Die Definitionen von Kunst sind zahlreich und es liesse sich viel darüber diskutieren, aber was bewirkt Kunst in uns? Warum machen Menschen (auf welche Art auch immer) Kunst und warum sehen oder hören wir sie uns an? Können wir dadurch zu besseren Menschen werden oder zerstreut sie uns einfach nur für eine Weile? Sehen wir darin die Ideen, die man mit der (alltäglichen) Sprache nicht vermitteln könnte oder bewundern wir nur vollendetes Handwerk?

Was wird als Kunst bezeichnet?

Das Wort Kunst ist vom lateinischen Wort „ars“ hergeleitet und bedeutet soviel wie „Geschicklichkeit oder Fertigkeit“. Kunst in seiner breiten Bedeutung bringt sowohl Geschicklichkeit, als auch kreative Vorstellungskraft in einen musikalischen, literarischen oder visuellen Zusammenhang. Kunst versorgt Menschen und diejenigen, die sie produzieren, mit einer Erfahrung, die ästhetisch, emotional, intellektuell oder eine Kombination aus diesen Qualitäten sein kann.

„Die Kunst ist nichts als Gefühl. Doch ohne Kunstfertigkeit ist das lebhafteste Gefühl gelähmt.“ – Rodin

Kunst setzt „Können“ als selbstverständlich voraus. So wie ein Musiker zuerst sein Instrument beherrschen muss, um ihm harmonische Töne zu entlocken, muss jeder wahre Künstler sein Handwerk beherrschen. Erst dann kann er variieren, improvisieren und Neues von Qualität hervorbringen. Wenn er es noch nicht zur Meisterschaft gebracht hat, kann er durchaus kreativ und schöpferisch tätig sein, doch wird daraus nicht unbedingt ein Kunstwerk entstehen.

Umgekehrt gilt: Wird eine Perfektion in der Technik erreicht, ohne wirklich in das Wesen der Dinge zu dringen, kann daraus nur ein Abklatsch, eine erstarrte Maske entstehen. Die Kunst beginnt erst bei der inneren Wahrheit. Was für einen Menschen zutiefst wahr ist, ist es für alle.

„Wahre Kunst wirkt auf den Betrachter wie Fenster, die sich zum Leben hin öffnen und ihm Einblicke gewähren in den Kern allen Seins.“ – Rodin

Der Bildhauer Auguste Rodin orientierte sich ganz an der Natur, jedoch erfasste er die tiefe Wahrheit, nicht nur die Oberfläche. Er betonte z. B. Linien, die den Geisteszustand seiner Figur am besten ausdrückten und fasste mehrere Bewegungen in einer einzigen zusammen. Ein Beispiel ist seine Skulptur „Der Denker“. Dessen ganzer Körper ballt sich zusammen unter der Schwere seiner Gedanken. Jede einzelne Sehne tritt in dieser Anspannung zutage und man spürt förmlich die Qualen und den Druck, unter denen er steht. Selbst an den Unterschenkeln zeigen seine Sehnen den Druck, den seine Füsse mit den zusammengepressten Zehen auf den Sitzblock ausüben als würde er dort den Halt suchen, den er in seinem Verstand nicht finden kann.

Der Kunstbegriff selbst und was als Kunst akzeptiert wird, ist einem ständigen Wandel unterworfen. Der Künstler betrachtet die Welt und die Elemente, aus denen sie zusammengesetzt ist, und fügt sie zu immer neuen Variationen zusammen. Er speist sein Schaffen aus der Tradition und seiner kulturellen und gesellschaftlichen Umgebung. Gleichzeitig wird jedoch das, was bisher war, von ihm gebrochen, kontrastiert und mit neuem Geist versehen.

Das führte in der Moderne zum Bruch mit den Traditionen – zur „Avantgarde“ des 20. Jahrhunderts, die die bürgerliche Welt bewusst von aussen attackierte. Die Grenzen der Kunst wurden in Frage gestellt und neu formuliert. Duchamp z. B. provozierte sein Publikum mit einem Pissoir als „Readymade“ (Kunst aus Alltagsobjekten). Heutzutage zählt vor allem das Konzept, um sich von anderen Künstlern abzugrenzen und originell zu sein. So wird das Neue in der Kunst oft zum Selbstzweck und unterwirft sich den Gesetzen der Schnelllebigkeit und der Marktwirtschaft. Die Qualität wirklicher Kunst zeigt sich jedoch, in dem was Bestand hat, was die Kraft hat, über den Zeitgeist hinauszugehen. Ein Künstler verdichtet Zufälliges mit Bewusstsein und schafft so mit seinem Willen „Neues“. Auf diese Verdichtung kommt es an!

Was kann Kunst bewirken?

Ist Kunst nur der Ausdruck einer „gesättigten“ Gesellschaft, die sich mit Nutzlosem umgibt, da alle Grundbedürfnisse gestillt sind? Sicher nicht, denn es kann auch grossartige Kunst unter widrigsten Bedingungen entstehen. Vincent van Gogh z.B. hat als zerrissene Persönlichkeit in Depression und Armut gelebt. Doch seine Gemälde bewegen die Menschen noch heute und werden auf dem Kunstmarkt als die wertvollsten Werke überhaupt gehandelt.

Kunst muss nicht unbedingt schön bzw. ästhetisch, im Sinne von „geschmackvoll, dekorativ“, sein. (Geschmack ist ja höchst subjektiv!) Kunst kann abstossend sein, wenn sie Missstände und Ungerechtigkeit offen legt und diese „ungeschönt“ und schockierend offenbart. Ein Beispiel ist für mich das Gemälde „Guernica“ von Picasso, das die Zerstörung und das Gemetzel im spanischen Bürgerkrieg widerspiegelt: ein riesiges Gemälde von grauer, trostloser Farbe, das zerstückelte und deformierte Körperteile von Menschen und Tieren zeigt. Es ist nicht gerade ein Bild, das man länger betrachten möchte, obwohl es sicher meisterlich komponiert ist. Picasso äusserte sich zu seiner künstlerischen Haltung in diesem Bild folgendermassen:

„… der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann.“ – Picasso, Dezember 1937

Solche Kunst wirkt verstörend, führt den Menschen vielleicht in eine Abwehrhaltung, eine Krise – aber dann auch zu einer Reflexion, wodurch er zu einer Katharsis gelangen kann – zur Reinigung, wie es im klassischen Schauspiel der Fall ist. Damit kann Kunst den Betrachter zur Wahrheit führen, zur Überwindung seiner dekadenten Entwicklung, zur Erinnerung an moralische und ethische Werte und damit zu neuer Harmonie. Die Kunst kann also auch als moralische und ethische Instanz wirken und der Künstler hat die Verpflichtung, diese Werte der Gesellschaft zu vermitteln.

Das Schöne in der Kunst

Der Schönheitsbegriff hat sich im Laufe der Zeiten ständig gewandelt. Die molligen, wachsweissen Damen, die zu Rubens’ Zeiten als Schönheitsideal galten, haben in der heutigen Zeit ihre Attraktivität verloren. Heute gilt eine Frau als schön, die schlank, jugendlich und gebräunt ist.

Was andere als „hässlich“ ansehen, kann sich jedoch bei einem grossen Dichter oder Maler wie durch Magie in Schönheit verwandeln.

„In der Kunst ist tatsächlich einzig und allein das schön, was „Charakter“ hat. Charakter heisst die grosse innere Wahrheit eines jeden schönen und hässlichen Naturschauspiels. Was in der Natur als hässlich gilt, zeigt oft mehr Charakter als das, was man für schön hält, weil in dem nervösen Spiel einer krankhaften Physiognomie, in den tiefen Spuren einer lasterhaften Maske, in jeglicher Missbildung, in jedem Brandmal die innere Wahrheit viel leichter aufblitzt als auf regelmässigen gesunden Zügen.“ – Rodin

Ich habe es selbst so empfunden, als ich in einer Malschule das Aktzeichnen zu lernen begann. Es gab ein Modell, das wir Schüler am meisten liebten: eine schon betagte Dame mit massigen Oberschenkeln und verformten Zehen. Ihre Brüste hingen schlaff herab, ihr einst schönes Gesicht, das ein liebevolles Lächeln auf den Lippen zeigte, sass auf einem faltigen Hals und war von einer zu einem Knoten gefassten Frisur umrahmt. Sie entsprach ganz und gar nicht dem üblichen Bild einer weiblichen Schönheit. Doch sie hatte so viele Linien und Konturen an ihrem Körper, dass sich unsere Zeichenstifte an diesen barocken Formen festhalten konnten.

Dagegen war jedes junge Mädchen, mit glatter schlanker Figur einfach nur „langweilig“. Kein Gekräusel in der Linie eines abgewinkelten Ellenbogens oder Beins, keine Falten, die man abzählen konnte, einfach nur eine einzige geschmeidige Wellenlinie – wie öde! Für uns Aktzeichenschüler war dieses betagte Modell ein Hochgenuss und einfach „schön“, denn dieser vom Leben gezeichnete Körper hatte „Charakter“ und jede Zeichnung bekam einen wirklichen Ausdruck.

„Kunst gibt nichts Sichtbares wieder, Kunst macht sichtbar.“ – Paul Klee

„Die Kunst ist die erhabenste Aufgabe des Menschen, weil sie eine Übung für das Denken ist, das die Welt verstehen will und sie verständlich zu machen sucht.“ (…) Ein Meister ist, wer das, was jeder gesehen hat, mit eigenen Augen sieht und die Schönheit der Dinge erkennt, die zu gewöhnlich sind, um den anderen noch aufzufallen.“ – Rodin

Der Ausdruck in der Kunst ist immer der Versuch, eine gewonnene Erkenntnis in einer universellen Sprache dem Menschen zugänglich zu machen. Der Klang, die Worte, die Farben, die Komposition oder die Choreografie berühren unsere Seele auf den subtileren Ebenen und bringen sie zum „vibrieren“, wie Wassily Kandinsky es ausgedrückt hat. Dieses Vibrieren ist es wohl, was uns Menschen, zumindest für einige Augenblicke, in diesen Glückszustand versetzen kann, das Göttliche, das Mystische erfasst zu haben. Welch erhebendes Gefühl, von einer schönen Musik, einem Gemälde, einer Choreografie oder ergreifenden Poesie mitgerissen zu werden und mit dieser Welt in Einklang zu sein! Wenn Menschen diese Empfindungen wirklich dauerhaft teilen würden, gäbe es keine Zwietracht, keinen Krieg und keine Aggression mehr.

Kandinsky z. B. bearbeitete zeitlebens in seinen Bildern den Ausdruck der Natur, den Kampf von Gut und Böse, den Kampf der Gegensätze und ihre Harmonisierung, die Überwindung des Materiellen sowie den Aufbruch hin zur spirituellen Welt.

Auch für den Bildhauer Auguste Rodin war Kunst „Vergeistigung“:

„Sie bedeutet die höchste Freude des Geistes, der die Natur durchdringt und in ihr den gleichen Geist ahnt, von dem auch sie beseelt ist. Sie ist ein Genuss für den Verstand, der mit offenen Augen ins Universum schaut und es dadurch von Neuem erschafft, indem er es mit Bewusstsein erleuchtet.“ – Rodin

Kunst als Ausdruck einer toleranten, offenen Gesellschaft

Darum sind Kunst und ihre Förderung in all ihren Facetten der Ausdruck einer gereiften und sozial intakten Gesellschaft. So kann eine tolerante Gesellschaft entstehen, die für jede Form der künstlerischen Darstellung offen ist und nicht auf bürgerlich anerkannten Formen und Normen beharrt. So kann sie auch andersartigen Menschen und Lebensweisen gegenüber offen sein und Lösungen zu Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung anbieten.

Kunst ist ein Weg der Philosophie, ein Weg der Wahrheit. Und der Künstler ist derjenige, der die höchsten Ideale in eine Form „bannen“ und sie den Menschen in der „dunklen Höhle“ nahe bringen kann. Er kann durch sein Werk die Seelen der Menschen berühren und den göttlichen Funken in ihnen zum Leuchten bringen.

Von Gabriele Brünner – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

Bibliographie:

  • Auguste Rodin: „Die Kunst, Gespräche des Meisters“, gesammelt von Paul Gsell, Diogenes Verlag, Zürich 1979
  • Ulrike Becks-Malorny, „Wassily Kandinsky 1866-1944: Aufbruch zur Abstraktion“, Taschen Verlag 2007

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