Carl Gustav Jung, geboren am 26. Juli 1875 in der Schweiz, wuchs als scheuer, sensibler Junge heran, oftmals uneins mit den Vorstellungen seiner Eltern. Bereits als Kind war ihm klar, dass er sehr wenig über sich selbst wusste, und das wenige war so widerspruchsvoll, dass er keinen Tadel mit gutem Gewissen abstreifen konnte. Vorwürfe seitens seiner Lehrer und Schulkameraden trafen ihn stark, und in solchen Situationen fand er Zuflucht bei seiner Persönlichkeit Nummer Zwei, wie er sie nannte. Diese Persönlichkeit war sein wahres, authentisches Selbst, das tief zu den Wurzeln der Menschheit hinabreichte, vielleicht sogar in einen Bereich, der schon vor der Menschheit existierte. Persönlichkeit Nummer Eins war der andere, der Unzulängliche, Zerbrechliche und Schwache, welcher ihn so oft enttäuschte.

„Im Hintergrund wusste ich immer, dass ich Zwei war. Der eine war der Sohn seiner Eltern; der ging zur Schule und war weniger intelligent, aufmerksam, fleissig, anständig und sauber als viele andere; der andere hingegen war erwachsen, ja alt, skeptisch, misstrauisch, der Menschenwelt fern. Dafür stand er ehrfürchtig vor der Natur, der Erde, der Sonne, dem Mond, dem Wetter, der lebenden Kreatur und vor allem auch der Nacht, den Träumen und was immer “Gott“ in mir unmittelbar bewirkte“ – aus „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ von C.G. Jung

Durch seine Umwelt gedrängt, Persönlichkeit Nummer Eins zu spielen, liess ihn Persönlichkeit Nummer Zwei nicht zur Ruhe kommen. Es war diese starke schmerzliche Sehnsucht nach Ganzheit und Vollkommenheit. Er spürte, dass das Leben einen Sinn hatte, eine Aufgabe, ein Ziel verfolgte, aber wo und wie sollte er Antworten auf seine Fragen finden?

Die Begegnung mit Freud und die Krise

In das Jahr 1907 fiel Jungs erste, persönliche Begegnung mit Sigmund Freud. Durch Freuds tiefenpsychologischen Ansatz fand Jung entscheidende Bestätigungen für seine bisherigen Gedanken und Forschungen. Mit der Zeit bevorzugte Jung jedoch einen anderen Weg, was 1913 zu einer endgültigen Trennung von Freud und der psychoanalytischen Schule führte und Jung veranlasste, seinen Ansatz durch die Bezeichnung Analytische Psychologie abzugrenzen.

Die Zeit, die auf seinen Bruch mit Freud folgte, war eine Zeit des inneren Chaos. Verwirrende Träume und Visionen beschäftigten ihn, und diese wahre Sturzflut aus seinem Unbewussten liess ihn zeitweise an seiner eigenen geistigen Gesundheit zweifeln. Es waren die Jahre der Konfrontation mit seinem Unbewussten und die Zeit, in der neue Ideen keimten, die ihn später bis zum Ende seines Lebens beschäftigen sollten. Weder bei Freud noch in Büchern oder Theorien hatte Jung Antworten auf seine Fragen gefunden, und in jener Zeit des inneren Chaos erkannte er mehr und mehr, dass das Unbewusste eine psychische Realität war, welches eine eigene Sprache spricht – die universale Sprache der Bilder und Symbole.

Da er sich der Wissenschaft verpflichtet fühlte, wollte er die Bedeutung dieses ganzen Materials verstehen lernen und aufzeigen, dass diese subjektiven Erfahrungen wirklich waren und auch andere sie erlebten, dass sie zu den potentiellen Erfahrungen der gesamten Menschheit gehören. Dieser völlig neue Ansatz, das Wesen des Menschen zu beschreiben, stellte eine Revolution in der wissenschaftlichen Methodik dar.

Sechs Jahre dauerte seine Auseinandersetzung mit der Dunkelheit seines Unbewussten, dann dämmerte in ihm eine erste Ahnung des Lichts. Es begann, als er anfing, Mandalas zu malen. Das Mandala (Sanskrit: Kreis) gehört zu den ältesten religiösen Symbolen der Menschheit. Mandalas findet man in der Natur, der bildenden Kunst, den Tänzen vieler Völker, bei den Pueblo-Indianern als Sandzeichnungen, im Christentum des Mittelalters usw.

Die Entdeckung des Mandalas

Für Jung besass vor allem der tibetische Buddhismus die eindrucksvollsten und vollendetsten Mandalas. Im tantrischen Yoga dienen die Mandala-Bilder zur Meditation. Zentrum eines Mandalas ist die Ganzheit, die gelungene Vereinigung der psychischen Gegensätze, der vollendete Prozess der Selbstwerdung, der Individuation. Dieses Ziel wird oft durch eine Figur dargestellt, welche die höchsten religiösen Werte verkörpert (z.B. Buddha, Shiva, Christus).

Patienten Jungs malten spontan, aus ihrem inneren Erleben heraus Mandalas, ohne Vorbilder, ohne Kenntnisse des tibetischen Buddhismus oder äussere Beeinflussung. Auch bei diesen Mandalas richtete sich alles auf ein Zentrum aus. Das Ziel bestand darin, eine Vielfalt an Farbe und Form zu einer Einheit, einem Ganzen zu vereinen. Da Mandalas gerade dann, wenn sich der Patient in einer Phase der Verstörung, Desorientierung, der Unordnung befand, aus dem Unbewussten durch Träume und Visionen auftauchten, erkannte Jung die Funktion der Mandalas: ein natürlicher Versuch der Psyche zur Selbstheilung.

Mandalas repräsentieren die Urordnung des Kosmos oder auf den Menschen bezogen die Urordnung der Psyche. Im tantrischen Buddhismus erhalten die Schüler von ihrem Meister spezielle Anweisungen, wie sie ein bestimmtes Mandala, das die friedlichen und zornigen Gottheiten darstellt, visualisieren sollen. Diese Gottheiten symbolisieren die dualistische Natur allen Seins: Gut – Böse, Dunkel – Hell, Rajas – Tamas, Yin – Yang, all jene Kräfte, die bei jedem Menschen in den Tiefen der Psyche existieren.

Durch das geistige Betreten eines Mandalas setzt sich der Schüler mit seinem Geist, seinem Unbewussten auseinander, überwindet so schrittweise sein dualistisches Denken und gelangt langsam zu seinem innersten Zentrum, seinem Selbst, wo alle Gegensätze vereinigt sind.

Für Jung sind die Gesetzmässigkeiten, die sich durch Mandalas ausdrücken, Abbilder des mittleren Weges. Es ist jener Weg, der Siddharta Gautama zur Erleuchtung führte und in dem die Lösung für das Überwinden des Leidens liegt. Siddharta Gautama, der Buddha, bezeichnete diesen als den Weg der goldenen Mitte. Jung erkannte, dass alles im Leben darauf ausgerichtet ist, zum Selbst zu gelangen, zu einem Bewusstseinszustand der Leere – wie die tibetischen Buddhisten es nennen – einem Bewusstsein, das keine Gegensätze mehr kennt. Hierin liegt die Aufgabe, der Sinn der menschlichen Existenz.

„Erst als ich die Mandalas zu malen anfing, sah ich, dass alles, alle Wege, die ich ging, und alle Schritte, die ich tat, wieder zu einem Punkte zurückführten, nämlich zur Mitte. Es wurde mir immer deutlicher, das Mandala ist das Zentrum. Es ist der Ausdruck für alle Wege. Es ist der Weg zur Mitte, zur Individuation.“

Der Individuationsprozess

Individuation bedeutet nicht Individualismus im egozentrischen Sinn, sondern ist ein Prozess, der sich in jedem Menschen vollzieht, meistens spontan, natürlich, autonom und oft unbewusst. Als Reifungs- bzw. Entfaltungsprozess der Psyche kann er als Parallele zum Wachstums- und Alterungsprozess des Körpers angesehen werden. Er ist eine Widerspiegelung des Bestrebens der Psyche, ihre bewussten und unbewussten Inhalte in Einklang zu bringen, die Gegensätze zu vereinigen, das Selbst zu verwirklichen. Es ist die Sehnsucht und der Drang nach dem wahren, unsterblichen inneren Menschen, oder, in buddhistischen Worten ausgedrückt, nach dem Buddha-Bewusstsein in uns.

Es ist der Prozess der Integration und Transformation der Persönlichkeit, welcher seit Menschengedenken stattfindet. Dieser Prozess zielt auf eine vollständige Verwandlung der Persönlichkeit, und nichts, das zu dieser Persönlichkeit gehört, darf ausgeschlossen werden. Der Prozess erfordert eine ständige Kommunikation und Konfrontation zwischen Unbewusstem und Bewusstsein, zwischen Äusserem und Innerem, zwischen unseren Schatten und unseren Idealen. Es ist ein Kampf, jener innere Kampf des Menschen, der in unzähligen Mythen beschrieben wird.

Durch den tantrischen Buddhismus, unter der Anleitung eines Lamas, hat der Schüler die Möglichkeit, diesen Prozess bewusst zu erleben, zu verarbeiten und so zu seinem inneren Buddha-Bewusstsein zu gelangen. Aber dieser Weg ist nicht ungefährlich und bedarf daher der Führung durch einen initiierten Meister. Jeder Mensch kann und wird einmal diesen Weg gehen müssen – darin liegt die Bestimmung des Menschen.

Auch C.G. Jung spricht davon, dass durch bestimmte psychotherapeutische Methoden dem Menschen zu einer grösseren Vollständigkeit, zu einer Abrundung seines Wesens verholfen werden kann. Nach Jung ist dieser Weg aber nicht für jeden anwendbar und vor allem nicht ungefährlich. Er bedarf strengster Kontrolle durch den Therapeuten sowie durch das eigene Bewusstsein, um die Integrität des Ichs gegenüber den mächtig hereinbrechenden Inhalten des Unbewussten bewahren zu können. Das Alleine-Gehen dieses Weges führt leicht zu geistigem Hochmut, Grübelei und Vereinsamung des Ichs.

Vergleich und Brückenschlag

Der Buddhismus sagt, dass Leiden vollständig überwunden werden kann; dass das Erreichen der Erleuchtung, der Allwissenheit, den Übergang in eine andere Welt – dem Nirwana – ermöglicht. Im tibetischen Buddhismus ist dabei Voraussetzung, dass der Weg der Erleuchtung nicht aus eigenen Interessen heraus beschritten wird, sondern dass jede Art von Handlung aus der Bodhicitta-Motivation heraus geschieht, d.h. aus einem echten Mitgefühl für alle Wesen, den tiefsten Wunsch zu haben, die Buddhaschaft zu erreichen, um dadurch alle Wesen vom Leiden zu befreien. Diese Motivation tritt bei Jung nicht in den Vordergrund. Auch glaubt er nicht daran, dass der Mensch eine vollständige Ganzheit der Persönlichkeit erreichen kann, da das Unbewusste niemals völlig bewusst gemacht werden kann.

Sowohl Jung als auch der Buddhismus betonen die ethische Verpflichtung, die die Kenntnis des Unbewussten mit sich bringt.

“Die Selbsterforschung und Selbstverwirklichung führt nicht zum Individualismus, sondern ist die unerlässliche Voraussetzung für die Übernahme höherer Verpflichtung, und wäre es auch nur die, den Sinn des individuellen Lebens in bestmöglicher Form und in grösstmöglichem Umfang zu verwirklichen, was die Natur ja immer tut, allerdings ohne die Verantwortung, welche die schicksalsmässige und göttliche Bestimmung des Menschen ist.“

Obwohl nach wie vor vielen Menschen, und vor allem vielen Wissenschaftlern die Rationalität des Westens und die Spiritualität des Ostens als unvergleichbare Gegensätze erscheinen, ist es Carl Gustav Jung durch seine Arbeit gelungen, eine Brücke zwischen diesen zwei Kulturen zu bauen, ohne dabei seine Zugehörigkeit und Verwurzelung mit dem wissenschaftlichen Denken des Abendlandes aufgeben zu müssen.

Von Ulla Burmann – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

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