Sie ist schwarz wie die Nacht. Eine lange rote Zunge hängt aus ihrem Mund. Bekleidet ist sie mit einer Kette von Menschenschädeln und einem Rock aus abgeschnittenen Armen. Sie selbst hat vier Arme. In zweien davon hält sie ein blutiges Schwert und einen abgetrennten Männerkopf. Die anderen beiden Hände zeigen die Geste (Mudra) der Schutzgewährung und der Wunscherfüllung. Ist es der Schrecken, den sie verbreitet, dass sie oft mit einem roten Tuch bedeckt wird, das nur den Kopf und die Füsse freilässt? Und die stehen – oder tanzen! – auf einem ausgestreckten, leblosen Männerkörper. Das soll eine Göttin sein? Doch wohl eher eine Hexe oder ein Dämon. Tatsächlich kann man es in älteren Büchern noch so nachlesen.
Ein Kennzeichen des Hinduismus, denn in diesem Weltgebäude bewegen wir uns hier, ist seine „Durchlässigkeit“, wie Prof. Michael von Brück es einmal ausgedrückt hat. Götter, Menschen, Tiere und Dämonen sind nicht streng voneinander getrennt. Das männliche und das weibliche Prinzip gehen ineinander über, und das, was wir so naiv in gut und schlecht aufspalten, findet Platz in einer Gottheit. Natürlich tauschen die Götter untereinander auch Namen und Bekleidung. Deswegen ist die schreckliche Kali auch die liebliche Saraswati, Göttin der Sprache, des Wissens und der Musik, und natürlich ist sie auch die löwenreitende, Dämonen tötende Durga. Und alle diese Göttinnen wiederum sind Aspekte der Devi, der Göttin schlechthin, die die Eine und die Vielen ist. In Indien ist der Kult der grossen Göttin, der früher so gut wie überall verbreitet war, noch lebendig.
Der Mythos hat seine eigene Wahrheit
Wieder einmal hatte ein Dämon so viel Macht angehäuft, dass er das Weltgefüge bedrohte. Die männlichen Götter waren überfordert – eine Frau musste es richten, Durga, deren Name „die Unangreifbare“ bedeutet. Die Götter übergaben ihr all ihre Waffen. So gerüstet zog Durga zusammen mit ihrem Löwen in den Kampf. Der Dämon sah die schöne Göttin und verfiel auf einen alten Trick. „Schöne Göttin“, flötete er, „du bist doch nicht für den Kampf gemacht, sondern für die Liebe. Stell dir vor, wir beide zusammen… Wir wären wirklich unschlagbar.“ Durga verzog keine Miene (vermutlich hat sie ihn noch kalt abserviert: Hör auf zu schleimen!), und paff, mit der Leichtigkeit, mit der man eine Fliege verscheucht, hatte sie den Dämon erledigt. So wird sie meistens in der indischen Ikonografie als Mahisasuramardini dargestellt, die Töterin des grossen Dämons.
Doch einmal hatte sie es mit einem Dämon zu tun, der die unangenehme Eigenschaft besass, aus jedem vergossenen Blutstropfen einen Klon von sich entstehen zu lassen. Man konnte ihn also nicht mit den üblichen Mitteln bekämpfen. Da wurde Durga wirklich böse, und aus ihrer schwarzen Wut entsprang Kali in ihrer schrecklichsten Form. Mit einem Schrei, der das Universum erschütterte, stürmte sie auf das Schlachtfeld. Sie war hager und knochig, von schwarzer Farbe, nackt bis auf eine Elefantenhaut, und nicht einmal ein Dämon wäre auf die Idee gekommen, sich bei ihr einzuschmeicheln. Aber sie war die gewaltigste aller Kriegerinnen. In ihr aufgesperrtes Maul, aus dem die Zunge heraushing, wanderten Kriegselefanten und ganze Streitwagen. Sie frass die Dämonen einfach auf.
Annäherung über den philosophischen Königsweg
In der Strömung des Hinduismus, der den weiblichen Aspekt der Gottheit absolut setzt (Shaktismus oder hinduistischer Tantrismus im Unterschied zu den buddhistischen Tantras), drückt der männliche Aspekt die reine Potenzialität aus, also das, was theoretisch möglich wäre. Dementsprechend wird er mit Ruhe und Passivität gleichgesetzt. Das ist in der Ikonografie der tote Mann unter Kalis Füssen. Der weibliche Aspekt hingegen ist Energie, ist aktiv, ist das, was wirkt, ist die Wirklichkeit selbst. Deswegen ist Kali im Besitz der „Waffen“ aller männlichen Götter. Die Arme und Hände, aus denen ihr Rock besteht, sind die Werkzeuge der Tat par excellence. Dass sie abgeschnitten sind, soll nicht heissen, dass man nichts tun soll, im Gegenteil.
In der Bhagavad Gita, einem der Basistexte des Hinduismus, heisst es, dass der Mensch sich von den Früchten seiner Taten trennen soll. Man soll also das tun, was getan werden muss, und zwar so gut wie möglich, aber sich weder die positiven Folgen gutschreiben noch die negativen anlasten. Die Kette von Menschenschädeln um Kalis Hals symbolisiert die Buchstaben des Sanskrit-Alphabets. Im übertragenen Sinne ist sie die Gesamtheit aller Laute und alles, was sich damit ausdrücken lässt.
Am meisten schockieren uns vielleicht der abgeschnittene Männerkopf und das blutige Schwert. Ein übertriebenes Ego kann dämonische Züge annehmen und Kali, die nicht-duale Wirklichkeit, zerschneidet dieses falsche, letztlich unwirkliche Ego mit dem Schwert der Unterscheidungskraft. Wenn der Kopf ab ist, dann sind wir auch das Kopfweh los, das uns dieses aufgeblasene Ego verursacht.
Ein poetischer Zugang
So oder so ähnlich hat es auch Ramprasad ausgedrückt, ein bengalischer Dichter des 18. Jh. Er war ein glühender Verehrer der Göttin, die er meistens Kali, auch Mutter Kali, auch Saraswati oder Tara nennt. Ungefähr 250 seiner Gedichte sind uns überliefert. Es sind eigentlich Lieder und sie werden heute noch im Radio gespielt und von allen Schichten der Bevölkerung gesungen. Ramprasad hat wunderbare Bilder für Kali gefunden. Hier ein Beispiel:
“Ich bin sprachlos vor heiligem Entsetzen!
Vor mir steht die höchste Streiterin!
Der Kosmos zittert unter ihren stampfenden Füssen, wenn sie die Kräfte der Verneinung direkt angreift.
Kriegswagen und ihre Lenker, Pferde und Reiter, Pfeile und Bogenschützen verschlingt sie ganz.
Ihr göttlicher Leib ist schwärzer als der König des Todes.
Von ihrer Stirn strahlt Zeitlosigkeit.
Ihre fliegenden Haare verschleiern die Sonne.
Der Mond fällt besinnungslos zur Erde.
Donnernde Kriegselefanten vergehen in ihr wie Motten in einer Flamme.
Neben Kali steht ein friedliches Mädchen, das den Kelch zeitlosen Bewusstseins in Händen hält.
Nun ist der Tanz der schwarzen Königin graziös, ihr Lächeln ist strahlender als der Vollmond.
Sie hat die egoistischen Hoffnungen jedes begrenzten Wesens im Universum zerstört, indem sie objektive und subjektive Welten in einem ekstatischen Inferno in sich hineingenommen hat.”
aus: „Mother of the Universe. Visions of the Goddess and Tantric Hymns of Enlightenment“ von Ley Hixon, 1994. Eigene Übersetzung.
Etwas für hartgesottene Realisten
In einem anderen Gedicht sagt Ramprasad von Kali, sie sei überströmt mit all dem Blut, das jemals vergossen wurde. Kali ist die nackte Realität, nicht die, die wir mit unseren Illusionen bekleiden. Kalis Schlachtfeld ist das weite Gebiet des physischen und psychischen Leidens.
Der erweiterte Blickwinkel
Ein anderer Name für Kali ist Tara. Durch die traditionell engen Beziehungen zwischen Bengalen und Tibet ist Tara in den tibetischen Buddhismus eingewandert, wo sie als Mutter aller Buddhas gilt.
Andererseits haben die Feministinnen im Westen Kali schon lange als Symbol weiblicher Macht und Stärke für sich entdeckt. Als Indien im Winter durch einen besonders schrecklichen Fall von Vergewaltigung gezwungen wurde, sich selbst als Gesellschaft ins Auge zu blicken, malte in Benares eine Frau eine wunderschöne, kraftvolle Kali auf eine Hauswand: Jede Frau ist eine Göttin!
Gerade Kali hat die schöpferische Kraft von Künstlern und Künstlerinnen immer wieder herausgefordert. In der indischen Gegenwartskunst wird sie vor allem in abstrakter Form gezeigt. Wenn hier auch die Freiheit der Kunst zum Zuge kommt, so bewegen sich die Künstler doch auf abgesichertem Boden. Im Hinduismus gibt es von jeher die Möglichkeit, einzelne Aspekte des Göttlichen (der Götter) in einer traditionell festgelegten, rein geometrischen Form darzustellen. Diese Diagramme heissen Yantras und werden als vollständige Verkörperung der Gottheit angesehen. Das Kali Yantra ist so ein Diagramm, das den formlosen Aspekt der Göttin abbildet.

Dem gegenüber vereinigt Kalis traditionelle Ikonografie Gegensätzliches. Das ist ein Hinweis darauf, dass es sich hier um eine zweideutige Gottheit handelt, etwas, was dem westlichen Intellekt grosse Gedankenakrobatik abverlangt. Sie ist die weibliche Kriegerin und die schreckliche Mutter, die ihre Kinder befreit, indem sie alle Grenzen sprengt. Sie steht ausserhalb jeglicher Ordnung, auch ausserhalb der dharmischen (= religionsgesetzlichen) Ordnung, die für dieses Leben, aber eben nur für dieses Leben gilt. Wer moksha, Befreiung von Leben und Tod sucht, muss diese Ordnung überwinden.
Je nachdem, an welchem Punkt seines spirituellen Weges ein Suchender steht, wird er durch die schockierende Gestalt Kalis entweder in den Schoss sozialverträglicher Religiosität zurück verwiesen oder über die Schwelle gestossen, wo Gegensatzpaare wie schön und hässlich, gut und böse, anziehend und abstossend nichts mehr bedeuten. Kali ist der weite, unbegrenzte Raum jenseits aller Religionen.
Von Sabina Jarosch – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
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