Leben, Tod und Ewigkeit im Alten Ägypten
Die Faszination einer jahrtausendealten Kultur
Eine Annäherung an die Kultur des antiken Ägypten konfrontiert uns unvermeidlich auch mit dem Geheimnisvollen. Dieses Volk, das sich einer etwa 3000-jährigen Geschichte rühmt, hat mit seinen Geheimnissen schon von jeher das Interesse von Forschern erregt. Bereits zur Zeit des antiken Griechenlands und später in der Epoche der Römer war man überzeugt, dass die Grundlage der ältesten mystischen, magischen und esoterischen Kenntnisse in der tausendjährigen Weisheit Ägyptens zu suchen sei.
Einer der Gründe dafür ist wahrscheinlich der, dass alles, was wir vom antiken Ägypten wissen, auf irgendeine Weise mit der Welt der Toten in Verbindung steht. Man braucht nur daran zu denken, dass alle die Texte, die bis in unsere Zeit überliefert wurden und die nach der Entdeckung des berühmten Stein von Rosette übersetzt wurden, von den Pyramiden, Grabmälern oder Sarkophagen stammen. Bei genauerer Betrachtung der ägyptischen Philosophie sehen wir ausserdem, dass die Vorstellung, die die Ägypter vom Leben hatten, eng mit dem Tod und mit dem Geheimnis des Lebens im Jenseits verbunden ist. Leben und Tod durchdringen einander und in jeder Manifestation von Leben scheint ständig dieses Bewusstsein von Ewigkeit und Unsterblichkeit präsent zu sein, welches den Menschen unmittelbar dem Unbekannten und den Geheimnissen des Unerforschlichen gegenüberstellt.
Mythologie
Um die Wichtigkeit dieses Bewusstseins besser zu verstehen, kann es hilfreich sein, eine der grundlegenden Mythen der ägyptischen Religion zu untersuchen: den Mythos von Osiris.
Osiris
Obwohl die ägyptische Religion auf Grund der zahlreichen Gottheiten, die sie beleben, polytheistisch ist, könnten wir sie auch als monotheistisch bezeichnen, wenn wir berücksichtigen, dass alles einen einzigen, gemeinsamen Ursprung in einem absoluten Wesen, welches Nun genannt wurde, hat. Nun könnte man auch mit „Chaos“ übersetzen, jedoch nicht im Sinn von Ungeordnetem, sondern als Einheit, in der alle existierenden Dinge von Anbeginn der Zeit leben; es ist also eine Kraft, ein Wesen, das in sich alle Dinge einschliesst. Aus Nun entstehen zahlreiche Gottheiten, unter ihnen Osiris, der für den ägyptischen Mensch ein Vorbild für Leben und Verhalten wurde, so wie es Christus für die Christen wurde. Er repräsentiert auf symbolische Art das Leben des Menschen in dieser Welt und den Sinn und das Ziel des Lebens des Menschen in der anderen Welt.
Der leuchtende Herr
Osiris wird als aufrecht stehender Mann dargestellt, den ganzen Körper mit Binden umwickelt, als sei er eine Mumie, in sicherer Haltung, mit vor der Brust gekreuzten Händen, in denen er seine beiden Erkennungszeichen hält: eine Peitsche, um zu schlagen und einen Stab, um heranzuziehen. Er verkörpert so die Vereinigung der beiden im Universum existierenden Kräfte: eine Kraft, die abstösst und eine, die anzieht. Es ist also die Harmonie der Gegensätze, das Symbol der Macht, die das Universum zusammenhält, die die Welt der Gegensätze harmonisiert, die diese manifeste Welt ist. Osiris wird auch Herr des Lichtes, der Vegetation und des Lebens genannt, im Sinne des Lebens, das die Dualität von Leben-Tod überwindet. Er ist der Herr des unsterblichen Lebens, der Ewigkeit. Er wird auch der König des Goldenen Zeitalters genannt.
Dieser Hinweis auf das Goldene Zeitalter ist allen philosophischen und religiösen Traditionen gemein, die übereinstimmend von einer mythischen „Ursprungsepoche“ erzählen, während derer der Mensch ein so vollendetes Wesen war, dass er in einer paradiesischen Welt lebte, im Garten Eden, gemeinsam mit den göttlichen Wesenheiten und in vollkommener Abwesenheit von Bösem, Tod, Niedertracht und Lüge.
Die Wiedergeburt
Aber wie in allen Traditionen ist auch in der ägyptischen der „Fall“, der Verlust dieser anfänglichen Vollkommenheit und Harmonie, notwendig, damit diese durch einen katharsischen, d.h. reinigenden Prozess, wiedererobert werden können. Durch den Tod und die folgende Wiedergeburt verwirklicht Osiris genau diese Läuterung und bereitet so den Menschen den Weg, die sich, nach Überwindung einer Reihe von Prüfungen, die im Initiationstod gipfeln, mit der ursprünglichen Vollkommenheit wiedervereinigen können.
Der Todfeind von Osiris, dem Herrn des Lichtes und der Harmonie, ist Seth, sein Zwillingsbruder. Seth ist der Gegensatz zu Osiris, er ist der Herr der Dunkelheit und der Zwietracht. Manchmal wird er auch mit einem Eselskopf abgebildet, das Symbol für seine Stumpfheit, Ignoranz, Instinktivität und Leidenschaftlichkeit ist.
Der Mythos erzählt, dass Seth, der seinen Bruder irreführen wollte, einen Sarkophag mit den genauen Massen von Osiris baute. Nachdem er ihn mit Steinen und edlen Metallen kostbar verziert hatte, versprach er ihn jenem Gott, dem es gelänge, hineinzuschlüpfen und dort ausgestreckt zu liegen. Unter all den Göttern, die den Sarkophag besitzen wollten, gelang das nur Osiris. Seth schloss daraufhin schnell den Deckel, versiegelte ihn und warf ihn zuerst in die Luft und dann ins Wasser. Der Sarkophag begann so im Nil zu schwimmen, bis er sich in Byblos in einem Maulbeerbaum verfing, der in der Folge als heilig angesehen wurde und den Sarkophag überwucherte.
Das Grab der Seele
Wenn wir hier innehalten und diesen Teil des Mythos genauer untersuchen, können wir mehrere Symbole erkennen. Das Bild des Sarkophags ist schon an sich symbolisch, es ist der Ort, wo die Leiche aufbewahrt wird. „Sarkophagos“ heisst „Fleischverzehrer“: der Sarkophag ist also der Ort, an dem sich das Fleisch zersetzt, die Materie sich auflöst. In der symbolischen Sprache des Mythos bedeutet die Tatsache, dass Osiris, der Herr der Harmonie und des Lichtes, der König des Goldenen Zeitalters im Sarkophag eingeschlossen wird, dass das Licht von der Dunkelheit eingesperrt wird. Es ist das Licht, das vergeht. Und so wie der Körper sich im Sarkophag zersetzt, löst sich auch das Licht beziehungsweise der Geist im Fleisch auf. (Der Körper als das Grab der Seele ist eine Vorstellung, die auch in der griechischen Philosophie auftaucht und von Platon überliefert wird.) In der ägyptischen Philosophie nimmt so der Moment der Geburt auch die Bedeutung des Todes für die Seele an. Die in den Körper eingehende Seele wird von der Materie begrenzt, in ihr gefangen und eingekerkert.
Die Reise, die der Sarkophag in der Luft und im Wasser vollzieht, ist der Weg, den die im Körper gefangene Seele in diesem Leben, wo alles Werden ist, gehen muss. Die Luft ist die Energie, die alle Dinge bewegt. Das Wasser ist die ständige Bewegung, die das Leben, aber auch den Tod und die Wiedergeburt erzeugt. Luft und Wasser sind die symbolischen Elemente des Lebens und der andauernden Wandlung. Im Sarkophag gefangen unternimmt Osiris die Pilgerfahrt, die die Seele des Menschen in diesem Leben machen muss, von der ständigen Veränderung geführt, der Willkür der Instinkte, Leidenschaften und Gedanken ausgeliefert. Das Leben an sich hat keinen Wert, wenn es nicht als Reise an das Ziel verstanden wird.
Im Mythos von Osiris ist dieses Ziel der Maulbeerfeigenbaum. Auch der Baum ist ein symbolisches Element, das in allen religiösen Traditionen auftaucht, vom Baum des Guten und Bösen und des ewigen Lebens im Garten Eden bis zum Yggdrasil usw… Der Baum hat dabei immer die Bedeutung von Verbindung oder Achse gehabt. Tatsächlich reichen ja seine Wurzeln bis in die Erde, aus der er den Lebenssaft aufnimmt, und gleichzeitig wächst er in die Höhe. Damit zeigt er uns, dass das Leben nicht nur in horizontaler Richtung fortschreitet, sondern auch mittels eines vertikalen Wachstumsprozesses. Daraus ergibt sich das Sinnbild der Verbindung, der Achse zu einer idealen, göttlichen, himmlischen Welt. Der Baum ist also das Ziel, das der irdischen Reise ein Ende setzen wird. Indem der Baum den Sarkophag überwuchert, ermöglicht er, dass dieser eine neue Reise zur archetypischen Welt antritt.
Isis
Der Mythos setzt sich nun fort mit dem Auftreten von Isis, der grossen Geliebten von Osiris, seiner Schwester und Braut. Isis wird üblicherweise mit roten Mänteln oder Gewändern bekleidet dargestellt, mit Kuhhörnern auf dem Kopf, welche die Vereinigung von zwei Gottheiten, Isis und Hathor, der Kuhgöttin, darstellen. Sehr oft wird sie aber auch mit einem Thron auf dem Kopf dargestellt oder mit einer Art Kopfbedeckung aus drei Stufen. Ihr Name bedeutet wörtlich auch „Stufe“.
Die Herrin des Blutes
Isis wurde als Herrin des Blutes (daher auch der rote Mantel), des Lebens und der Magie betrachtet. Die Verknüpfung dieser drei Aspekte rührt daher, dass die Ägypter durch die Betrachtung der Naturzyklen erkannten, dass jedes Ding, das stirbt, auch auf irgendeine Weise etwas Neues, neues Leben zeugt. Nichts verschwindet wirklich in der Materie, aber alles wandelt sich, alles ist Energie, die neue Formen gebiert. Das Leben ist also der grosse Magier, weil es immer siegt und sogar den Tod besiegt.
Als Isis nun Osiris nicht mehr in der himmlischen Welt sieht, steigt sie auf der Suche nach ihrem Gemahl in die Welt der Materie hinunter und erahnt, dass der Maulbeerfeigenbaum den Körper des Geliebten umschliesst. Sie findet den Sarkophag, befreit den Körper von Osiris und beginnt auf magische Weise, ihm wieder Leben einzuflössen. In diesem Moment erscheint Seth, der Feind, der den Körper von Osiris ergreift und ihn in sieben oder 14 Stücke zerreisst, die er über ganz Ägypten verstreut. Daher sagt man auch, dass alle Tempel, die in den verschiedenen Epochen entstanden, einen Teil des Körpers von Osiris bergen. So wie unsere Kirchen die Reliquien der Heiligen aufbewahren, bewahrten die Tempel der antiken Ägypter einen Teil des Körpers von Osiris auf. Sie erinnern so daran, dass das Leben aus dem Tod entsteht und dass auch das spirituelle Leben aus dem Tod oder dem Opfer eines Gottes, Heiligen oder höheren oder unsichtbaren Wesens entsteht.
Die unsichtbare Welt
Nach diesem Opfer muss Osiris aber nun die stoffliche Welt verlassen, um in der unsichtbaren Welt weiterzuleben. Diese himmlische Welt wurde von den Ägyptern Duat oder auch „Umgekehrte Welt“ genannt, um darauf hinzuweisen, dass sie sich in der materiellen Welt widerspiegelt. Sie wurde in der Hieroglyphenschrift als stilisierte Figur dargestellt, in gebeugter und umgekehrter Haltung, sodass sich der Kopf und die Füsse trafen und einen Kreis bildeten. Osiris wird also der Herr dieser unsichtbaren Welt, in der die Wesen und die Kräfte wohnen, die geboren werden oder in der Welt der Kräfte bleiben. Hier befinden sich die Ideen und Gesetzmässigkeiten, und die leuchtenden und positiven Wesen leben neben negativen und dunklen Wesen. Es ist also eine Einheit von Paradies und Hölle. Als König dieser Welt wird Osiris thronend dargestellt, wie er am „Totengericht“ teilnimmt. Er, der als erster die Schwelle des Todes überschritten hat, zeigt den Weg und kann all die Wesen beurteilen, die mit ihm in die Materie fielen und die Erfahrung des Lebens der Verwandlung der Opferung und der Teilung der Materie machten, um in diese ewige Dimension zu gelangen, wo der Tod nicht mehr existiert.
Horus
Mit dem Osiris-Mythos verbindet sich die Geburt des Horus, der dritten Gottheit, die in der späteren Epoche die Triade Osiris-Isis-Horus vervollständigt. Horus ist der Sohn von Isis und Osiris, der auf magische Art gezeugt wird, als Isis versucht, Osiris wieder zum Leben zu erwecken. Er erbt das Reich des Vaters in dieser Welt und wird zum Mittler, der die sichtbare Welt mit der unsichtbaren Welt verbindet. Auf ihn geht die Heiligkeit des Pharaos zurück, der als unmittelbare Manifestation oder Reinkarnation von Horus betrachtet wird.
Horus wird mit menschlichem Körper und Falkenkopf dargestellt. Der Falke ist ein Vogel, der sehr hoch fliegt und der in weiten Räumen und der Einsamkeit lebt. Sein äusserst scharfer und durchdringender Blick reicht über weite Entfernungen. Horus verkörpert die Schärfe des menschlichen Verstandes, den Gedanken, der die Dimension der abstraktesten Ideen erreichen kann. Es ist der denkende Mensch, der in sich einen Teil des Vaters, Osiris und einen Teil der Mutter, Isis, hat, des Leuchtenden Herrens und der Herrin der Magie und des Lebens. Er ist das Symbol für den Menschen selbst.
Von Prof. Elba Tejeda, Dir. von N. A. in Buenos Aires (Übersetzt von: Margit Wiener) – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
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