Trauern Sie sich frei!
Eine schwungvolle und etwas fremdartige Melodie erklingt. Ich horche auf, sie kommt mir bekannt vor. Plötzlich habe ich einen Kloß im Hals, Tränen schießen in die Augen. Ich bin zutiefst traurig. Den „Ungarischen Tanz“ aus dem Mittelalter hat mein Vater geliebt. Zu seinen Klängen tanzte er, hat im Takt gestikuliert und freudig mitgesungen. Jetzt ist mein Vater tot.
Man muss durch die Nacht wandern, wenn man die Morgenröte sehen will.
Khalil Gibran
Wieder einmal dieser „plötzliche Überfall“ von Traurigkeit. Ich beobachte des Öfteren, dass Trauern ein Wechselbad der Gefühle darstellt und dass es einen unerwartet überfallen kann. In der allerersten Zeit nach meines Vaters Tod erlebte ich einen „Gefühls-Cocktail“ aus Wut, Angst um meine Mutter, Traurigkeit, Ärger und zwischendurch auch Freude. Ein emotionales Durcheinander.
Als praktische Philosophin interessiert mich das sehr und ich habe begonnen, das Phänomen Trauer zu erforschen. Außerdem hatte ich vor Kurzem in meinem Brotberuf als pädagogische Fachberaterin eine Fortbildung besucht: „Trauer – Verluste beziehungsvoll begleiten“.
Mein erster Kontakt mit einem schweren Verlust hatte ich als kleines Kind. Meine neugeborene Schwester Gunhild starb nach einem Monat an einem Herzfehler. Wir drei kleinen Mädchen (sechs, vier und zwei Jahre alt) wurden in den Trauerprozess miteinbezogen und gingen mit unseren Eltern auf den Friedhof, wo ein kleiner silberner Sarg mit Spitzenbesatz auf dem Grab stand. Mein Vater leitete ein kleines Ritual und wir warfen Blumen und Erde auf den Sarg. Besonders beeindruckte mich, dass wir alle gemeinsam weinten. Es war schwer, wir waren unglücklich und traurig. Doch ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie uns das zugemutet haben.
Verena Kast: „Das Unglücklich-Sein ist ein ganz normaler Teil des Lebens.“
Die Themen Krankheit, Alter und Tod werden heute verdrängt … Man versteht ihren Sinn und ihre Bedeutung nicht. Dabei erlangte Siddhartha Gautama, der Buddha, seine Erleuchtung, weil ihn diese drei Aspekte des Leids erschütterten. Und er machte sich auf die Suche nach deren Sinn und Überwindung. Und erkannte, dass der Hauptgrund im Anhaften liegt. Da alle Menschen krank werden können, altern und sterben, besteht eine menschliche Lernaufgabe darin, den Verlust von Gesundheit, Jugend und Leben zu akzeptieren und durch einen Trauerprozess seinen Frieden damit zu schließen. Und so Erleuchtung zu erlangen.
Die östliche Philosophie von Dharma und Karma lehrt etwas Essentielles: Alles hat einen Sinn und ist für unser inneres Wachstum notwendig. Vor allem auch Leid und Unglück, das uns aufrüttelt, nachdenken lässt und uns auffordert, deren tiefe Bedeutung zu verstehen. So stellen Schicksalsschläge und Schwierigkeiten uns auf die Probe.
Auch deshalb ist Trauern so wichtig. Weil wir im Leben immer wieder damit konfrontiert sein werden. Wir werden alle etwas oder jemanden verlieren und schließlich auch das eigene Leben.
Welche „Trauer-Aufgaben“ gibt es?
1. Den Verlust als Realität anerkennen
Der Trauerforscher J. William Worden sagt, dass wir zuerst die Unabänderlichkeit des Verlustes anerkennen müssen, denn oft erleben wir die Situation „wie einen bösen Traum“. Wenn wir das Geschehene klar benennen, hilft es uns, die Tatsache zu realisieren und zu akzeptieren. Das ist vor allem auch für Kinder wichtig.
2. Den Schmerz durchleben
Unterschiedliche und wechselnde Gefühle können aufkommen: Traurigkeit, Verzweiflung, Wut, Angst, Schuld, Einsamkeit, Ohnmacht, … Es ist wichtig, diese zu durchleben, den tiefen Schmerz zuzulassen.
3. Die neue Realität akzeptieren
Und das Verlorene als Erinnerung integrieren. Manchmal muss man neue Lebensaufgaben auf sich nehmen und latente Potenziale entfalten. Dies ist eine große Chance, sich weiterzuentwickeln und ein stärkeres Selbstbewusstsein zu gewinnen.
4. Eine neue Identität entwickeln
Einerseits ist es wichtig, uns zu erinnern und die vergangenen Erfahrungen und Erlebnisse zu bewahren. Andererseits ist die veränderte Realität auch ein Aufruf, in ein neues Leben aufzubrechen und sich selbst neu zu definieren. Im alten Indien trennten sich Ehepaare bereits zu Lebzeiten für die letzten Jahre, um sich selbst zu finden.
Ähnlich sind auch die Trauer-Phasen der Schweizer Psychologin Verena Kast:
1. Trauerphase: Nicht wahrhaben wollen
Auf einmal ist alles anders. Man ist verzweifelt, hilf- und ratlos. Man kann und will nicht glauben, was passiert ist. Der Tod hat etwas Überwältigendes, der Schock sitzt tief. Die Tiefe und Länge der Phase hängen von den Umständen des Todes ab, sie kann wenige Stunden bis – vor allem bei plötzlich eingetretenen Todesfällen – mehrere Wochen dauern.
Mögliche Hilfen: Trauernde nicht alleine lassen und sie nicht in ihren Reaktionen bevormunden; Wärme und Mitgefühl vermitteln und eigene Gefühle aussprechen; Unterstützung im Alltag; Hilfe bei Regelungen, die im Zusammenhang mit dem Todesfall stehen.
2. Trauerphase: Aufbrechende Emotionen
Leid, Schmerz, Verzweiflung, Wut, Zorn, Traurigkeit und Angst können auftreten. Man hadert mit dem Schicksal, schreit vielleicht seinen Schmerz heraus, Wut und Zorn entstehen gegen Gott und die Welt. Aber auch gegen den Toten können Vorwürfe gerichtet werden: „Wie konntest du mich nur im Stich lassen?“ Aggressive Gefühle können sich gegen sich selbst oder auch das Umfeld richten. Man sollte diese starken Gefühle nicht unterdrücken. Sie helfen dem Trauernden, seinen Schmerz besser zu verarbeiten. Werden sie nicht zugelassen, können diese Gefühle viel zerstören, sie führen nicht selten zu Depressionen und Schwermut. Die Dauer dieser Phase lässt sich nur schwer abschätzen, man spricht von ein paar Wochen bis zu mehreren Monaten.
Mögliche Hilfen: Gefühlsausbrüche zulassen; nicht von ungelösten Problemen, Schuld und Konflikt ablenken; Schuldgefühle schlicht zur Kenntnis nehmen; Anteil nehmen, da sein und zuhören; Anregungen für alltägliche Hilfen geben (z. B. Tagebuch schreiben, malen, Musik hören, Spaziergänge, Entspannungsübungen, Bäder …)
3. Trauerphase: Suchen und sich trennen
In der Trauer sucht man nach dem verlorenen Menschen, Objekt oder Lebensgefühl. Man sucht gemeinsame Orte mit Erinnerungswert. Gewohnheiten des Verstorbenen werden übernommen, vielleicht auch Gegenstände oder Kleidungsstücke. Gemeinsame Erlebnisse werden gleichsam als „Edelsteine“ gesammelt. In inneren Zwiegesprächen wird eine Klärung offener Punkte möglich, kann Rat eingeholt werden. Durch diese intensive Auseinandersetzung entsteht oft ein starkes Begegnungsgefühl. Das ist unheimlich schmerzhaft und unendlich schön zugleich. Suizidale Gedanken sind in dieser Phase relativ häufig. Diese Phase kann Wochen, Monate oder Jahre dauern.
Mögliche Hilfen: Alle Erlebnisse der Vergangenheit dürfen ausgesprochen werden; akzeptieren, dass immer wieder in den verschiedensten Formen „gesucht“ wird; Geduld und zuhören – auch wenn man all die Geschichten schon kennt; bei suizidalen Äußerungen kontinuierlich begleiten; kein Drängen auf Akzeptieren des Verlustes; unterstützen bei der Neuorientierung.
4. Trauerphase: Neuer Selbst- und Wertebezug
Nach einiger Zeit erkennt der trauernde Mensch, dass das Leben weitergeht und dass man dafür verantwortlich ist. Neue Pläne werden geschmiedet. Er erkennt, dass der Verstorbene Teil des eigenen Lebens bleibt und in den Erinnerungen weiterlebt. Es entsteht eine neue Art der Gemeinschaft, eine Seelenverbindung und irgendwie merkt man, dass man nicht getrennt ist.
Mögliche Hilfen: Veränderungen im Beziehungsnetz des Trauernden begrüßen und unterstützen; Neues akzeptieren und sensibel bleiben für Rückfälle.
Leuchtende Tage, nicht weinen, dass sie vorüber, lächeln, dass sie gewesen sind.
Konfuzius
Der praktische Tipp
Eine positive Haltung angesichts (scheinbar) negativer Ereignisse einnehmen. Probieren Sie es aus, es ist ein spannendes Experiment und macht stark!
Trauern Sie sich frei! wünscht Gudrun Gutdeutsch ap
TEXT: Gudrun Gutdeutsch
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