In der unermesslichen Weite des „Fernen Ostens“ nahmen viele tausendjährige Kulturen ihren Ursprung. Die Anfänge Chinas aber liegen in einer unergründlichen Vergangenheit verborgen; einen direkteren Zugang haben wir zu zwei Formen: Konfuzius und Lao Tse. Erinnern wir uns aber daran, dass der ursprüngliche Sinismus schon des öfteren gefallen und wieder auferstanden war, als sich der Konfuzianismus vornahm, zu den Quellen der Tradition zurückzukehren.

Philosophie

Konfuzius (551-479 v. Chr.) – ein Zeitgenosse von Pythagoras – war einer der grössten Weisen der Welt. Meister Kung was sein Name übersetzt bedeutet – sah die Welt vom rechten Wege abgewichen: Die Sitten waren in Verfall, kleinere Herrscher massten sich grosse Hofhaltung an, die Opferzeremonien wurden vernachlässigt.

Sollte unter diesen Umständen der Weise tätig werden, ein Amt zu übernehmen…? Der Konfuzianismus lehrt, das Leben zu bejahen und zu handeln – im Gegensatz zum Taoismus, der die Verschmelzung mit dem Göttlichen durch Meditation und Askese anstrebt, doch für viele in einer Art Weltflucht endete.

Leitbilder für Konfuzius waren die legendären Kaiser Yao, Shun und Yu. Zu ihrer Zeit wurden die Sitten geachtet, es wurde nicht verschwendet, die Herrschenden waren wirklich Edle (DJÜN DSE). So war Konfuzius ein Bewahrer der traditionellen Lehren und Lehrer der Herrschenden.

Nur wer die Macht in erster Linie über sich selber hat, kann die Welt verändern. Dazu ein Ausspruch von ihm: „Vergeblich bleibt jeder Versuch, Menschen und Völker durch äussere Reformen zu ändern; lass ab vom Trug der schönen Programme! Der Mensch veredelt sich selbst durch das ihm innewohnende Streben nach Selbstverwirklichung“. Mit anderen Worten gesagt veredelt sich der Mensch dadurch, dass er bei jeder Arbeit nicht an seinen eigenen Vorteil denkt, sondern das Wohl der Menschheit vor Augen hat – oder wie Schiller es formulierte: „Jede gründliche Staatsverbesserung beginnt mit der Veredelung des Charakters, dieser aber muss sich am Erhabenen und Schönen aufrichten“. Solange ein Mensch nicht selbstständig zu denken gelernt hat, kann auch bei ihm von keiner Entfaltung der geistigen Individualität die Rede sein, und je weniger Stärke der Charakter besitzt, um so leichter wird er fremden Einflüssen zugänglich sein.

Seine Zeit

Zur Zeit von Konfuzius befand sich China in Dekadenz. In der Dschou-Dynastie (8. – 4. Jahrhundert v. Chr.) vollzog sich der Verfall dieser Ordnung. Ursprünglich waren die Beziehungen zwischen Menschen und Göttern sowie alle Lebensformen und Handlungen nach bestimmten Regeln (Li) geordnet. Doch im Stadium des Niederganges waren sie nur mehr leere Formen, in denen die innere Gesinnung nach antiker Auffassung nicht mehr bestehen konnte. Die zentrifugalen Kräfte im Dschou-Reich wuchsen an. Die Lehen der Fürsten wurden zu selbstständigen politischen Einheiten, deren Herrscher sich zum Teil selbst König zu nennen begannen… Das Ganze geriet ins Wanken. Der Versuch einer Besserung der Verhältnisse erschien aussichtslos. Die staatsmännischen Kreise beschränkten sich auf die Durchführung einer opportunen Realpolitik. Die Prinzipien von der Macht der Moral als Staatspolitik waren in Vergessenheit geraten, der Einfluss der einzelnen Staaten beruhte auf ihrer Militärmacht. Eine tiefgreifende Fäulnis hatte alle Kreise durchsetzt, und die alten Grundsätze der Kultur waren in Auflösung begriffen. Es war eine Art Weltuntergang einer grossen Kultur, der sich langsam, aber sicher vollzog.

Wie es häufig in solchen Dekadenzzeiten zu sein pflegt, war ein gewisser Schimmer intellektueller Regsamkeit über das Ganze gebreitet. Frech und geistreich wurde an den Einrichtungen der Vergangenheit Kritik geübt, neue Gesellschaftstheorien wurden erdacht. Auf der anderen Seite machte sich eine frivole Preisgabe aller Ideale zugunsten des blossen Auslebens der animalischen Natur bemerkbar. Gegenüber dieser Not der Zeit konnten die geistig bedeutenden Männer, die die Tradition des alten Taoismus fortführten und unter denen Laotse der berühmteste ist, keinen anderen Rat als den, sich aus dem Wirrsal der Welt zurückzuziehen und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Das waren die Verhältnisse, die Konfuzius bei seinem Auftreten vorfand.

Sein Leben

Konfuzius stellte in seinem Heimatstaat wieder Ordnung und Sitte her. Einerseits erntete er Undank, aber andererseits eilte ihm sein guter Ruf über die heimatlichen Grenzen hinaus voraus. Als sein Fürst sich aber von schönen Tänzerinnen verführen liess und so seine Pflichten als Regierender vernachlässigte, gab es für Konfuzius hier keinen Platz mehr. Da nahm er mit 55 Jahren den Wanderstab und suchte neue Stätten für sein Wirken, die verworrene Erde wieder zur Klarheit zu bringen.

Er selbst fühlte keine Veranlassung, seine Gedanken schriftlich niederzulegen, denn sie waren bei seinen Schülern und Jüngern besser aufgehoben. Seine Lehre kam erst Jahrhunderte nach seinem Tode zum Tragen und wirkte über eine Zeitspanne von mehr als zwei Jahrtausenden. Im Jahre 141 v. Chr. beschloss Kaiser Wu-ti der Han-Dynastie, die Konfuzianer mit der Verwaltung des Reiches zu beauftragen. Von da an bestimmte die Lehre des Meisters Kung ganz China. Das „Warum“ des grossen Ansehens und des Einflusses von Konfuzius muss man im System der konfuzianischen Ideen suchen, die als solche in ihren historischen Zusammenhang eingefügt zu erkennen sind und darüberhinaus in jenen Ideen, die über den zeitlichen Rahmen hinausgehen, und heutzutage mit zeitlosen Werten weiterbestehen. Im Jahre 687 wurden in allen Städten Chinas Konfuzius zu Ehren Tempel errichtet. Zwischen 1130 und 1200 ist der Konfuzianismus jedoch zu einer leeren Form geworden und zum Dogma erstarrt.

Seine Lehre

Seine Lehre ist sehr rein und ursprünglich, doch der spätere Konfuzianismus ist mit ihr nicht mehr identisch. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass „Wissen“ kein erkenntnistheoretischer, sondern ein ethischer Begriff ist. Wissen besteht hier mehr aus „Weisheit“, wobei dieses Wissen mit der Anwendung eine Einheit bildet. Man geht von der höchsten Tugend aus – der Gerechtigkeit – und von der eigenen, inneren Erhebung, einer starken Moral und einer unerschütterlichen inneren Haltung. Nur so wird man würdig, um überhaupt von den Göttern und von Gott sprechen zu dürfen. Gott zu erleben und zu verstehen sei nach den Stoikern nur Seelen möglich, die durch die Tugend entwickelt und erstarkt sind. Und als einmal ein Schüler fragte: „Meister, welche ist die geeignetste Form, den Göttern zu dienen?“, antwortete dieser: „Bevor du den Göttern dienst, strebe danach, deinen Mitmenschen zu dienen; sie edel, tapfer, ehrenhaft, gerecht und tugendhaft zu machen; wenn du das erreicht hast, dann widme dich den Göttern.

Die zentrale Lehre des Konfuzianismus sagt, dass der geistige Mensch nicht notwendigerweise ein asketisches Leben führen muss, sondern dass die Vereinigung mit dem Höheren inmitten des irdischen Lebens gelingen kann, da sich ja die Hindernisse dafür nicht ausserhalb von uns, sondern in uns befinden. Dabei sei die Ethik die Wissenschaft, die den Menschen zu harmonisieren sucht, damit in ihm die Quellen des Guten und der Gerechtigkeit keimen. Politik sei die Wissenschaft und Kunst der Führung, Erziehung und Harmonisierung der Gesellschaft; es gilt, sie zu erheben und auf keinen Fall zu vernachlässigen.

Die Wurzel der konfuzianischen Gedanken sind im Ausdruck der „Ordnung“ zu finden. Ordnung ist Vollkommenheit, Harmonie und Ideal. Diese Ordnung stützt sich auf das sogenannte pyramidale System, das die Weisheit von oben nach unten fliessen lässt, formt und lehrt, weder unterdrückt, noch die Individualität des Einzelnen einschränkt. Das Wort „Hierarchie“ meint ja gerade in seiner ursprünglichen Bedeutung diese „heilige Ordnung“, die im ganzen Kosmos existiert, vorausgesetzt er ist gesund. Konfuzius gründete keine Religion; ganz im Gegenteil: Er war leidenschaftlicher Pfleger der Tradition, mit allem was sie in Bezug auf Erhaltung und Verständnis der ältesten Symbole bedeutet. Die ordnende Kraft „Li“ stand grundsätzlich im Zeichen des „Bewahrens“. Jede andere Entwicklung wäre eigentlich ein sich wegentwickeln von dieser ursprünglichen göttlichen Ordnung. Konfuzius sagt von sich als Lehrer: „Ich übermittle, aber ich schaffe nichts Neues. Ich glaube an das Alte und liebe es“.

In der Tat hat es niemals Religionsgründer gegeben, sondern nur Überlieferer bzw. Erneuerer oder Reformatoren einer überzeitlichen Lehre universalen Charakters; denn die Wahrheit, auf der ihre Lehren beruhen, ist so alt wie die Menschheit. Man vergleiche dazu eine Aussage von Giordano Bruno, dem grossen Philosophen und Wissenschaftler des Mittelalters: „Nichts Neues unter der Sonne“.

Für Konfuzius gab es ein grosses Werk zu tun: Er sammelte alte Lieder, Urkunden und Aussprüche von Weisen, sichtete und stellte dieses Erbgut Chinas in vier Büchern zusammen: Buch der Wandlungen (I-Ching), Buch der Urkunden (Shu-Ching), Buch der Lieder (Shih-Ching) und Buch der Riten (Li-Ching). Diese Bücher von an sich schon beträchtlichem Umfang sind noch von ausführlichen Kommentaren begleitet, ohne die selbst unsere grössten Gelehrten es nicht wagen würden, die Tiefe ihres heiligen Kanons zu ergründen. Diese heiligen Bücher haben ein Alter von 2200 Jahren. Konfuzius selbst las das Buch der Wandlungen so oft, dass er es dreimal neu binden lassen musste. Er sog aus diesem Buch seine beste Kraft – Keim und Kern aller Weisheit sei dort angelegt. Für ihn war die Unsterblichkeit der Seele eine Realität und er nannte die Wiederverkörperungen „Wandlungen“. Er lehrte die Kugelgestalt der Erde und das heliozentrische Weltbild (Helios = die Sonne im Zentrum unseres Kosmos) – indes bedrohten und verbrannten Roms Päpste noch im Jahre 1600 die Ketzer wegen dieser Lehre. Konfuzius nennt die Gottheit „das grosse Extrem“, weigerte sich aber zu erklären, was er darunter verstand. Doch jeder initiierte Lehrer hat ausnahmslos Verschwiegenheit in Bezug auf gewisse göttliche Geheimnisse geübt. Auch Konfuzius lehrt eine uralte Ethik: Wer die Brüderlichkeit nicht lebt, hat keine Tugend in sich. Seine Lehre ist sehr einfach, aber gerade darum findet der verblendete Europäer so schwer den Weg zu ihm. Konfuzius ist wie Erde, Wasser, Sonnenlicht: hell, heiter, ehrlich, im tiefsten gesund wie jedes lautere Element. Es ist ihm selbstverständlich, Kranken und Schwachen zu helfen, doch mehr gilt ihm, den Geist gesund zu machen, so dass der Mensch sich selber helfen kann. Laut Konfuzius wecken und erheben die Lieder und die Poesie den Menschen, die Riten (Li) festigen seinen Charakter und geben ihm Halt, die Musik vervollständigt die Erziehung und durch die Güte würde der Mensch die Selbstvollendung erlangen… „Ein Mensch ohne Güte, was hilft dem die Form? Ein Mensch ohne Güte, was hilft dem die Musik?

Die Achse der Welt

Ein alter Mythos berichtet davon, dass der „strahlende Herrscher“ (Huang-ti, auch: Gelber Kaiser) Ch’ung-li damit beauftragte, die Verbindung zwischen Erde und Himmel abzubrechen, damit das Herabkommen von Göttern aufhöre… Davor wird von einem paradiesischen Zustand der Urzeit berichtet, in der die grosse Nähe zwischen Erde und Himmel es den Göttern erlaubte, hinabzusteigen und sich unter die Menschen zu mischen; und den Menschen, auf ein Gebirge, einen Baum oder eine Leiter zu klettern und zum Himmel hinaufzusteigen oder sich von einem Vogel dorthin tragen zu lassen. In der Folge eines mythischen Ereignisses – eines „rituellen Fehlers“ – wurde der Himmel grausam von der Erde getrennt, der Baum wurde abgeschnitten oder das Gebirge, das den Himmel berührte, eingeebnet. Trotzdem sind noch einige – Mystiker, Heroen, Herrscher in der Lage, in besonderen Momenten zum Himmel hinaufzusteigen und so die in jener Zeit unterbrochene Kommunikation wieder aufzunehmen. Während der ganzen Geschichte Chinas findet man das, was man Sehnsucht nach dem himmlischen Ursprung nennen könnte, nach einer Zeit, in der die Einheit herrschte, nach der Zeit, in der man direkt mit den Göttern in Kontakt treten konnte.

Der Herrscher verkörpert wie auch andere Symbole (Baum, heiliges Gebirge etc.) den „Mittelpunkt der Welt“ – in gewisser Weise die axis mundi – er bildet das magische Band zwischen Himmel und Erde. Doch nun war die Welt aus den Fugen geraten und hatte den rechten Weg verlassen, weil sie „Li“ nicht mehr zu bewahren verstand, sie war „wu dao“ – ohne Tao. Dies zeichnete sich in der Missachtung herkömmlicher Beziehungen, der Anmassung, der Gefahr der Umkehrung von Oben und Unten, der Missachtung einer natürlichen Ordnung und im Verfall der Hierarchie der Werte ab. All das, meint Konfuzius, führt zum Chaos: „Man kennt die Pflichten, aber man kommt ihnen nicht mehr nach. Was an einem nicht gut ist, vermag man nicht zu ändern. Das sind Dinge, die mir Sorge bereiten…“ Konfuzius erklärte, man müsse die rituellen Bräuche vollziehen, da sie zum Leben eines „Edlen“ gehören.

Der Djün Dse

Konfuzius erkennt die Vorrangstellung des Himmels (Tien) an, denn „T’ien interessiert sich für jedes einzelne Individuum und hilft ihm, besser zu werden. Der Himmel hat die Tugend (te) in mir geschaffen“. Konfuzius erklärte, man müsse die Opfer und anderen rituellen Bräuche vollziehen, da sie zum Leben eines „höheren Menschen“, eines „Edlen“ gehören. Der Himmel würde dies schätzen, ebenso wie eine moralische Lebensführung und vor allem eine gute Regierung. Die metaphysischen Spekulationen bezüglich des Himmels und des Lebens nach dem Tod seien unnütz. Der „höhere Mensch“ muss sich zunächst um die konkrete menschliche Existenz kümmern, so wie sie hier und jetzt gelebt wird. Konfuzius legt grossen Wert auf eine „vollkommene Erziehung“, das heisst eine Methode, die fähig sein soll, ein gewöhnliches Individuum in einen höheren Menschen umzuformen. Jeder kann ein „edler Mensch“ werden, unter der Bedingung, dass er das mit dem Tao in Einklang stehende zeremonielle Verhalten lernt. Und es ist nicht leicht, dies zu beherrschen. Es handelt sich nämlich nicht um eine rein äusserliche Anwendung der Riten, denn jedes zeremonielle Verhalten löst gleichzeitig eine innere Verwandlung aus.

Als man Konfuzius fragte, womit man beginnen müsse, antwortete er: „Mit der Richtigstellung der Namen: denn stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind Anstand und gute Sitten in Frage gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiss das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll…“ Jeder Mensch sollte Philosoph sein d. h. die Wahrheit suchen – aber nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern aus einer Verpflichtung gegenüber der Menschheit, das erlangte Wissen weiterzugeben. So besteht das chinesische Zeichen für „Philosophie“ („zhe-xue“) aus zwei Teilen: „Hand bzw. Axt“ und „Mund“; dies stellt die Einheit von Handlung und Rede (Rhetorik) dar. Es bedeutet die innere Harmonisierung der Ethik – also so zu handeln, wie man denkt. Dem moralischen Beispiel, vor allem der Vorbildwirkung des Herrschers, misst Konfuzius eine besondere Bedeutung bei. Das Wesen des DJÜN DSE zeigt sich „wie in einem Spiegel im Volke“. Ein Edler wird man durch Selbstbeherrschung und bestimmte natürliche Fähigkeiten. Güte, Weisheit und Mut seien seine besonderen Tugenden. An dieser Stelle möchte ich einen Vergleich zu Platon anstellen, worin die Anforderungen an einen „Menschen aus Gold“ (gleichbedeutend dem DJÜN DSE) folgende sind: Verlässlichkeit, Mut, Liebe und scharfe Urteilskraft für die Wissenschaften, innere Festigkeit und unermüdliche Arbeitsfreude, Tapferkeit, Vereinigung von praktischen Erfahrungen und theoretischen Kenntnissen, Besonnenheit, Grosszügigkeit, Gerechtigkeit und eine massvolle und anmutige Lebensart.

„Wer wirklich gut ist, ist niemals unglücklich.“ – Konfuzius

„Glück entsteht durch das Praktizieren der Tugend über eine lange Zeit des Lernens hindurch.“ – Aristoteles

Doch die wirkliche Erfüllung eines solchen edlen Menschen liegt darin, zu regieren. Für Konfuzius wie für Platon gibt einzig die Kunst der Politik die Mittel in die Hand, Frieden und Glück für eine möglichst grosse Zahl von Menschen zu sichern. Die Aufgabe des DJÜN DSE sei es daher, die Gesellschaft nach moralischen Kriterien zu ordnen, d. h. Rang und Stellung des Einzelnen müssen sich von seinen moralischen Qualifikationen ableiten. So verheisst „Li“ Ordnung und Harmonie. „Ren“ dient dabei zur Durchsetzung von Li und bedeutet die Liebe zur Menschheit. Der DJÜN DSE erzieht durch sein gutes Beispiel und es erhält jeder die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, um sich zu verwandeln. Doch wie wir gesehen haben, ist die Kunst des Regierens, wie jedes Verhalten und jeder bedeutsame Akt, ein Ergebnis einer speziellen Erziehung philosophisch-religiöser Art. Um zum Würdigsten, Fähigsten und Tapfersten zu werden (bei den Griechen „aristos“) waren viele sowohl innere als auch äussere Schritte notwendig. Denn bereits vom Volk wurde einiges verlangt wie Ehrfurcht, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Treue, Selbstüberwindung, Geradlinigkeit, Ausdauer, Standhaftigkeit, Entschlossenheit, Höflichkeit, Achtsamkeit und gewissenhafte Pflichterfüllung. Der mit dem edelsten Herzen, den klarsten Gedanken und den wirkungsvollsten Handlungen steht in der Mitte und stellt gleichzeitig die Spitze dar, welche Sicherheit und Stabilität gibt. Der DJÜN DSE hat alle Fähigkeiten und Tugenden in der höchsten Tugend – der Gerechtigkeit – vereint. Er ist entschlossen, sich für höhere Werte einzusetzen und aus Liebe hat er die Verantwortung einer menschenwürdigen und gerechten Regierung auf sich genommen, um u. a. Formen aufzubauen, damit die ursprüngliche himmlische Ordnung wieder hergestellt werden kann. Regieren ist daher ein Praktizieren der Tugend und ist gleichbedeutend mit höchster Hingabe und grösstem Liebesopfer; solche Aufgaben werden nur einem Edlen vorbehalten sein, denn nur er wird auch diese Bürde tragen können.

Der DJÜN DSE hat die grosse Verantwortung, vor dem Himmel gerecht zu werden, andererseits steht damit aber auch die überragende Bedeutung des Lehrers im Vordergrund. Hiermit hängt zusammen, dass die Schüler zu ihrem Lehrer so etwas wie ein Sohn-Vater (Jünger-Meister)-Verhältnis mit einer sehr tiefen und lebendigen Bindung entwickelten. Die Gedanken Konfuzius‘ erinnern uns an die Aussagen Platons zum Thema „Gerechtigkeit“ nämlich: es müsse sich alles an seinem gerechten Platz befinden, um optimal wachsen zu können. Um alle Menschen ihrem geistigen Ursprung näherzubringen, bedarf es einer jedem gerecht werdenden Erziehung. Denn alle haben das gleiche Recht auf Entwicklung ihrer Seele, doch sind die Menschen nicht alle gleich aufgrund ihrer unterschiedlichen äusseren und inneren Fähigkeiten. Jeder sollte das machen können, was er am besten kann – allerdings aufgrund seiner moralischen Grösse. Gerechtigkeit ist, dass sich alles an seinem gerechten Platz befinden kann.

Für jene, die danach streben, sich in einen DJÜN DSE zu verwandeln, gibt Konfuzius einige Denkanstösse:

Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst, der Gemeine an die anderen.

Der Edle ist tolerant mit allen und nicht sektiererisch. Er ist würdig, aber nicht stolz.

Er ist in sich gefestigt und darum auch immer ein Meister der Form.“

„Ein Edler sucht die Schuld bei sich selbst, während ein gewöhnlicher Mensch alle anderen beschuldigt.“

„Beantworte das Gute mit Güte, aber das Schlechte mit Gerechtigkeit.“

„Wenn ein Mensch sich selbst gegenüber streng wäre und grosszügig zu den anderen, würde er niemals Vorbehalte bei anderen erwecken.“

„Wenn du einen guten Menschen siehst, versuche seinem Beispiel nachzueifern; und wenn du einen schlechten Menschen siehst, erforsche deine eigenen Fehler. Denn nur die Allerweisesten und die Allerdümmsten ändern sich nie.“

Die wahre menschliche Natur besteht darin, dein eigenes Ich zu erkennen und die Ordnung oder moralische Disziplin wiederherzustellen. Wenn dir das gelingt, wird dir die Welt folgen. Ein wahrer Mensch zu sein, hängt also von dir selbst ab. Durch Tugend regieren, das ist, als sei man der Polarstern: Er bleibt am gleichen Ort stehen, während die anderen Sterne ehrerbietig um ihn kreisen“. Der DJÜN DSE lebt mit den Zeitgenossen, aber er studiert die Alten. Das, was er heute macht, wird sich in ein Beispiel für die folgenden Generationen umwandeln. Wenn er in einem Zeitalter des politischen Chaos lebt, bittet er die Mächtigen nicht um Gefallen, noch wird er von den Unteren gefördert. Und wenn sich die Kleinkarierten zusammentun, um ihn zu verleumden oder zu beschimpfen, kann sein Leben plötzlich bedroht sein, aber sein Verhalten ändert sich nicht. Auch wenn er in Gefahr lebt, bleibt er Herr über seine Seele und auch dann vergisst er nicht die Leiden des Volkes. Solcher Art ist sein Gefühl von Verantwortung“.

Um dem Leser zu zeigen, dass Konfuzius weder der erste, noch der einzige war, der uns die Ideale des wahren Menschseins näherbringen wollte, möchte ich auszugsweise mit einem alten aztekischen Text abschliessen und gleichzeitig zum weiteren vergleichenden Studium der klassischen Philosophie – wie wir es hier in Neue Akropolis betreiben – anregen:

„Der rechte Weise ist eine Leuchte, eine starke Fackel, ein klarer Spiegel. Er ist den Menschen ein Vorbild, er ist der Weg, der Begleiter, ihr Leiter, der ihnen vorangeht. Der wahre Weise ist wie ein Arzt, ein Hüter, ein Mann, zu dem man Vertrauen hat und der des Vertrauens würdig und wert ist. Ein Lehrer der Wahrheit, ein Mahner, ein Erzieher, der das gute Beispiel gibt, der einem die Augen und die Ohren öffnet. Der einem die Richtung weist und den Weg verkürzt und einen immer begleitet. Auf ihn stützt man sich, auf ihn vertraut man, ihm schliesst man sich eng an. Er gibt den Herzen der Menschen Sicherheit und ist ihnen Stütze zugleich…“

„Die wahre menschliche Natur besteht darin, dein eigenes Ich zu erkennen und die Ordnung oder moralische Disziplin wiederherzustellen. Wenn dir das gelingt, wird dir die Welt folgen. Ein wahrer Mensch zu sein, hängt also von dir selbst ab. Durch Tugend regieren, das ist, als sei man der Polarstern: Er bleibt am gleichen Ort stehen, während die anderen Sterne ehrerbietig um ihn kreisen“.

Von Ingrid Moser – Artikel aus dem Magazin Abenteuer Philosophie

Bibliographie:

  • Eliade, Mircea: „Geschichte der religiösen Ideen – Quellentexte“, Herder, Freiburg 1981
  • Konfuzius: „Gespräche“, Reclam, Leipzig 1991
  • Blavatsky, Helena P.: „Die Geheimlehre“, Verlag J. J. Couvreur, Den Haag
  • Blavatsky, Helena P.: „Isis entschleiert“, Verlag J. J. Couvreur, Den Haag
  • Wegner, Helena: „Beiträge zur Geschichte der Ingrid Moser“, NA-Graz Weisheitsreligionen, Adyar-Verlag, Graz 1977

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