Vielleicht haben Sie gerade eine interessante Erfahrung gemacht? Sie haben „Kunst“ gelesen und vielleicht für einen winzigen Augenblick gezögert, weiterzulesen. Vielleicht ist Ihnen für den Bruchteil einer Sekunde die Frage durch den Kopf gegangen: Kunst – wozu? Doch da stand auch noch „verrückt“ – und vielleicht war gerade dieses Wort Motivation und Anlass, um dem Thema doch noch etwas abzugewinnen.
Sollte es so oder so ähnlich gewesen sein, besteht kein Anlass zur Sorge. Sie gehören weder zu den Kunstbanausen, noch zu den Sensationsjägern. Es ist ganz einfach ein Spiegel unserer Gesellschaft. In einer Welt, in der die Suche nach dem Schönen zum Steckenpferd einiger weniger versprengter Idealisten geworden ist, scheint die Kunst ihre klassische Aufgabe verloren zu haben. In einer Welt, die den blutrünstigen Feldzügen der Profitgeier überlassen wurde, scheint die Kunst ihre ureigenste Bestimmung verspielt zu haben. Heimatlos, weil zweck- und sinnlos, ist sie geworden. Und so verkriecht sie sich in eine Nische – die Nische der Exzentrizität, des Abnormen, des Verrückten. Und plötzlich ist sie wieder interessant. Das neue Image scheint ihr neues Leben einzuhauchen: Die Kritiker schreiben wieder, die Ausstellungen und Konzerte boomen wieder, und vor allem: Der Rubel rollt. Der Rubel rollt im Namen der Kunst.
Die Sinnkrise der Kunst
Vielleicht ist es nicht das spezifische Schicksal der Kunst, dass sie ihren ureigensten, archetypischen Platz verloren hat. Vielleicht ist es ein globales Phänomen unserer Zeit, die jede Tradition in Frage stellt, die alten, tradierten Werte in Zweifel zieht und vieles zerschlagt, was scheinbar „von gestern“ ist. Vielleicht ist es sogar ein notwendiges Phänomen, überholte Formen und Konventionen über Bord zu werfen, um neuen Entwicklungen Raum zu geben. Und dennoch scheint die Krise tiefer zu sitzen. Man hat dem klassischen Ideal eine Absage erteilt. Kunst hat nicht mehr die Aufgabe, den Menschen zu erheben oder den Sinn für die subtileren Seiten dieses Seins zu sensibilisieren. Die Kunst ist auch nicht mehr die alte Botschafterin zwischen den Menschen und Göttern. Profan ist sie geworden, und doch zugleich unverständlich für den Durchschnittsbürger. Eine Kunst aber, die ihre eigene Sprache verloren hat und einen Dolmetscher braucht, kann das Bedürfnis der Vielen nicht mehr erfüllen. Und so richtet sie sich nach den Wünschen der Wenigen, die Geld und Einfluss genug besitzen, um ihren eigenen Kunststil zu kreieren und sich mit den nichts sagenden Trophäen ihrer Eitelkeit zu schmücken.
Ein anderer Grund für die Sinnkrise der Kunst mag wohl darin liegen, dass man sie verbannt hat. Verbannt aus allem, was mit Leben zu tun hat, auf das Podest der Nutzlosigkeit gestellt, ist sie leblos geworden. Eine Künstlerin erzählte mir einmal, dass ihr bis heute von Seiten der zuständigen Kommission der offizielle Status als Künstlerin verwehrt wird, weil ihre Schalen aus Ton zu viel an praktischem Nutzen erfüllen. Wie weit sind wir entfernt vom klassischen Ideal der Kunst, die im griechischen Wort „techne“ wohl ihren besten Ausdruck findet. Damit, so sagt Aristoteles, ist die Fähigkeit gemeint, eine Schöpfung hervorzubringen, im Wissen um das ihr innewohnende Prinzip. Gelingt die Arbeit, so wird von Kunst im Sinne von „können“ gesprochen – unabhängig davon, ob es sich um ein Gemälde oder ein einfaches Werkzeug handelt. Jeder einfache Handwerker versuchte, sein Werk in den Adelsstand der Kunst zu erheben, indem er ihm eine Seele einhauchte. Doch das ist Geschichte. Welche Funktion erfüllt die Kunst aber in der Gegenwart?
Die Kunst auf der Suche nach einer neuen Bestimmung
Allen Sinnkrisen zum Trotz ist die Kunst aber am Leben, vielleicht mehr am Leben denn je. Und allen Unkenrufen zum Trotz hat sie sich auch wieder einen Platz erobert. Vielleicht ist sie weniger klassisch, dafür aber näher am Puls unserer Zeit. Vielleicht ist sie weniger schön, dafür aber besser geeignet, um die veränderten Bedürfnisse des modernen Menschen zu befriedigen. Ganz sicher ist sie aber verrückt, wie sie es immer schon war. Ver-rückt jedoch im ursprünglichen Sinn des Wortes: nicht ganz gewöhnlich, nicht alltäglich, jenseits der herrschenden Norm, Herausforderung für das Denken in Schemen und Vorurteilen, Voraussetzung aber für alles Grossartige, was der Mensch je hervorgebracht hat.
Protest ist eine dieser neuen Funktionen. Protest schreit aus den Texten eines Günter Grass. Protest schreit aus den Staccato-Songs der Rapper. Protest gegen eine Gesellschaft, die im Vordergrund das brave, sozial und ökologisch verantwortungsbewusste Leben von Biederfrau und Biedermann heuchelt, während im Hintergrund das nächste Komplott gegen Mensch und Natur geschmiedet wird. Wie vieles bliebe ungesagt, wie vieles würde unter den Teppich des Schweigens gekehrt, würden es nicht beherzte Künstler irgendwann zur Sprache bringen? Denn als „Ver-rückte“ stehen sie ausserhalb der spiessbürgerlichen Ordnung und dürfen das tun, was andere mit ihrem Job bezahlen, nämlich ihre Meinung äussern.
Im Protest gegen alte, überkommene Konventionen steckt zugleich aber auch der Keim des Fortschritts. Im Spiel der Formen und Farben die neue Zeit zu entdecken, das war die Berufung eines Salvador Dali. Aus den gewohnten Harmonien auszubrechen, um neue Sphären des Tones und letztlich auch des Bewusstseins zu erreichen, war die Intention eines Schönberg, als er die Zwölftonmusik begründete. Ja, ein wenig liegt es in der Verantwortung der Kunst, Grenzen zu überschreiten, Neues zu wagen, ein wenig „verrückt“ zu sein. Schon immer waren es die Künstler, die intuitiv das Heraufdämmern neuer Epochen spürten und mit ihren progressiven Werken das Morgen beflügelten.
Das Geschäft mit der Verrücktheit
Doch der Mensch neigt zu Extremen. Und was auf der einen Seite notwendige Voraussetzung für Entwicklung ist, wird auf der anderen Seite bis zum Wahn strapaziert, oder ganz einfach benutzt. Benutzt, um Schlagzeilen zu machen, benutzt um das grosse Geld zu machen. Das Geschäft mit der Verrücktheit blüht. Ein Künstler, der nicht irgendeine Marotte besitzt, verschwindet bald wieder von der Bildfläche, oder war nie dort. Da gibt es Künstler, die sich von der plastischen Chirurgie jedes Jahr eine neue Identität verpassen lassen und jeder Eingriff erhöht die Popularität und damit den Rang in den Charts. Da gibt es Künstler, die das Chaos ihres Privatlebens zum Kult erheben und jedes neue Drama verheisst einen neuen Silberstreif am CD-Firmament.
Nicht anders verhält es sich mit der bildenden Kunst. Und da hier naturgemäss die Person des Künstlers in den Schatten tritt, muss das Werk umso stärker wirken. Dass ein leerer Rahmen mit dem bezeichnenden Titel „Die Zwischenräume zwischen den Bildern“ Begeisterung erzeugt, versteht sich von selbst. Und dass die Komposition von vier übereinander gestapelten Boxen für Brillo-Schwämmchen, wie man sie üblicherweise im Handel erhält, das Kunstherz höher schlagen lässt, ist wohl ebenfalls einleuchtend. Fast scheint es so, als würde sich mancher moderne Künstler lustig machen über die rasche Sättigung des Kunsthungers unserer Zeit. Pablo Picasso bestätigt das in seinem künstlerischen Testament:
„Ich bin nur ein Clown“, meint er darin, “der seine Zeit verstanden und alles herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost, noch Erhebung. Die Kritiker aber habe ich mit den zahllosen Scherzen zufrieden gestellt, die mir einfielen, und die sie umso mehr bewundern, je weniger sie ihnen verständlich sind.“
Immer wieder wurde dieses Dokument als Fälschung abgestempelt. Picasso selbst hat es aber nie dementiert – und das wohl mit gutem Grund. Mehr oder weniger offen ist seine Kritik an jene adressiert, die sie wirklich verdienen, aber aus Gründen der Opportunität immer verschont bleiben.
Es sind jene, die letztlich Kunst erst zur Kunst machen. Das ist nicht immer das begeisterte Publikum. Ja, es sind nicht einmal immer die Künstler selbst. Vielmehr sind es jene namenlosen Agenten, die das Zwischenreich zwischen Künstlern und Publikum bewohnen und beherrschen. Es sind die Kunst-Kritiker, die die Glossen mit ihrem unverständlichen, verwirrenden, für jeden Normalbürger unergründlichen Kunst-Esperanto füllen, wie es Ephraim Kishon nennt. Es sind die Kunst-Händler, die sich händereibend unter das Auktionspublikum mischen und den Spieltrieb der Wohlhabenden darüber entscheiden lassen, was Kunst ist. Das Zusammenspiel der Kunstmacher ist perfekt. Und das Rezept für das Geschäft mit der Lust an Verrücktheit ist einfach. Denn wer wagt es schon, seine Stimme gegen die herrschende Meinung zu erheben und damit das Risiko auf sich zu nehmen, als stockkonservativer, intellektuell minder begabter Spiesser zu gelten? Gruppenzwang und Konformismus spielen jenen in die Hände, die an der Kunst nur verdienen wollen.
…und die Kunst muss doch verrückt sein!
Doch jenseits der riesigen, aber leeren „Kunstblase“ gibt es eine moderne Kunst, die noch immer jenes überzeitliche Ideal vermittelt, das weder Zeit, noch Moden kennt. Eine Kunst, die sich nicht beirren und vor allem nicht kaufen lässt. Sie ist nicht von gestern, sondern nimmt das, was unsere Zeit ihr anbietet, und gibt das zurück, was unsere Zeit braucht und versteht. Aus Polyester und Metall formt sie die Brücke zwischen dem Unvergänglichen und unserer vergänglichen Welt. Mit grellen Neonfarben nähert sie sich Pinselstrich um Pinselstrich dem Ideal des Schönen. Und mit dem synthetischen Klang des Synthesizers heilt sie den Durst unserer Seelen nach etwas, das erhebt.
Nicht immer ist es einfach zu entscheiden, was wirklich Kunst ist. Doch es sind mit Sicherheit jene Werke, die uns zumindest für einen Augenblick entführen – entführen aus dem Gewirr der Alltäglichkeiten, der Sorgen und Ängste um unser Dasein und uns wenigstens für einen Moment eine Ahnung davon geben, dass es etwas Grösseres, Vollkommeneres gibt. Es sind mit Sicherheit jene Werke, die uns wenigstens einen Augenblick lang verrückt sein lassen. Ein wenig liegt es in der Verantwortung der Kunst, Grenzen zu überschreiten, Neues zu wagen, ein wenig „verrückt“ zu sein.
Von Johanna Bernhard – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie
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