinbar wenig zu tun. Erst in den Beschreibungen, in denen es um konkrete Schöpfergottheiten, die Geburt der materiellen Welt und des Menschen geht, werden sie für uns etwas greifbarer.

Dennoch finden wir in den Schöpfungsmythen Gesetzmässigkeiten wieder, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Eines dieser Gesetze ist das Prinzip der Dualität. Im Zuge der Schöpfung gibt es einen Moment, wo aus der Einheit die Dualität wird: Himmel und Erde, Geist und Materie etc. Der Mensch wird als Wesen dargestellt, der beide Aspekte in sich trägt, einen himmlischen Anteil und einen irdischen Anteil.

Diese zwei Kräfte, die das ganze Universum bewegen, sind sehr wohl spürbar in unserem täglichen Leben. Vielleicht hat Goethe in seinem „Faust“ diese zwei Aspekte gemeint, als er von den „zwei Seelen in meiner Brust“ schreibt? Es ist letztlich unser tägliche Kampf zwischen unseren Stärken, guten Vorsätzen, Tugenden und Idealen und unseren Schwächen und Fehlern.

Mythen wie jene der Maori können als Fantasiegeschichten gesehen werden, fern von jeder Realität. Aber ich denke, dass weit mehr dahintersteckt und dass wir, wenn wir uns darauf einlassen und tiefer eintauchen, in den Mythen eine Möglichkeit haben, grundlegende Ideen und Gesetze des Lebens zu erforschen.

Schöpfungsgesang „Te Kore“

Am Anfang war Te Kore, das Nichts.
Dann war Te Po, die Nacht,
Te Po-nui, die grosse Nacht,
Te Po-roa, die lange Nacht,
durch endlose Zeiten der Dunkelheit,
bis endlich Te-Ata, die Dämmerung, kam.

Und mit der Dämmerung,
aus den Äonen des Nichts
und aus dem Schoss der Dunkelheit selbst,
entstanden die urzeitlichen Eltern,
Rangi, der Vater Himmel
und Papa, die Mutter Erde.

Literaturhinweis:

  • Mythologie – Mythen Legenden Erzählungen, Librero IBP, Niderlande, 2014
  • Maori Myths & Legendary Tales, A. W. Reed, New Holland Publishers, Neuseeland, 1999

Von Klaus Holzhaider – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

Die Schule der Philosophie Neue Akropolis bietet mit der Kurs Abenteuer Philosophie einen Einstieg in philosophische Themen; Info-Stunden bestehen unter anderem in Zürich und Basel, wenn Sie sich für Themen wie Mythologie interessieren.